In den Wind geflüstert

Vierzehn Jahre nach dem beeindruckenden Roman Nach Island ist endlich wieder ein Werk von Guðmundur Andri Thorsson in deutscher Übersetzung erschienen.

Sögustaðir / Orte der Geschichte, Öl auf Leinwand, 30 x 120, Geschenk des isländischen Malers Tolli

Sögustaðir / Orte der Geschichte, Öl auf Leinwand, 30 x 120, Geschenk des isländischen Malers Tolli

Ich sage es gleich zu Beginn: den Roman Nach Island, das erinnere ich, habe ich seinerzeit mit großer Begeisterung gelesen – die jetzige Lektüre des neuen Romans von Guðmundur Andri Thorsson, vor wenigen Tagen erschienen im Verlag Hoffmann und Campe, übersteigt meine damalige Begeisterung allerdings noch um vieles!

Guðmundur Andri Thorsson ist mit In den Wind geflüstert, in Island 2011 unter dem Titel Valeyrarvalsinn / Der Valeyri-Walzer erschienen, wahrlich ein kleines Meisterwerk gelungen – und Tina Flecken, die stets überaus verlässliche Übersetzerin aus dem Isländischen, übertrifft sich in all ihrem Können diesmal noch einmal selbst: die deutsche Fassung durchweht derselbe literarische Atem, der bereits das Original in geradezu musikalische Schwingungen versetzt.

Nach IslandErstreckte sich in dem als Tagebuch abgefassten Nach Island das mit passender Patina erzählte, mit historischen Details ebenso wie mit mystischen Geheimnissen angereicherte Geschehen – nämlich die Reise eines englischen Gentleman in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach seinen familiären Wurzeln – auf einen Monat, so nimmt der neue Roman gerade einmal zwei Minuten in den Blick.

In den Wind geflüstertEs sind die zwei Minuten, die Kata, die aus der Slowakei stammende Chorleiterin, an einem mittsommerlichen Nachmittag braucht, um in dem (fiktiven) kleinen Fischerdorf Valeyri im Norden Islands die Strandgata hinunter zu radeln, auf dem Weg zum Gemeindehaus, wo am Abend die meisten Bewohner des Ortes die Jónsmessa, die Mittsommernacht, feiern und dem großen Chorkonzert beiwohnen werden – als Sänger oder als Zuhörer.

Sie alle sehen Kata während dieser zwei Minuten – und während sie ihr, von der wir Leser bald ahnen, dass ein schlimmes Schicksal sie ihrer Heimat entrissen haben muss, nachschauen in ihrem blaugepunkteten Kleid, brechen in ihnen, ganz gleich, ob sie während dieser zwei Minuten mit sich allein sind oder sich mit Freunden bereits auf den festlichen Abend einstimmen, mit einem mal ihre eigenen Geschichten auf – Geschichten, die sie miteinander teilen, und andere, die sie voreinander zu verbergen suchen, weil sie gesättigt sind mit Schuldgefühlen, Süchten und Sehnsüchten, von denen niemand etwas wissen darf.

Ein Dorf besteht nicht nur aus Brandung und Arbeitsleben, knatternden Motorbooten oder Hunden, die mit dem Kopf auf den Vorderpfoten in der Sonne liegen. Es besteht nicht nur aus dem Geruch von Meer, Öl, Vogelkot, Leben und Tod – dem vielen Fisch und skurrilen Häusernamen. Es besteht auch aus einer Erzählung, die still durch die Straßen gleitet und das Urbild des Dorfes bewahrt, das allmählich im Lauf der Jahre und Jahrhunderte entstanden ist. So sind wir, wir die Leute aus Valeyri, wir. Manche Kapitel dieser Erzählung kennt jeder: die Geschichte von Doktor Jónas und seiner Schwermut, die Liebesgeschichte von Guðmundur, dem Dichter der Dichter, und Katrín und wie sie seinen Jugendfreund Lalli Lár heiratete (…), – wie sie den Dichter für den Dorfkönig verließ – , Geschichten von liebestollen Harmonikaspielern, einfallsreichen Milchautofahrern, trunksüchtigen Pfarrern und glücklosen Heringsspekulanten (…). Manche erzählt man, wenn Gäste da sind, bis spät in die Nacht hinein, und manche wurden niedergeschrieben. Manche werden nur flüsternd erzählt und manche nur, wenn eine Flasche entkorkt ist. Und manche Geschichten werden nie erzählt.

Guðmundur Andri Thorsson erzählt sie uns alle, diese Geschichten, die doch auch die Geschichte des Dorfes sind, die Erzählung, aus der das Dorf besteht. In den Erinnerungen von Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters, Alteingesessenen wie Zurückgekehrten und Zugezogenen, lässt er sie uns erleben – er breitet sie vor uns aus, wie von der leichten Sommerbrise getragen, die vom Meer herüber durch den Ort weht – aus verschiedenen Perspektiven da, wo es ein gemeinsames Wissen der Dorfbewohner um die oftmals auch tragischen Ereignisse gibt, vorsichtig nachschürfend dort, wo sich Geheimnisse auftun in all ihrer Rätselhaftigkeit und Tiefe.

