Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (33)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island
Welch eine schöne Koinzidenz: allenthalben erinnert man heute an das Gedicht An Deutschland, jene poetische Liebeserklärung, welche die damals 22jährige russische Dichterin Marina Zwetajewa am 1. Dezember 1914 als Antwort auf den Deutschenhass schrieb, der mit dem Zweiten Weltkrieg in ihrem Land ausgebrochen war – und ich, angetan von den schönen Reaktionen auf meinen letzten Poesie-Beitrag zu Ingibjörg Haraldsdóttir, stöbere weiter in früheren Übersetzungen und Publikationen dieser isländischen Lyrikerin und finde das Widmungsgedicht An Marina, veröffentlicht 1995 in ihrem Gedichtband Höfuð konnunnar / Der Kopf der Frau.

Das Gedicht ist recht umfangreich – deshalb verzichte ich hier (ausnahmsweise) auf das wiederum von Franz Gíslason und mir übersetzte Original, doch gänzlich ungezeigt lassen möchte ich es allerdings auch nicht, sagt es doch so manches über die Lyrikerin, die es verfasst hat – und mehr noch über die bedeutende russische Dichterin Marina Zwetajewa, die ihrem Leben nach Exil und Rückkehr in die Sowjetunion am 31. August 1941 im tatarischen Jelabuga ein Ende setzte.

Südisland - Küste © Wolfgang Schiffer

Südisland – Küste © Wolfgang Schiffer

An Marina

I
Die Zeit zwischen uns
– spielt sie eine Rolle?
Als ich geboren wurde,
lagst du bereits in der Erde
(der sandigen Erde von Tatarien)
länger als ich im Mutterleib – um genau zu sein
dreizehn Monate. Als ich
dich endlich kennenlernte –
besser gesagt: als du mich schlugst
(„ein Kolbenhieb auf den Schädel“)
war unser Jahrhundert schon
baufällig geworden,
das Jahrhundert, das du als Kind begrüßtest,
das Jahrhundert, das ich im mittleren Alter verabschieden muss
– wir umspannen es zusammen
dieses Jahrhundert, Marina,
außer den dreizehn Monaten, die vergingen,
von dem bedrohlichen Augenblick
in Jelabuga, östlich der Wolga,
als du die Schlinge um deinen Hals legtest
und zuschnürtest,
bis ich zum ersten Mal nach Luft schnappte
in einem Keller an der Snorrabraut
westlich der Wolga.
Natürlich spielt sie
keine Rolle. Doch
der Gedanke ist lieb,
es mit dir geteilt zu haben,
unser Jahrhundert, Marina.

II
Deine Tage,
so ungleich den meinen:
die Beschaffenheit der Dinge
rauer,
denke ich, die Gerüche schärfer,
die Arbeiten mehr
und schwerer –
die verfügbare Zeit
so knapp
so teuer
und das Dunkel
das Dunkel so tief

III
Deine Lieben
ähnlichen Ursprungs wie die meinen
und doch

„Blume, mit Blut gewässert“
– nein, die Zeiten haben sich wohl
geändert, Marina, das
würde ich nie zu jemandem sagen

und nie ist meine Seele
gehäutet worden

IV
(eins hatten wir gemeinsam,
obwohl ich mich schäme,
es zuzugeben, ich, die ich
eine moderne Frau bin und mich selbst
am liebsten als eine Art Weltdame sähe,
wenn ich nur könnte…
aber dies, was uns gemeinsam
war, Marina, war die Angst
vor Motorfahrzeugen. Du weißt
vielleicht nicht, wie absurd
es klingt, aber ich habe nie
Autofahren gelernt. Und du hast doch nicht
einmal in eine Straßenbahn gewagt.)

V
Ich träume manchmal von dir,
Marina, und dann scheint mir,
als sähe ich dich entschwinden,
doch ahne ich,
dass du mich zuvor
kurz angesehen hast
und gelächelt,
dieses müde
Jelabuga-Lächeln
und du entschwindest in den Wald
in das Dunkel, und ich sehe dich
weitergehen, immer weiter,
und ich weiß, dass dieses Dunkel
dieser Wald, dieses Dunkel
zum Schluss uns beide
fest umschlingen wird
Marina

VI
Deine Stimme habe ich nie gehört,
doch klingt sie jetzt
in der Leere rundum
dunkel und heiß und schnell
und ich spüre, die Nacht horcht,
wie deine Worte hervordringen
ein unbesiegbares Heer von Worten
die niemand vertreiben
und niemand vergessen
kann und niemals
niemals verstummen

Worte die leben
stark im Dunkel
der Nacht

VII
Er klingt wie eine Strafe
ein glühender Eisenschuh oder
ein Hexentopf in einer dunklen Lichtung
dieser tatarische Ortsname:
Je-la-bu-ga
dorthin kamst du
todmüde auf der Flucht vor einer
verrückten Welt

von dort
gab es nur einen
Ausweg

an diesem letzten Tag
des Monats August
neunzehnhunderteinundvierzig

VIII
Wenn du bloß wüsstest!

alles hat sich verändert – vielen
scheint die Welt eingestürzt
anderen als ob
die Sonne der höchsten Wonne aufgegangen sei

was weiß ich?

nur dies: dass die Zeit
vergangen ist und du
gespielt hast
in meinen Gedanken

noch bleibt mir verborgen
deine Gelehrtheit von
der Kunst der offenen Ader

IX
Hier möchte ich bleiben
zu deinen Füßen
eine Weile
– bis mein Blut
rot und heiß
in den Adern tobt

bis uns das Dunkel
fest umschlingt
uns beide
Marina

Zumindest mit den ersten beiden Strophen will ich am heutigen Tag jedoch auch das Gedicht selber anklingen lassen, das Marina Zwetajewa vor hundert Jahren schrieb – vollständig zu lesen ist die Übersetzung von Gert Hans Wengel auf dessen eigener Homepage.

An Deutschland

Germanien, alle Völker hassen
Dich jetzt und hetzen gegen dich.
Ich aber will dich nie verlassen.
Verraten gar – wie könnte ich?

Nie war dies meine Überzeugung,
Dies: Aug’ um Auge, Zahn um Zahn,
Germanien, meine tiefste Neigung,
Germanien, ach, mein edler Wahn!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (33)

  1. saetzebirgit schreibt:

    Wunderbar – ich habe gerade das Reclam-Büchlein mit den Liebesgedichten der Zwetajewa bei mir und stoße hier auf eine ganz andere Seite. Und auf diese isländische Dichterin sowie deren Hymne an das große „Z“ der russischen Lyrik.

  2. versspielerin schreibt:

    wow … was für eine wunderbare hommage, beinahe liebeserklärung „an marina“!
    gefällt mir sehr.

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