Nebelmord

Ein neuer Island-Thriller von Yrsa Sigurðardóttir

Island - Foto Lorena Zils

Island – Foto Lorena Zils

Es ist schon erstaunlich, mit welch hoher Schlagzahl die isländische Kriminalschriftstellerin Yrsa Sigurðardóttir ihre Leserschaft mit neuen Fällen fesselt; 2005 erschien mit Das letzte Ritual ihr erster Roman in deutscher Übersetzung – jetzt liegt bei Fischer Taschenbuch bereits der neunte vor, und wie Seelen im Eis im letzten Jahr hat er wiederum alles, was man von einem Thriller aus Island erwarten darf: einen für die Insel typischen Plot, stimmiges Kolorit in einem nicht gerade milden Klima und natürlich – Spannung.

NebelmordIn Nebelmord sind es die letzten Tage im Januar, während deren Verlauf die Autorin sukzessive drei Personen- und Handlungskonstellationen vor uns Leser ausbreitet.

Da ist als erstes Helgi, ein Fotograf, der sich zusammen mit den Handwerkern Ívar und Tóti und der Technikerin Heiða von der Küstenwache für zwei Tage auf eine winzige Felseninsel absetzen lässt, um Aufnahmen von der Wartung des dortigen Leuchtturms zu machen – eine Extremsituation, die bald zu Spannungen in dem kleinen Team führt – vor allem in der Nacht.

Des Weiteren sind da Nói und Vala, ein Ehepaar, das mit seinem Sohn von einem Florida-Urlaub zurückkehrt und sich Sorgen macht um den Verbleib eines amerikanischen Ehepaars, mit dem sie zum Zwecke eben dieses Urlaubs die Wohnhäuser getauscht hatten. Verschwundene Schlüssel, zerplatzte Außenlampen und eine tote Katze auf dem Grill ihres Sommerhauses lassen sie Schlimmes ahnen, so dass sie die Vorfälle schließlich der Polizei melden.

Und da ist die Polizistin Nína. Sie wird von ihren zumeist männlichen Kollegen nicht nur regelrecht gemobbt, weil sie das sexistisch motivierte Fehlverhalten eines von ihnen zur Anzeige gebracht hat, ihr Chef Örvar hat sie deswegen sogar zum Ausmisten alter Akten in den Keller verbannt. Schlimmer jedoch ist es, dass Nína den Selbstmordversuch ihres Mannes Þröstur verwinden muss, eines Journalisten, der sich in der Garage zu erhängen suchte und seither im Koma liegt.

Zunächst deutet nichts darauf hin, dass diese drei parallel geführten Handlungsstränge irgendwelche Berührungspunkte aufweisen könnten, doch wer Yrsa Sigurðardóttirs Raffinesse im Verknoten und Verknüpfen scheinbar weit auseinanderliegender Fäden kennt, ahnt bald, dass es sich wohl doch um e i n e n Fall handeln muss.

Und so kommt es auch: bei ihrer Arbeit im Keller stößt Nína auf Unterlagen, die ihren Mann in Verbindung bringen mit einem lange zurück liegenden Selbstmord eines anderen Journalisten in eben jener Garage, in der auch er sich nun umbringen wollte. Damals war er mit zwei weiteren Kindern als Zeugen befragt worden, ob sie beim Spiel in der Nähe dieser Garage irgendetwas gesehen hätten… Damals hatten sie ausgesagt, nichts gesehen zu haben – aber war dies die Wahrheit? Und falls sie es nicht war: warum haben die Kinder damals gelogen?

Nína (und mit ihr der Leser) findet die Antworten auf diese und manch weitere Fragen, die sich im Laufe des Geschehens auftun und es mehr und mehr mit der Situation auf der Felseninsel und im Haus von Nói und Vala verweben, doch wer glaubt, damit alle Verstrickungen in diesem komplexen Geflecht aus Verbrechen, Schuld und Gewissensqualen entwirrt zu haben, wird am Ende einmal mehr überrascht. Denn es scheint, als ob das Opfer ebenfalls ein Täter ist… Und falls dies zutrifft, ist die Gefahr, die von ihm ausgeht, damit etwa noch nicht gebannt?

Lesen Sie selbst – oder hören Sie, wenn Sie mögen: Nebelmord, den neuen, von Tina Flecken wie immer souverän übersetzten Thriller der Isländerin Yrsa Sigurðardóttir gibt es nämlich auch als Hörbuch – für den Argon Verlag spannungsvoll eingelesen von Daniel Drewes.
Nebelmord

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Nebelmord

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Die komplexe Geschichte wurde wunderbar „aufgedröselt“ und die Empfehlung ist so, dass ich am liebsten meine seit Jahren bestehende Krimi-Abstinenz aufgeben würde.
    Ich muss nur noch zugreifen, – es ist angerichtet. Danke, lieber Wolfgang!

    • schifferw schreibt:

      Bisweilen sind ja auch Krimis nicht nur unterhaltsam, sondern auch erkenntnistreibend! Dieser hier legt den Schwerpunkt aber eindeutig auf Ersteres!

  2. Pingback: Schattenwege | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Tintenelfe schreibt:

    Also, ich hab jetzt nicht wirklich die ganze Rezi gelesen. Das mache ich, wenn ich den „Nebelmord“ dann gelesen habe. 😉

  4. Pingback: Yrsa Sigurðardóttir: Nebelmord [Rezension] | Tintenhain

  5. Pingback: Ein Isländer mordet mit Haushaltsgerät | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  6. Sabine Barth schreibt:

    Yrsas Thriller sind sicher besser als ihre Krimis, zumindest versteht es die Autorin, gesellschafttliche Themen, Konflikte und Katastrophen lesbar zu verpacken. Deine Rezension ist wunderbar wohlwollend. natürlich lese ich wacker die weiteren Bücher der Autorin, quasi als Verpflichtung. Deine Rezension ist dann der vergnügliche Teil.

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