Am Ende sind es sechzehn Einzelschicksale, die sich so wie unter einem Brennglas zu einem faszinierend anrührenden Kaleidoskop zusammenfügen, zu einem nicht selten melancholischen Reigen menschlichen Lebens in einem kleinen Fischerdorf – eines Lebens in all seiner Schönheit und mit all seinen Brüchen – und trotz des kleinen, abgeschiedenen Orts, an dem es sich vollzieht, mit der Universalität von Welt.

Mein Fazit: ein Roman wie ein poetischer Hauch, auf schönste Weise zart und kraftvoll zugleich, von dem man wünschte, er möge niemals enden…

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Ein kleiner Nachtrag

Diese Besprechung habe ich auf der Basis eines vom Verlag vorab zugeschickten Lesexemplars geschrieben und wollte sie natürlich mit dem Ende der einzuhaltenden Sperrfrist am 12. November bereits in meinen „Wortspielen“ veröffentlichen. Dann jedoch erfuhr ich, dass Guðmundur Andri Thorsson zu einer kleinen Lesereise nach Deutschland kommen würde – mit einer Station in Köln am 26. November, vor zwei Tagen also.

Eine persönliche Begegnung – für uns eine Wiederbegegnung, denn wir hatten uns früher bereits einige Male in Island gesehen – wollte ich natürlich nicht missen, und so verschob ich die Veröffentlichung erst einmal und plante dafür fest den Besuch seiner Lesung ein.

Leider war für mich die Zeit im Umfeld der Veranstaltung im neuen Seminargebäude der Kölner Universität recht knapp bemessen, so dass Guðmundur Andri und ich nur einige wenige Erinnerungen an unsere zurückliegenden Begegnungen austauschen konnten – und vor allem an seinen Vater, den bekannten, 2011 verstorbenen isländischen Schriftsteller und langjährigen Präsidenten des isländischen PEN Thor Vilhjálmsson, mit dem ich über viele Jahre befreundet war. Umso mehr versuchte ich mich dann aber in die Veranstaltung selber einzuhören, bei der Regina Jucknies, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kölner Instituts für Skandinavistik, den Autor und die Übersetzerin Tina Flecken zu dem Roman und die Arbeit daran befragte.

Neben Tina Fleckens klugen Anmerkungen zu der Herausforderung einer Übertragung eines derart poetischen, musikalisch grundierten Textes ist mir aus diesem Gespräch vor allem eine Äußerung des Autors besonders im Gedächtnis haften geblieben.

G. A. Thorsson

G. A. Thorsson

Befragt, wie er denn überhaupt einen Text von einer derart hohen Musikalität erschaffen könne, wurde er fast ein wenig verlegen. Er wisse es nicht, ließ er schließlich wissen – die Figuren, die vielen Stimmen, der Text, das alles habe sich einfach so in seinem Kopf gesammelt– und dann sei es durch seine Finger aufs Papier geströmt, geradeso als ob er nur das Medium gewesen sei.

Das kam mir bekannt vor! Jetzt blättere ich noch einmal durch den Roman – und tatsächlich, ich finde die Szene, an die mich die Aussage des Autors erinnert hat. Da sitzt der Dichter des Valeyri-Walzers auf einem Stein am Strand und fühlt, wie ein Gedicht bereit ist, zu ihm zu kommen. Und da heißt es weiter:

Die Worte strömten aus seinem Stift wie Vögel. Die Buchstaben verschmolzen zu Bildern, die nicht aussahen wie die Wörter, auf die sie verwiesen, es aber waren. Er schrieb Gras, er schrieb Meer und er schrieb Strand. Während er diese Wörter schrieb, erschuf er Gras beim Meer am Strand. Er schrieb meine und Hände und öffnen sich. Er schrieb Vogel. Er zeichnete einen Vogel. Er betrachtete die in Sonettbögen gleitende Möwe, die Wellen, schwer von jahrtausendealten Mustern der Meeresströmungen, eine Wolke, die am tiefblauen Himmel einer weißen Sehnsucht glich.

Ende des kleinen Nachtrags – ich lese In den Wind geflüstert sofort ein zweites Mal!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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14 Antworten zu In den Wind geflüstert

  1. kutabu schreibt:

    Toll! Das muss ich lesen!!!

  2. text+art©lz schreibt:

    Hat dies auf text+art©lz rebloggt und kommentierte:
    Welch eine Empfehlung. Welch feine Worte.

  3. Maren Wulf schreibt:

    Ahh… genau die richtige Lektüre für meine allererste Islandreise Ende des Jahres, will mir scheinen… 😉

  4. finbarsgift schreibt:

    …was für ein herrlich inszenierter Buchtipp!

    Dankeschön und liebe Morgengrüße vom Lu

  5. Angelika Schramm schreibt:

    Wundervoll präsentiert, verlockend beschrieben, – vielen Dank, lieber Wolfgang!

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank zurück, liebe Angelika! Bei dem Roman habe ich mich auch gerne ein wenig „angestrengt“…

  6. Lust zu Lesen schreibt:

    Hat dies auf Lust zu Lesen rebloggt und kommentierte:
    Ich habe diesen Beitrag auf meiner Seite verlinkt – das Buch ist einfach zu gut. Und die Rezension hier auch!

    In den Wind geflüsterte Grüße

    Sonja

  7. Pingback: “In den Wind geflüstert” – Roman von Guðmundur Andri Thorsson | Kultur-Tagebuch

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