Nacht über Reykjavík

Islands Großmeister der Kriminalliteratur spielt mit den Lesern

Unterwegs auf Islands Straßen © Wolfgang Schiffer

Unterwegs auf Islands Straßen © Wolfgang Schiffer

Kurzum: wie bei Arnaldur Indriðason nicht anders zu erwarten – ein überzeugendes Debüt mit dem neuen / alten Kommissar Marian Briem. Ich freue mich jedenfalls auf die Fortsetzungen! Vielleicht sogar mit dem jungen Erlendur darin in einer wachsenden Rolle als neuer Partner? Wer weiß!

Dieses Zitat entstammt nicht etwa Nacht über Reykjavík, dem aktuellen Kriminalroman von Arnaldur Indriðason, nein, es ist die Schlussbemerkung meiner Rezension zu seinem letzten in deutscher Übersetzung erschienenen Werk: Duell.

DuellDamals bedauerte ich zunächst, dass Erlendur Sveinsson, dieser schwierige, melancholische Kriminalbeamte nach mehreren gelösten Fällen, die seinem literarischen Erfinder Weltruhm eingebracht haben, nun wohl Geschichte sei – greift der Autor bei diesem Mordfall um einen Jugendlichen doch in die Zeit vor einem als Kommissar aktiven Erlendur zurück, in die Zeit des Kalten Krieges, konkret in das Jahr 1972, in dem in Reykjavík sich nicht nur Bobby Fischer und Boris Spasski um die Weltmeisterschaft im Schach duellieren, sondern auch Agenten und Spione aus Ost und West die jeweiligen Einflussgebiete der Supermächte zu sichern suchen. Und das notfalls eben auch mit einem Mord…

Zur Aufklärung dieses Mordes am Rande des großen Duells stellt Arnaldur Indriðason Marian Briem ins Zentrum des Geschehens, die oder den spätere/n Vorgesetzte/n von Erlendur (siehe zur Geschlechterfrage die zutreffende Schlussbemerkung der Rezensentin Bernhild Vögel in der seinerzeitigen deutschen Ausgabe von Iceland Review) – sie oder er dürfte den Lesern der früheren Romane aus manch kurzer Begegnung bereits bekannt sein. Erlendur selbst ist allerdings auf der letzten Seite des Romans zumindest schon einmal erwähnt – er hat soeben seinen Dienst bei der Verkehrspolizei aufgenommen und übergibt Marian Briem in dessen Büro einen Brief – und selbst wenn diese Erwähnung nur äußerst kurz ausfällt, gab sie nicht Anlass zur oben geäußerten Hoffnung?

Nun, was ich von Arnaldur Indriðasons nächstem Roman erwartet hatte, war zumindest eine Fortsetzung der kriminalistischen Aktivitäten von Marian Briem – vielleicht mit Erlendur in größerer oder kleinerer Rolle – aber Nacht über Reykjavík, soeben wie alle Titel des Autors im Lübbe Verlag erschienen, enttäuscht diese Erwartung – dies allerdings auf schönste Weise.

Nacht über ReykjavíkWir schreiben das Jahr 1974. Eintausendeinhundert Jahre nach der offiziellen Besiedlung der Insel (die Feierlichkeiten hierzu stehen kurz bevor) blüht ihre Hauptstadt Reykjavík zunehmend auf – mit allen auch negativen Folgen, die schnelles Wachstum, Verstädterung und Umwälzungen sozialer Strukturen mit sich bringen. Vor allem nachts zeigen sich die dunklen Seiten der Stadt: Trunkenheit, Drogendelikte, häusliche Gewalt, Einbruch und so weiter…

Einer der Männer, die in diesem Chaos Ordnung zu halten suchen, ist kein anderer als Erlendur Sveinsson. Zusammen mit seinen Kollegen Garðar und Marteinn durchkämmt er als noch junger Streifenpolizist Nacht für Nacht die Straßen, wird von einem Einsatz zum nächsten gerufen, vereitelt Einbrüche und schützt Frauen vor den Schlägen ihrer gewalttätigen Ehemänner. Und während in etwas ruhigeren Phasen der Nacht sich seine Kollegen über die Notwendigkeit eines Pizza-Restaurants in Reykjavík streiten, kreisen Erlendurs Gedanken um die Randfiguren dieser Gesellschaft, um Ausgegrenzte und Verlierer – und vor allem um die Schicksale von vermissten Menschen, von denen er gehört oder gelesen hat.
Kenner der vorherigen Romane wissen, dass sich hier bereits das Trauma andeutet, das ihn zeit seines Lebens verfolgen wird: der Verlust seines jüngeren Bruders während eines Schneesturms im Osten des Landes, wo sie als Kinder mit ihren Eltern lebten…

