„Das ist der Augenblick, der über / ein Brücklein jagt aus Vogelknochen …“ Teil III

(Wieder)entdeckungen bei neuerlichen Streifzügen durch Prag

Cover (Teilansicht) der deutschen Erstausgabe

Cover (Teilansicht) der deutschen Erstausgabe

Erinnern Sie sich / erinnert Ihr Euch noch? Ich war zusammen mit meiner Frau auf der Insel Kampa, zwischen der Moldau und dem Bach Čertovka gelegen, auf dem Weg zu dem kleinen Franz Kafka Museum in dem Gässchen Cihelná, als ich in der Straße Ú Lužického semináře auf jenes Haus stieß, in dem Vladimír Holan den größten Teil seines Lebens zugebracht hat, und vor dem ich mich ein wenig verlor: in ersten schnellen Recherchen zu diesem Dichter, den auch sein Schriftstellerkollege und spätere Präsident den Tschechischen Republik Václav Havel zu den „Großen“ zählte.

Nun, mich hat die Suche als erstes den poetischen Zyklus Noc s Hamletem / Nacht mit Hamlet kennen lernen lassen – das im Antiquariat Sülzen in Berlin zu einem äußerst fairen Preis gefundene Exemplar der bibliophilen deutschen Erstausgabe von 1969 ist endlich – nach neun langen, Nervosität schürenden Posttagen – gestern in der Frühe bei mir eingetroffen: der Merlin Verlag wusste damals, wie man rein äußerlich schon das Interesse weckt für ein Buch (s. o. Abb.). Und für Zeilen, die (zumindest mich auf merkwürdige Weise) nachdenklich machen, sorgen der Autor und sein Übersetzer Reiner Kunze.

Das unerklärbare eines satzes,
den wir in seiner dunkelheit nicht fassen,
entzündet sich gelegentlich zu einem sprühen,
daß wir geblendet werden … Eben das reale ist
das metaphysische … Doch liebende
haben´s nicht gern, wenn zwischen dem rätsel
und der möglichkeit des erratens
der scharfsinn sanft seine spitzen kappt … Die wortwörtlichen,
umarmen und küssen sich und ahnen nicht,
daß auch gefahr gewohnheit wird und übergeht in gleichgültigkeit.

Das Franz Kafka Museum in der Prager Gasse Cihelná

Das Franz Kafka Museum in der Prager Gasse Cihelná

Als wir schließlich in dem kleinen Innenhof in der Cihelná angekommen sind, reicht es uns, nur noch von außen einen Blick auf den Museum Shop und das Museum zu Ehren von Franz Kafka selbst zu werfen – diesem großen Sohn der Stadt und vor allem den „Verwertungsmöglichkeiten“, die er bietet, werden wir, wie ich bereits früher einmal im Zusammenhang mit einem kleinen Bericht über die tschechische Franz Kafka Gesellschaft erwähnt habe, noch häufig begegnen – darin läuft er sogar dem deutlich jüngeren und noch lebenden Bildhauer David Černý den Rang ab, obwohl auch der aus dem Prager Stadtbild bald (s. auch den ersten Teil dieser Prag-Berichte) nicht mehr wegzudenken sein wird. Im Vergleich mit der gestalterischen Einfältigkeit, in der man auch asiatische Touristen für z. B. Franz Kafka T-Shirts begeistern will, lassen sich seine Skulpturen jedoch, gleich ob sie als Sigmund Freud von einem Dachstreben baumeln, als Kleinstkinder den Fernsehturm erklettern oder schlicht nur pinkeln, immerhin eindeutig als Kunstanstrengungen erkennen.

