Warten, mein Freund? Worauf?

Oder: haben Gedichte ein Verfallsdatum?

Cover-Ausschnitt des Gedichtbands "Kalt steht die Sonne" - Bildmotiv: Karl-Josef Berger

Cover-Ausschnitt des Gedichtbands „Kalt steht die Sonne“ – Bildmotiv: Karl-Josef Berger

Eigentlich hatte ich gehofft, an dieser Stelle hier bereits meine Besprechung des Romans Der Junge, den es nicht gab vorstellen zu können, dieses erneuten belletristischen Kleinods, das Sjón, der isländische Ausnahme-Schriftsteller, uns dank der Übersetzungsleistung von Betty Wahl seit einigen Tagen auch in deutscher Sprache kennen lernen lässt – sie wird mich, falls die Enkel es zulassen, aber wohl doch noch übers Wochenende begleiten müssen, um zu einem mich zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen!

Auf der Suche nach Foto-Motiven zu ihrer Bebilderung (die übliche „Auszeit“, wenn der nächste Satz, der zu folgende Abschnitt sich nicht auf Anhieb formen lassen will…) stieß ich dabei noch einmal auf das hier abgebildete Graffiti, das ich vor gar nicht so langer Zeit in Reykjavík, Islands Hauptstadt, gesehen habe…

Graffiti in Reykjavík, Island - Foto: Wolfgang Schiffer

Graffiti in Reykjavík, Island – Foto: Wolfgang Schiffer

Despise rules & see through fools!

Ein Satz, ein Rat, der sehr meinem (nicht nur derzeitigem) Denken und Fühlen entspricht – und dessen Befolgung wohl nie so befreiend sein könnte wie gerade heutzutage, in dieser in vielem doch angeblich so alternativlosen Welt, die uns noch durchsichtiger haben will, als es die Glasaale von Natur aus sind…

Doch dann erinnerte ich mich eines Gedichts, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe – Warten, mein Freund? Worauf? – und als ich es noch einmal las, wurde mir schon ein wenig schmerzhaft klar, dass ich die Welt wohl auch damals nicht als besser empfand…

Warten, mein Freund?

Worauf?
Die weitere Entwicklung der Dinge ist vorhersehbar.
Die Erde wird Brachland selbst
bei unverändertem Abstand zur Sonne,
und dieselbe Sonne wirft bis dahin nur noch
Schatten über die Menschen aus.

Nachts in den Träumen
scheint der Mond uns blutig,
und die Aufschreie im Kopf
bleiben stumm am Tag.
Eine gleichgültig funktionierende Ordnung macht sich breit:
Auch ich habe mich gestern wieder ertappt
beim Ausrichten des leeren Blattes an der Schreibtischkante.

Hoffen, mein Freund? Worauf?
Die Menschen sind nicht gut geworden, nur müde.

Ja, mein Freund,
wir hätten den Wahnsinn nicht in die Häuser sperren sollen.
Singend und lachend in den Straßen
hätte er uns vielleicht einen anderen Weg geführt
als den in den normalen Tod.

Erschienen ist dieses Gedicht in dem Gedichtband Kalt steht die Sonne, Claassen Verlag 1983, vor mehr als 30 Jahren also.

Da ist es in all dem, was uns umgibt, Lesende wie Schreibende, doch ein Glück, dass zumindest die Poesie prinzipiell kein Verfallsdatum kennt!

Tut mir leid, lieber Sjón – aber du musst nun doch noch ein wenig warten… Mich zieht es jetzt erstmal in sehr, sehr alte Literaturen!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Warten, mein Freund? Worauf?

  1. lettercastle schreibt:

    Ein grandioser Beitrag…
    Besonders die Bilder sind toll…
    Liebe Grüße,
    Lettercastle

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