Die Geschichte von Quirina …

… dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen

Foto Wolfgang Schiffer

Foto Wolfgang Schiffer

Wirklich, ich erinnere mich beim besten Willen nicht, jemals zuvor ein derart „kleines´“ Buch gelesen und zugleich so viel erfahren zu haben, noch dazu über ein Wesen, das sich zumeist im Verborgenen aufhält…

Das Wesen ist natürlich der Maulwurf – das Foto oben und die Unterzeile der Blog-Überschrift verraten dies bereits. Und auch das ist bereits gesagt: anders als auf dem Foto treibt dieses Wesen in dem hier besprochenen Buch sein Unwesen nicht auf einer Wiese am Niederrhein, sondern in einem Garten in den Bergen – um genau zu sein – in den Bergen der Lombardei.

Hier nämlich lebt Quirina, eine gut achtzigjährige rüstige Dame aus bester Familie, die sich aufgrund ihres sehr guten Gesundheitszustands selbst dem „alpinen Braunvieh“, einer äußerst widerstandsfähigen Rinderrasse, zurechnet.

Mit anderen Worten: sie kommt noch sehr gut alleine zurecht, erinnert sich leicht und gerne an die vielen Motti und Zitate aus dem Schatz antiker Weisheiten, mit denen ihre so wie sie altphilologisch geschulten Anverwandten ihre Unterhaltungen zu würzen pflegten (ich liebe die Sentenz „nisi caste saltem caute“ – „wenn du schon nicht keusch sein kannst, dann sei wenigstens vorsichtig“), löst Kreuzworträtsel und studiert die große Enzyklopädie.

Kurzum, Quirina genießt ihren Lebensabend, vor allem in der Stille der Sonnenauf- und Sonnenuntergänge mit Blick auf ihren Garten, der sie – von ihr selbst gehegt und gepflegt – mit großem Stolz erfüllt. Hier hat ein jeder Strauch, ein jedes Pflänzchen seinen festen Platz, auf dem weichen Grasteppich liegt nie ein welkes Blatt, alles folgt der von ihr selbst mit größter Sorgfalt geschaffenen Ordnung – winters wie sommers, bei Tag und bei Nacht.

Bis zu jenem strahlenden Morgen im Mai, als sich neben der ersten Hortensie ein frisch aufgeworfenes Häufchen sattbrauner Erde findet.

Abb. aus dem besprochen Buch

Abb. aus dem besprochen Buch

Der Schrei, den Quirina beim Anblick dieser Beleidigung ausstößt, dringt bis ins Dorf, bis hinein in den Laden der Signora Antonietta – wegen ihrer speziellen Verkaufstechniken von allen nur die „Sublime“ genannt – die diesen daraufhin sofort verlässt, um der alten Dame zu Hilfe zu eilen.

Gegen den unerbetenen Eindringling helfen will natürlich sofort auch Quirinas Tochter Maria Piera, die entfernt mit einem etwas weltfremden Schriftsteller, dem Marquis, zusammenlebt; neben intensivster Maulwurf- und -was gegen ihn zu tun sei-Recherche im Internet reist sie später sogar persönlich mit ihrer Katze Paloma an den Ort des Geschehens, um dem unsichtbaren Feind der Garaus zu machen…

Nun, über Erfolg oder Misserfolg wird hier nicht berichtet. Gesagt werden muss allerdings, dass bis zum Ende der Geschichte viele Möglichkeiten einer potentiellen Vertreibung oder gar Vernichtung des Tierchens unter Mitwirkung so mancher Experten und Ratgeber durchgespielt werden. Zugleich erfahren wir alles über die Lebensweise des Maulwurfs, über die Verfolgungen, denen er schon immer ausgesetzt war, über seine Beschaffenheit, seine Fähigkeiten und Lebens- wie Überlebensstrategien – und über die ihm vor allem in der Literatur zuteil gewordene Wertschätzung – so zum Beispiel (im übertragenen Sinne) bei John Le Carré, ja bereits zuvor bei Shakespeare, Marx, Kafka und anderen, und (unmittelbar als Lebewesen gemeint) bei Primo Levi, dem der Maulwurf so sympathisch war, dass er ihm sogar ein fiktives Interview widmete. Schade nur, dass das deutsche Lektorat dem originär italienischen Text nicht auch noch Günter Eich als „Maulwurf“ eingeschmuggelt hat – der hat schließlich sehr viele davon geschrieben und sie im Plural sogar zum Titel eines seiner Bücher gemacht… (Scherz!)

Gesagt werden muss allerdings auch, dass wir in der Beschäftigung und in der Auseinandersetzung mit dem pelzigen Tierchen sehr viel über die Menschen erfahren – über deren schwieriges Verhältnis zu Überraschungen und Umbrüchen und nicht zuletzt über ihre (gesunden?) Zweifel an der Sinnhaftigkeit aller Hervorbringungen der Schöpfung… Und wenn da schon nicht alles perfekt zu sein scheint, muss es dann, so drängt sich den Beteiligten eine der vielen hintersinnigen Fragen auf, die sich bei dieser Geschichte stellen – mal heiter, mal geradezu schon philosophisch tief – muss es dann ein Garten sein?

Maulwurf Das Buch, gerade einmal 17 x 11 Zentimeter und bei seinen 104 Seiten kaum 1 Zentimeter stark, heißt natürlich Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen. Geschrieben hat es Ernesto Ferrero, Autor, Übersetzer, Herausgeber und seit 1998 Leiter der Turiner Buchmesse, die Übersetzung aus dem Italienischen hat Friederike Hausmann gefertigt – und die mit feinem Strich bezaubernden Illustrationen darin (ich liebe den Maulwurf auf seinem unterirdischen Sonnenstuhl, s.o.) sind von Paola Mastrocola. Und erschienen ist die charmante Fabel im Verlag Antje Kunstmann. Hoffentlich sagt jetzt niemand: „Na, wo denn sonst?“

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Die Geschichte von Quirina …

  1. dasgrauesofa schreibt:

    Das ist ja ein ganz wunderbares Büchlein, über das Du hier schreibst und das ich unbedingt auch lesen muss, arbeitet sich doch gerade ein Maulwurf – oder gar eine ganze vielköpfige Maulwurfsfamilie – durch unseren Garten, der sicherlich nicht so schön angelegt und gepflegt ist wie bei Quirina, der nun aber doch mit den merhrfach aufgeworfenen braunen Hügelchen den ästhetischen Blick ziemlich beleidigt und so sehr schnell Vernichtungsfantasien heraufbeschwört, die ich an mir bisher nicht kannte…
    Viele Grüße, Claudia

    • schifferw schreibt:

      Da könnte die Lektüre hilfreich sein, gerade im Blick auf Vernichtungsfantasien… Doch das Ende der Geschichte ist es womöglich auch! Gute Grüße, Wolfgang

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