Derzeit ist es insbesondere das Schicksal des Obdachlosen Hannibal, das Erlendur nicht zur Ruhe kommen lässt. Hannibal, den er flüchtig kannte, weil er ihn einige Male von der Straße aufgelesen und in die Ausnüchterungszelle verfrachtet hatte, war vor etwa einem Jahr von drei Jungen beim Spielen im ehemaligen Torfstich am Stadtrand Reykjavíks tot aufgefunden worden, ertrunken in einem der dort zahlreichen Wassertümpel.
Die Kriminalpolizei geht nach wie vor von einem Unfall aus, Erlendur jedoch kann sich mit dieser einfachen Erklärung nicht abfinden – und das umso weniger, als in derselben Nacht eine Frau verschwunden ist – sie war nach einem Abend mit Freundinnen im Thorscafé auf dem Weg zu ihrem nahe der Torflandschaft gelegenen Zuhause, doch angekommen ist sie dort nie…

Erlendur geht der Sache weiter nach, befragt die Obdachlosen der Stadt, nimmt Kontakt zu Hannibals Schwester auf, zum Ehemann der verschwundenen Oddný, zu deren Freundinnen – zum Leidwesen seiner eigenen Freundin Halldóra verwendet er fast jede freie Minute auf seine private Recherche. Hierbei erfährt er nicht nur, welches unglückliche Geschehen Hannibal kurz nach dem 2. Weltkrieg ins Abseits der normalen Gesellschaft gestoßen hat, es verdichten sich nach und nach auch Hinweise, die die Unfalltheorie zunehmend zweifelhafter erscheinen lassen. Und als Þurí, eine notorische Trinkerin, ihm einen vermutlich Oddný gehörenden Ohrring zeigt, den sie nach dem Tod ihres Freundes Hannibal in dessen letzter Behausung gefunden hat, der defekten Verschalung der Heißwasserrohre auf dem Torfgelände, ist er sich sogar sicher: der Tod Hannibals und das Verschwinden der Frau stehen in einem Zusammenhang – und die Klammer ist ein Gewaltverbrechen.

Spätestens hier, das weiß der junge Streifenpolizist, hätte er sich mit seinem Verdacht und die ihn stützenden Beweismittel an die Kriminalpolizei wenden müssen – doch Erlendur Sveinsson wäre nicht der zukünftige Kommissar, wie wir ihn kennen, wenn ihn nicht bereits hier das Fieber der Ermittlungsarbeit gepackt hätte. Also führt er seinen ersten Fall hartnäckig zu Ende und geht nicht eher in das Kommissariat, bis er – nun, wem schon? – Marian Briem die vollständige Lösung präsentieren kann.

Wer von einem Krimi keinen harten Thrill erwartet und einen ruhigen, die gewonnenen Erkenntnisse stets abgleichenden und rekapitulierenden Erzählfluss nicht automatisch für Redundanz hält, der wird von Nacht über Reykjavík sehr angetan sein. Einmal mehr gelingt es Arnaldur Indriðason hier, eine recht perfekt gebaute Kriminalgeschichte mit authentischem Zeit- und Lokalkolorit zu verweben, zu einem Sittenbild des jeweiligen Status der Gesellschaft zu verdichten. Und neben aller Spannung erweist er durch die Stimme seines „Helden“ Erlendur auch so manchem anderen großen Schriftsteller Islands seine Referenz: namentlich erwähnt werden u. a. die Lyriker Steinn Steinarr und Tómas Guðmundsson – und einem ungenannten, doch von ihm ebenfalls sehr geschätzten Schriftsteller lässt Erlendur jedes Mal einen stillen Gruß zukommen, wenn er durch die Suðurgata geht und Licht in seinem Arbeitszimmer sieht.

Taxi 79 ab StationZunächst hatte ich gedacht, dass es sich hierbei womöglich um Arnaldur Indriðasons Vater, Indriði G. Thorsteinsson, handeln würde, berühmt geworden, durch den bereits 1955 erschienenen und später auch verfilmten Roman 79 af stöðinni – 2011 in der Übersetzung von Betty Wahl unter dem Titel Taxi 79 ab Station im Transit Verlag publiziert.

UhrwerkEin isländischer Freund jedoch hat mich über meinen Irrtum aufgeklärt: gemeint ist der Schriftsteller Ólafur Jóhann Sigurðsson (1918 – 1988), der u. a. das von Erlendur in Nacht über Reykjavík auch angesprochene Werk Gangvirkið (1955) / Das Uhrwerk. Abenteuer eines Journalisten (Aufbau Verlag 1982) geschrieben hat…

Genug des Insider-Geplauders: wer Nacht über Reykjavík partout nicht lesen will, der kann – wie beinah alle die stets von Coletta Bürling übersetzten Romane des Autors – das Werk auch hören. Walter Kreye hat es gewohnt souverän für den Verlag LübbeAudio eingelesen.

PS: In den nächsten Tagen schaut ein Experte vorbei und will mein Internet-, Telefon, etc.-System auf hochgradig beschleunigten Vordermann bringen – sollte dabei (und ich rechne fest damit) etwas schief gehen, wird die Winterpause, aus der ich mich so allmählich herausarbeiten möchte, noch lange andauern!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Nacht über Reykjavík

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