Tote Wale

Der zweite Kriminalroman der Isländerin Sólveig Pálsdóttir…

Walfang-Boote im Hafen von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Walfang-Boote im Hafen von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

PITS ARE FOR PIGS stand quer über die Stirn des Toten geschrieben. Guðgeir kniff die Augen zusammen, um die krakeligen Buchstaben besser zu erkennen. Sie schienen mit schwarzer Tinte geschrieben zu sein. Für das S von PIGS war kein Platz mehr gewesen, so dass der letzte Bogen bis ins Haar des Mannes reichte und wie ein dunkler Klecks aussah.

So beginnt der neue Kriminalroman der Schauspielerin und Schriftstellerin Sólveig Pálsdóttir, die ich im letzten Jahr bereits mit ihrem Debüt Eiskaltes Gift vorgestellt habe. Ins Deutsche übertragen ist auch dieser zweite Krimi aus ihrer Feder wieder von Gisa Marehn und vor wenigen Wochen als Taschenbuch im Aufbau Verlag erschienen. Und ebenso wie sein Vorgänger lässt auch er sich spannend an, denn bei dem oben erwähnten Toten, den Guðgeir Fransson, der uns bereits bekannte Leiter der Mordkommission, beim Golfspielen auf dem Golfplatz von Kiðjaberg am Loch 13 findet, bleibt es nicht: auf einem Walfangboot im Hafen von Reykjavík explodiert ebenso eine Bombe wie etwas später im Walmuseum im nördlichen Húsavík – und mehrere Jugendliche, allesamt Walfanggegner, finden sich angekettet vor Restaurants, auf deren Speisekarten Walfleisch steht.

Tote WaleSpätestens als der Tote als Hinrik B. Eggertsson, Geschäftsmann und Mitinhaber mehrerer der „belagerten“ Restaurants, identifiziert wird, liegt bei Guðgeir und seinem Team, bestehend aus Andres, Særós und – in Vertretung der sich im Elternurlaub befindlichen Guðrun – Víðir Jón, der Verdacht nahe, dass es zwischen all dem einen Zusammenhang geben muss – doch finden oder gar beweisen lässt er sich – trotz intensivster Ermittlungen in verschiedenste Richtungen – für lange Zeit nicht.

Für die Protestaktionen übernimmt zwar eine Gruppe von Tierschützern, die sich Wild-Ís, Wildes Island, nennt, die Verantwortung, aber mit den Anschlägen oder gar einem Mord will sie nichts zu tun haben. So jedenfalls erfährt es Særós – und das aus erster Hand, denn ihre etwas verwahrloste Halbschwester Anita Rós gehört dieser Gruppe an.

Anita Rós hat die Schule geschmissen und lebt nun zusammen mit ihrem Freund Orri, ebenfalls Mitglied von Wild-Ís. Zum Schulverzicht ermuntert hat sie übrigens der Schulberater, ein Mann namens Ragnar, der von den Jugendlichen nur Raggi genannt – und offensichtlich sehr geschätzt wird.

Die Wiederbegegnung mit Anita Rós weckt in Særós nicht nur so etwas wie ein Verantwortungsgefühl für die jüngere Halbschwester, vor allem erfährt der Leser sehr viel über ihre eigenen kindlichen Traumata, die wohl ihr auffälliges Streben nach Perfektion, ihre Sucht nach Ordnung und Sauberkeit, die nicht selten zu Irritationen im Kreis ihrer Kollegen führt, verursacht haben.

So sehr dies die Anlage des Charakters Snærós auch fundiert und allgemein menschliche und alltägliche Probleme auslotet, für mich ist das alles beinahe schon ein wenig zu viel – verlangsamt es doch immens das Zusammentragen von Spuren, Indizien und Spekulationen um den eigentlichen Plot – den F A L L.

Fast scheint mir, als habe die Autorin dies selber ähnlich empfunden, denn es ist erst auf Seite 137, dass sie nach dem Fund der Mordwaffe den leitenden Kommissar Guðgeir sagen lässt: Endlich kam hier wirklich etwas in Gang.

Nun, bedeutend schneller entwickelt sich das Geschehen danach allerdings auch nicht – und der „Bösewicht“, der hinter all den Verbrechen steht, gibt sich dem Leser schließlich irgendwann selbst zu erkennen. Die Perspektive wechselt mitten im Roman von der Frage „Wer war es?“ zum „Warum?“ und „Kann man seiner habhaft werden?“ – ich gestehe, auch dies ist nicht so ganz nach meinem Krimi-Geschmack.

Versöhnt hat mich mit den aus meiner Sicht vorhandenen Schwächen dann ein wenig das finale Showdown: das findet in der aufgelassenen Walverarbeitungsanlage im Hvalfjörður, dem Walfjord, statt und hat es wirklich in sich.

Fazit: bei all meiner grundsätzlichen Sympathie für die isländische Literatur und den isländischen Krimi und bei meiner ausgesprochen großen Neugier speziell auf diesen mit dem neuen Ermittlerteam um Guðgeir Fransson – Tote Wale hat mich trotz eines natürlich immer noch aktuellen Themas und der feingliedrigen Einbettung in die alltäglichen isländischen Lebenswelten ein wenig enttäuscht.

Aber vielleicht ist es mir ja nur so ergangen, weil ich zu neugierig war und damit die Erwartung zu groß?!? Den 3. Fall gehe ich garantiert gelassener an!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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