Schaufensterpuppe

Schaufensterpuppe

Teil einer Zweier-Skulptur von David Černý

Teil einer Zweier-Skulptur von David Černý

Die Mánes Brücke und das Rudolfinum

Die Mánes Brücke und das Rudolfinum

Der weitere Weg führt uns über die Mánes Brücke an der Konzerthalle Rudolfinum vorbei in die Altstadt. Hier, nur wenige Meter vom Staromětské náměsti, dem Altstädterring, entfernt, zieht die romanische Kirche St. Martin in der Mauer – so benannt nach dem Umstand, dass sie quasi in die alte Stadtmauer hineingebaut wurde – unsere Aufmerksamkeit auf sich. Das alte Gemäuer trägt auch heute noch stolz ein Wappen der Stadt Prag, und auch die ehemaligen Pfarrer der Kirche sollen sich in alten Zeiten bereits mehr als stolze Tschechen denn als treue Katholiken gezeigt haben: sie schlossen sich früh der tschechischen Reformbewegung und deren Führer Jan Hus an, dem der Bildhauer Ladislav Šaloun zum 500ten Geburtstag im Jahr 1915 ein Denkmal schuf, das seither im Schatten der Teynkirche den Altstädterring überragt.

St. Martin in der Mauer

St. Martin in der Mauer

Stadtwappen

Stadtwappen

Die Teynkirche

Die Teynkirche


Das Jan Hus Denkmal auf dem Altstädterring in Prag

Das Jan Hus Denkmal auf dem Altstädterring in Prag

Wenige Schritte nach der Kirche St. Martin in der Mauer gelangen wir quer durch die Platýz-Passage auf die Národní třída, die Hauptverkehrsstraße, die das Moldauufer u. a. mit dem Wenzels Platz verbindet. Beim diesseitigen Eingang der Passage macht meine Frau mich auf eine oben am Mauerwerk auf einer Eisenstange sitzende kleine Eule aufmerksam. In früheren Zeiten, so erzählt sie mir, soll es in der Platýz-Passage auch ein Bordell gegeben haben. Wenn alle Damen „belegt“ gewesen seien, so habe die Eule damals mit dem Kopf nach unten an der Eisenstange gehangen – andernfalls habe sie, wie im Übrigen auch jetzt, äußerst aufrecht dagesessen.

Die Eule am Eingang zur Platýz-Passage

Die Eule am Eingang zur Platýz-Passage

Ob einer der in meinen diesmaligen Prag-Berichten bislang erwähnten Herren jemals auf die Position der Eule hat achten müssen oder wollen, bleibt ungewiss. Vielleicht stoße ich ja bei der Vorbereitung des bald folgenden vierten und letzten Teils noch auf einen Hinweis. Heute eilen meine Frau und ich nur noch zur relativ neu eröffneten Metrostation Národní třída – und siehe da, wer begegnet uns auf deren hinterem Vorplatz? David Černý natürlich – und ein von ihm in Scheiben gelegter Franz Kafka.

Wenn man nicht auf der Hut ist, sitzt er einem geradezu im Nacken und spricht unaufhörlich über nichts anderes als Bücher.

Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? (…) Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.


Franz und ich in Prag - Alle Fotos © Wolfgang Schiffer

Franz und ich in Prag – Alle Fotos © Wolfgang Schiffer


Ich bin allerdings recht zuversichtlich, dass Noc s Hamletem / Nacht mit Hamlet, das Langgedicht, an dem der Autor Vladimír Holan während seines Publikationsverbots viele Jahre gearbeitet hat, hält, was es nach einem ersten Anlesen verspricht!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu „Das ist der Augenblick, der über / ein Brücklein jagt aus Vogelknochen …“ Teil III

  1. Ulli Faure schreibt:

    Lieber Wolfgang, man sollte noch ergänzen, daß der Universitätsverlag Winter in Heidelberg an Holans „Gesammelten Werken“ arbeitet – 14 Bände sollen es werden; wenn ich’s richtig sehe, sind 5 schon lieferbar.

    • schifferw schreibt:

      Lieber Ulli, hab lieben Dank für die Verstärkung dieses Hinweises – auf der vorherigen, der 2. Station meiner diesmaligen Prag-Berichte habe ich ihn schon gegeben:.. Aber Du hast natürlich recht: nicht alle haben diesen Bericht gelesen! Gute Grüße, Wolfgang

  2. gerhard schreibt:

    Herrlich ! – einen schönen Sonntag wünsch Dir
    Gerhard

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