Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (34)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Auf dem Land in Küstennähe © Wolfgang Schiffer

Auf dem Land in Küstennähe © Wolfgang Schiffer

Heute, beim Nachlesen meiner Rezension zu dem neuen Kriminalroman von Arnaldur Indriðason, habe ich es bemerkt: er erwähnt in Nacht über Reykjavík den isländischen Dichter Steinn Steinarr – doch ich, der ich bei meiner Reise durch die isländische Dichtkunst bereits an 33 Stationen Halt gemacht habe, habe ihn noch gar nicht vorgestellt – und das, obwohl er von vielen seiner Landsleute als der größte Dichter der Insel im äußeren Nordwesten Europas angesehen wird.

Steinn Steinarr wurde 1908 in Laugaland in den Westfjorden Islands geboren und als Sohn mittelloser Bauern auf einem Hof untergebracht, wo er in dem Schriftsteller Jóhannes úr Kötlum für zwei Jahre einen Lehrer fand. Ende der 20er Jahre zog Steinn Steinarr dann in die Hauptstadt Reykjavík, wo er Bekanntschaft mit vielen Dichtern und Denkern des damaligen Kulturlebens in Island machte, u. a. mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness.

Mit seinem relativ schmalen Werk von nur sechs Bänden, von denen der letzte, Tíminn og vatnið / Die Zeit und das Wasser, erschienen 1948, in deutscher Übersetzung im Kleinheinrich Verlag in Münster veröffentlicht wurde (inzwischen jedoch leider vergriffen ist), wird er gelegentlich den isländischen Atomdichtern zugerechnet – persönlich halte ich diese Einordnung für fraglich; zweifellos richtig ist jedoch, dass er einer der entschiedensten Wegbereiter und späteren Verteidiger der Moderne in der isländischen Dichtkunst ist, die nach dem 2. Weltkrieg in der sogenannten Atomdichtung ihren Durchbruch findet.
Steinn Steinarr starb 1958 in Reykjavík.

Das Original des nachfolgenden Gedichts ist Steinn Steinarrs zweiter Gedichtsammlung entnommen: Ljóð / Gedichte, veröffentlicht 1937. Die Übersetzung entstammt dem Band Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter, der 2011 zum Ehrengastauftritt Sagenhaftes Island auf der Frankfurter Buchmesse erschienen ist.

Island - eine Meeresbucht © Wolfgang Schiffer

Island – eine Meeresbucht © Wolfgang Schiffer

Barn

Ég var lítið barn
og ég lék mér við ströndina.
Tveir dökkklæddir menn
gengu fram hjá
og heilsuðu:
Góðan dag, litla barn,
góðan dag!

Ég var var lítið barn
og ég lék mér við ströndina.
Tvær ljóshærðar stúlkur
gengu fram hjá
og hvísluðu:
Komdu með, ungi maður,
komdu með!

Ég var var lítið barn
og ég lék mér við ströndina.
Tvö hlæjandi börn
gengu fram hjá
og kölluðu:
Gott kvöld, gamli maður,
gott kvöld!

Kind

Ich war ein kleines Kind
und spielte am Strand.
Zwei dunkel gekleidete Männer
kamen vorbei
und grüßten mich:
Guten Tag, kleines Kind,
guten Tag!

Ich war ein kleines Kind
und spielte am Strand.
Zwei hellhaarige Mädchen
kamen vorbei
und flüsterten:
Komm mit, junger Mann,
komm mit!

Ich war ein kleines Kind
und spielte am Strand.
Zwei lachende Kinder
kamen vorbei
und riefen:
Guten Abend, alter Mann,
guten Abend!

(Aus dem Isländischen von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer)

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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10 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (34)

  1. tonkamine schreibt:

    Eine spannende Reise durch die islaendische Literatur. Vorallem, da ich mich gerade selber mit meinem Blog http://www.tonkalist.wordpress.com auf eine Reise zwischen fiktiven und wissenschaftlichem Schreiben begeben habe und, da ich in Reykjavík islaendisch studiere, auch die islaendische Kultur behandle.
    Fuer mich ist es interessant, zu beobachten, wie sich erfahrenere Blogger island-bezogenen Themen widmen. Danke dafuer!

    • schifferw schreibt:

      Und ich bin gespannt, wie es in Deinem Blog weiter geht… habe schon die Follow-Taste gedrückt! Viel Erfolg und vor allem kreativen Spaß damit und gute Grüße, Wolfgang

  2. guddysmith schreibt:

    Ja, es stimmt – man merkt ja selbst gar nicht, wie man von einem Lebensalter zum nächsten wechselt und das Kind in einem drin, bleibt ja aus der eigenen SIcht unverändert.
    Wie da diese äußere Veränderung mit den Tageszeiten kombiniert wird, finde ich sehr schön.
    Ich freu mich, dass ich dieses wunderbare Gedicht fast komplett richtig verstanden hatte, bevor ich zur Übersetzung weitergescrollt habe.
    Diese Sprache ist einfach toll. Besonders Gedichte und Liedtexte erschließen sich mir manchmal schon ganz gut.
    Höre ich aber etwas in „Alltagssprache“, und habe keinen Anhalt, worum es ungefähr geht, bin ich oft noch immer recht ratlos und freue mich, wenn ich dann doch einzelne Worte heraushöre,

    • schifferw schreibt:

      Danke für diese schöne Rückmeldung. Was die Sprache angeht, ist es bei mir ähnlich: das Verständnis beim Lesen ist entschieden höher als beim Hören! Leider ist das selbst nach vielen Jahren, in denen ich so oft in Island war, immer noch so…

  3. finbarsgift schreibt:

    …immer wieder zauberhaft hier zu verweilen,
    bei deinen schönen Fotos und feinen Zeilen…

    Viele Morgengrüße
    vom Lu

  4. Angelika Schramm schreibt:

    Eine neue, schöne Begegnung mit isländischer Poesie! Vielen Dank!

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