Das Leseleben

Der Autor und Philosoph Giwi Margwelaschwili spricht über das Leben in und mit Büchern

Mann und Frau als Skulptur zwischen Büchern © Wolfgang Schiffer

Mann und Frau als Skulptur zwischen Büchern © Wolfgang Schiffer

Was ist ein Leseleben? Wer führt es? Der Lesende? Der Gelesene, der im Buch als Buchfigur existiert? Der Text gar?

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geborene Giwi Margwelaschwili in seinem langen Leben solchen Fragen zuwendet – ein Großteil seiner Literatur und seines philosophischen Diskurses ist geprägt vom Ausloten der Beziehung zwischen Leser und literarischen Figuren, zwischen Schrift und menschlichem Leben.

Auf äußerst vergnügliche und erkenntnistreibende Weise tut er dies nun einmal mehr in dem schmucken Leinenbändchen Das Leseleben, das eine Auswahl bereits erschienener kurzer Texte zum Thema mit einigen neuen zusammenführt.
Da ist von Zeilenquadratmetern die Rede, vom Tintenflußschicksal, von Versweltverwaltung und Versweltzeilenzeit, von Gedichtweltmännern und Gedichtweltmädchen – und immer wieder von uns, die wir uns in der Verlockung einer totalen Leselebensgefangenschaft befinden oder, leider zumeist, im Zustand einer schrumpfenden Wahrnehmungszeit für die Wortbilder und Satzgemälde, die doch nur in Leserköpfen aus- und vorgestellt werden können.

Leseleben

Gedichte sind wie Brunnen

Gedichte sind wie Brunnen. Sie fließen nur, wenn man aus ihnen schöpfen möchte. Der da so trinkt, ist ihr Leser. Die Lesenden sind wie Wanderer. Sie ziehen rastlos von einem Gedichtbrunnen zum anderen. Zeilenschlürfer. In endloser Reihenfolge spiegelt das Gedichtbrunnenrund ihre Gesichter, doch jedes immer nur für einen relativ kurzen und flüchtigen Lese-Lebensmoment.
Jede solche Quelle hat ihren Gedichtbrunnengeist. Das ist der Dichter. Er läßt sich immer gern mit verschlucken (er hat ja zahllose Leben; für jeden neuen Leser ein neues).
Das Schlimmste für ihn ist, wenn sein Brunnen vergessen wird, wenn die Wanderer immer seltener vorüberkommen und kaum noch jemand trinkt.

Zu Giwi Margwelaschwili, der nach Entführung, Internierung und Verschleppung nach Georgien erst 1993 mit festem Wohnsitz nach Berlin zurückkehrte (und heute wieder in Tiflis lebt), schrieb die Literaturkritikerin Insa Wilke seinerzeit in der Wochenzeitschrift Die Zeit aus Anlass einer beginnenden Werkschau u. a.:

Die Mehrheit der deutschen Leser ahnt nicht, welch hellwacher Weltgeist da wieder in Berlin lebt und von seiner Schreibstube im Wedding aus gegen die marktwirtschaftliche Vorschrift das Jahrhundert mitschreibt. Margwelaschwilis literarisch und philosophisch sprühende Schriften verhalten sich eben „antithematisch“ zum herrschenden Text und sind darum kaum veröffentlicht. Seit 2007 ändert sich das, seitdem der Verbrecher Verlag begonnen hat, das Gesamtwerk herauszugeben. Eine verlegerische Heldentat.

Beiden Einschätzungen stimme ich gerne zu, der zum Autor wie der zum Verbrecher Verlag. Im gerade veröffentlichten Fall Das Leseleben hat sich letzterer in spielerischer Anwandlung seines Inhalts sogar auch graphisch etwas Besonderes einfallen lassen: Keines der 1500 Exemplare gleicht dem anderen! In jedem Band sind die Texte und die Lettern-Illustrationen von den Designern von Zubinski neu miteinander kombiniert. Auf O und T wurde bei den Illustrationen natürlich verzichtet – denn, so sagt es der Autor, das O möchte niemals zwischen zwei T geraten, und dies hätte die Zufallsrotation bei der Exemplar-Herstellung natürlich nicht garantiert. So hat und behält (wie der Dichter) auch das Buch für jeden Leser ein neues Leben und ist als Unikat fortlaufend nummeriert.

Mein Exemplar trägt die Nummer 102! Das lässt die Hoffnung, dass es noch einige weitere Leselebensexemplare für andere gewillte Leserinnen und Leser gibt…

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Das Leseleben

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Ich bedaure es, dass heute so viel omnipräsente Werbung nötig ist, um etwas bis ins Bewusstsein einer größeren Gruppe von Menschen vordringen zu lassen und Interesse bei ihnen zu wecken.
    Wieder einmal ein herzlicher Dank für diese Vorstellung und Empfehlung, lieber Wolfgang.

  2. Augenfalter schreibt:

    Herzlichen Dank für die Lektüreempfehlung auch von mir!
    Zu dem vorgestellten Band „Das Leseleben“ habe ich mir nach vielversprechender Probelektüre auch gleich die Erzählungen „Vom Tod eines alten Lesers“ von Giwi Margwelaschwili bestellt – eine Entdeckung für mich, die wieder Ihr Blogbeitrag bewegt hat.

    Leselebengrüße, im AugenBlick noch vom Krankenbett aus,
    Karin [Frau Augenfalter]

    • schifferw schreibt:

      Liebe Frau Augenfalter Karin – ich wünsche schnelle und gute Genesung! Schön wäre es, wenn auch der alte Giwi sie fördern könnte! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  3. flattersatz schreibt:

    ach, bei dir hatte ich von dem büchlein gelesen…. jetzt weiß ich auch, warum das bei mir auf dem schreibtisch herumliegt und auf beachtung wartet! ;-)…. bald, ganz bald…

  4. Pingback: ‚Das Leseleben‘ – Buch von Giwi Margwelaschwili mit Illustrationen von Zubinski | Kultur-Tagebuch

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