Kalt steht die Sonne …

Ein Gedicht – und ein kurzes Erinnerungsnotat – zuvörderst an mich selbst

Im Hafen © Wolfgang Schiffer

Im Hafen © Wolfgang Schiffer

Frühe Nacht

Die Schiffe liegen weiß im schwarzen Hafen,
am schwarzen Himmel steht ein grünes Licht,
die Menschen schlafen.
Möwen schreien nicht.

Was nie geschieht, ist nun geschehen,
der Wellenschlag steht still.
In einer Takelage will ein Tau sich drehen.
Jetzt klirren die Metallbeschläge schrill.

Der schnelle Ton hat ausgereicht,
dem Tod die trügerische Schönheit auszutreiben,
im Wasserspiegel siehst du dich gebleicht
und Wellen plötzlich kleine Muster schreiben.

Kalt steht die Sonne Mitlesebuch 1

Dieses Gedicht entstammt meinem ersten Gedichtband Kalt steht die Sonne, der 1983 im Claassen Verlag in Düsseldorf erschien. Seinerzeit trug mein Malerfreund Karl Josef Berger mit einem Coverbild und drei Zeichnungen zu seiner Gestaltung bei.

Einige der damaligen Gedichte aus diesem natürlich längst vergriffenen Band sind seit 2014 im Mitlesebuch 120, erschienen im Aphaia Verlag in Berlin, nun wieder zu lesen. Diese kleine bibliophile, fadengeheftete Broschur hat mein isländischer Malerfreund Jón Thor Gíslason illustriert – mit sehr feinen Bleistiftzeichnungen.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Belletristik, Gedichte, Lyrik, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Kalt steht die Sonne …

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Dein wundervolles und melodisches Gedicht beschreibt Bilder und Klänge, die mir seit meiner Kindheit und Jugend am Meer vertraut sind. Das Licht in der weiten Dunkelheit, die trügerische Stille eines nächtlichen Hafens, durchbrochen vom Kreischen und Knarzen in der Takelage der ruhenden Schiffe, – das ist niemals nur Idylle, – Gefahr und Tod sind immer gegenwärtig. Das Foto ist schön, das Gedicht malt und tönt aber auf seine eigene, dunkle und vollendete Weise.
    Danke, lieber Wolfgang!

  2. gsohn schreibt:

    Das Mitlesebuch kann ich nur wärmstens empfehlen 🙂

  3. schifferw schreibt:

    Lieber Gunnar, Deine Empfehlung freut mich natürlich! Danke!

  4. Sigrún schreibt:

    Danke lieber Wolfgang für diesen magischen Moment. Hat nicht Franz dieses Gedicht ins Isländische übersetzt?

    • schifferw schreibt:

      Ich danke Dir, liebe Sigrún, für Dein schönes Aufmerken! Ich weiß nicht, ob Franz dieses Gedicht seinerzeit übersetzt hat – in meinen Unterlagen finde ich leider nichts dazu und auch nicht bei Abdrucken einiger meiner Gedichte in isländischen Literaturzeitschriften…
      Rundum gute Grüße, Wolfgang

  5. herbertsteib schreibt:

    Ein Zauber.Danke, habe das AbendGedicht heute morgen gelesen. Die Eingangstrophe mit dem Farbendreiklang erinnert etwas an Georg Trakl. Ein Tau will sich drehen, aus dieser kleinen Bewegung entsteht Dramatik. Ich lese ein Aufbäumen. Und das Foto kongenial !
    Viele Grüße
    Herbert

  6. schifferw schreibt:

    Herzlichen Dank für dieses schöne Lesen des Gedichts!
    Gute Grüße, Wolfgang

  7. Pingback: Chladně svítí slunce | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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