Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (36)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island - Foto: Lorena Zils

Island – Foto: Lorena Zils

Ich bitte, den Aufschrei zu unterdrücken, den so mancher vielleicht ausstoßen möchte, wenn er jetzt erfährt, dass meine Reise durch die isländische Poesie erneut bei dem isländischen Lyriker Stefán Hörður Grímsson Halt macht.

Es hat aber einen Grund – in meinem „früheren“ Leben hätte ich vielleicht sogar gesagt: einen journalistischen Anlass. Das Gedicht handelt nämlich vom Sommeranfang – und ob man es glauben mag, oder nicht – den haben die Isländer trotz durchaus noch winterlicher Umstände bereits vor einigen Tagen gefeiert.

Im Prinzip kennt Island, auch wenn häufig von Frühling und Herbst die Rede ist, nur zwei Jahreszeiten: Winter und Sommer – und letzterer beginnt offiziell stets am ersten Donnerstag nach dem 18. April, in diesem Jahr, wenn ich richtig gerechnet habe, war dies also vor fünf Tagen, am 23. April.

Dieser erste Sommertag, sumardagurinn fyrsti, ist traditionell ein Feiertag in Island; man begeht ihn mit so manchen Festlichkeiten, übergibt einander kleine Geschenke – und vor allem wünscht man sich gleðilegt sumar – einen fröhlichen Sommer!

Stefán Hörður Grímsson findet für diesen Tag, wie nicht anders zu erwarten, seinen ganz eigenen Ton.

Blick auf Reykjavík, Islands Hauptstadt © Wolfgang Schiffer

Blick auf Reykjavík, Islands Hauptstadt © Wolfgang Schiffer

Abendstrophen bei Sommeranfang

Über den roten Torfberg
wirft der bleiche Neumond
blauweißes Licht.
Vor den braunen Küsten
klingt vom Weststrom getrieben
in weißer Windstille
eine Harfe in tiefer See

eine Harfe, die den Schleiertanz
des Frühlingsabends begleitet,
traurig und fröhlich zugleich.
Die dunkle Erde, welche die Leichen
der verlorenen Blumen bewahrt,
Blumen, die deine Hand berührte,
ist wieder warm und frisch.

Dämmer befällt die Augen
des Abends und andere, blauere,
jenseits von verlorenen Frühlingen,
alles wird eins und fließt
zusammen: der Abend und dein Bild,
still und schön wie eine Erinnerung,
rein und weiß wie ein Gebet.

Kvöldvísur um sumarmál

Yfir mófjallið rauða
bláhvítu ljósi stafar
nýmáninn fölur á brá.
Úti af fjörum brúnum
vesturfallinu knúin
ómar í logni hvítu
harpa í djúpum sjó

harpa sem leikur undir
vorkvöldsins slæðudansi
dapurt og glatt í senn.
Moldin dökka sem geymir
lík hinna týndu blóma
blóma sem hönd þín snerti
aftur er hlý og fersk.

Rökkur fellur á augu
kvöldsins og önnur blárri
handan við glötuð vor
verður að einu og rennur
saman kvöldið og mynd þín
hljóð og fögur sem minning
hrein og hvít eins og bæn.

Das Gedicht ist wiederum von Franz Gíslason und mir übersetzt; entnommen ist es dem Sammelband des Dichters, Geahnter Flügelschlag, in einer erweiterten Ausgabe erschienen 2013 im Verlag Kleinheinrich in Münster.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (36)

  1. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ich kann verstehen, warum Du dieses Gedicht hier vorstellst.
    Es ist wunderschön. Eine Sprache (die deutsche), die ich gut verstehe, die mir nahe geht, die mich in eine poetische Landschaft trägt, die ich träumend betrete

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank! Gerne würde ich dies auch dem des Dichter des Originals sagen, aber er lebt leider nicht mehr…

      • finbarsgift schreibt:

        Ja, das ist wirklich schade…

        Da hinten auf dem Foto, ist das etwa die Hallgrimskirka?!
        Tollll…
        Ich will da auch endlich mal hin und rein!

        LG vom Lu, und hab einen feinen Maibeginn 🙂

  2. schifferw schreibt:

    Ja, Lu, sie ist es, die Hallgrímskirkja… Das ist schon ein interessantes Gebäude – vor allem auch durch den davor platzierten Leif Eriksson! Mal sehen, in meiner hoffentlich bald folgenden Besprechung des neuen Romans von Sjón werde ich wohl ein Foto zeigen können, denn in diesem Roman kommt der Hügel vor, bevor das alles darauf stand… Jetzt habe ich mich gerade mal wieder in eins meiner eigenen Gedichte verfangen, das ist hinderlich bei der Arbeit mit anderen Büchern!
    Gute Grüße, Wolfgang

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