Ein kurzer Nachtrag…

… zur 35. Station meiner Reise durch die isländische Poesie

Innenansicht des Antiquariats Bókin © Wolfgang Schiffer

Innenansicht des Antiquariats Bókin © Wolfgang Schiffer

In meinem gestrigen Beitrag zur „Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis“ und damit zur Lyrik Stefán Hörður Grímssons erwähnte ich das Reykjavíker Antiquariat Bókin, eine wahre Fundgrube für den geduldig Interessierten an isländischer Literatur in ihrer Originalsprache.

Kaum hatte ich diesen Beitrag eingestellt, erinnerte ich mich wieder, vor einigen Jahren bereits bei Bókin ein Buch gefunden zu haben, dass mir beinah ebenso teuer ist wie die gezeigte Erstausgabe des ersten Gedichtbands von S.H.G.: Ljóð ungra skálda / Gedichte junger Dichter.

Erschienen ist diese Sammlung lyrischer Texte aus den Jahren 1944 – 1954 im Jahr 1954 im Verlag Helgafell und enthält mit Ausnahme von Sigfús Daðason neben anderen auch Beispiele aller in dem von Eysteinn Þorvaldsson und mir 2011 herausgegebenen Band Bei betagten Schiffen genannten und ins Deutsche übertragenen isländischen „Atomdichter“.

Ljod ungra skalda.Cover
Reizvoll finde ich auch, dass das Cover der kleinen Anthologie die Signaturen aller in ihr vertretenen Dichter zeigt – so auch links als dritte von unten die von Stefán Hörður Grímsson.

Er ist mit insgesamt fünf Gedichten in der Anthologie vertreten; eines davon reiche hier gerne in Original und Übersetzung (entstanden in der Zusammenarbeit mit Franz Gíslason) nach.

Óttan felldi sín blátar

Óttan felldi sín blátar
á grös og skóg

og jörðn varð svöl og djúp
undir fótum mínum
og mér þotti snöggvast
fölva á brjóst mitt slá
og feyskin bein mín verða
og beygur gerip mig.

Þá heyrðist mér hvíslað eins lágt
og lokist blóm:
þú ert vor fyrir þúsund árum.

Die Frühe goss ihre blauen Tränen

Die Frühe goss ihre blauen Tränen
über Wald und Wiesen

und die Erde wurde kühl und tief
unter meinen Füßen
und mir schien für einen Augenblick
als würde Blässe meine Brust beschlagen
und meine Knochen wären morsch
und Angst ergriff mich.

Dann höre ich es leise flüstern
als ob sich eine Blume schließe:
du bist Frühling vor tausend Jahren.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Belletristik, Gedichte, Island, Isländische Literatur, Literatur, Lyrik, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Ein kurzer Nachtrag…

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Wie schön! (Die weibliche Variante des Kommentars von Nathanael Ziegler?)
    Danke!

  2. Moin, lieber Wolfgang,
    ich habs nicht so mit Poesie, ich denke, das hat man mir in der Schule vermiest. Aber was ich bisher so bei Dir gelesen habe, gefällt mir sehr gut. Und auf die isländische Literatur bin ich schon eine Weile neugierig, habe aber bisher nicht das Rechte für mich gefunden.
    Jedenfalls freue ich mich, Deinen Blog gefunden zu haben und werde demnächst immer mal ein bisschen hier rumstöbern.

    • schifferw schreibt:

      Das freut mich, liebe Anne-Marit! Ich hoffe, dass ein paar Entdeckungen für Dich dabei sein mögen – das wäre ein schöner „Lohn“… Gute Grüße, Wolfgang

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