Die verfluchten Eier

Alexander Nitzbergs Neuübersetzung von Michail Bulgakows satirischem Roman

Foto: Wolfgang Schiffer

Foto: Wolfgang Schiffer

Dieses „Rauchzeichen“ muss schnell noch gesendet werden, bevor auch ich mich auf den Weg zur Frankfurter Buchmesse mache – und mich danach nicht nur der obligatorische Hallenviren-Befall zweifellos wieder für einige Tage an jeden halbwegs klaren Gedanken hindern wird.

Es ist noch nicht allzu lange her, da konnte der Galiani Verlag stolz verkünden, dass der Lyriker und Übersetzer Alexander Nitzberg für die 2012 veröffentlichte deutschsprachige Neufassung von Michael Bulgakows Hauptwerk Meister und Margarita mit dem Read Russia Prize, dem renommiertesten Übersetzerpreis der Russischen Föderation, ausgezeichnet worden ist. In meinem Beitrag „Vom Übersetzen und Neuübersetzen“ habe ich auf diese Neuausgabe bereits hingewiesen – ebenso wie in „Wenn aus Bello Lumpi wird“ auf die nur ein Jahr später erfolgte Publikation eines weiteren bekannten Titels des russischen Modernisten: Das hündische Herz – ein bitterböser Abgesang auf den seinerzeit propagierten neuen Sowjetmenschen.

Unterstrichen wird die absolute Berechtigung dieser Auszeichnung nun einmal mehr durch die kürzlich erschienene Neuübersetzung des dritten (wiewohl es sich um einen Kurzroman handelt) Großwerks von Michael Bulgakow: Die verfluchten Eier.

Geschrieben hat Michail Bulgakow den Roman 1924, als neue wirtschaftliche und politische Zielsetzungen das Land nach den chaotischen Zeiten der Revolution und des Kriegskommunismus in nicht minder große Umwälzungen stürzten – er verlegt das grell-turbulente Geschehen, das er hierin entfaltet, jedoch in die nahe Zukunft des Jahres 1928.
Hier erfindet der Zoologie Professor Wladimir Ipatjewitsch Pfirsichow mit Hilfe einer Apparatur aus künstlichem Licht und diversen Spiegeln den Strahl des neuen Lebens, eine Kraft, die offensichtlich alles tierisch Organische in kürzester Zeit zu kaum vorstellbarer Größe wachsen lässt.

Während er noch in aller Vorsicht (und die ist geboten, denn die so manipulierten Lebewesen sind bis zur gegenseitigen Vernichtung bösartig-aggressiv) mit Amöben und Fröschen experimentiert, wird seine Erfindung dennoch schnell publik und in der Folge zu einem begehrten Objekt für die herrschende Nomenklatur. Kurzerhand beschlagnahmt ein ebenso ehrgeiziger wie tumber Funktionär namens Vluch (!) die Gerätschaft und verbringt sie in einen landwirtschaftlichen Großbetrieb in der Nähe von Smolensk. Hier lässt er damit eigens aus Deutschland importierte Hühnereier bestrahlen, in der Hoffnung, möglichst schnell übergroße Hühner zu produzieren und somit die allerorts im Land ausbrechende Hungersnot bekämpfen zu können.

Die gute Absicht verkehrt sich jedoch in ihr Gegenteil – statt der georderten Hühnereier sind versehentlich allerlei Reptilieneier geliefert worden, aus denen nun unaufhaltsam wachsende Schlangen und Echsen kriechen, sich stetig vermehren und in ihrer alles verzehrenden Unersättlichkeit bald weit über Smolensk hinaus das Land verwüsten.

Als sich der gefräßige Tross auf den Weg nach Moskau macht, bricht in der Hauptstadt die helle Panik aus.

In Moskau lohte eine rasende elektrische Nacht. Es brannten sämtliche Lichter, es gab in den Wohnungen nicht einen Ort, wo keine Leuchter mit abgenommenen Lampenschirmen geschillert hätten. Es gab in ganz Moskau, das 4 Millionen Einwohner zählte, keine Wohnung, worin auch nur 1 Mensch geschlafen hätte, mit Ausnahme von unverständigen Kindern. In den Wohnungen wurde hastig gegessen und getrunken, in den Wohnungen wurde etwas geschrien, und ständig lugten verschreckte Gesichter aus den Fenstern eines jeden Stockwerks heraus, sie schauten zum Himmel, der nach allen Richtungen von Scheinwerfern zerschnitten war.

Natürlich wird die Armee gegen das Heer der Monster mobilisiert, doch selbst die erprobten Reiter mit ihren himbeerfarbenen Kapuzen vermögen ihnen nichts entgegenzusetzen. Das System kann sich aus sich selbst heraus nicht retten – es bedarf schon eines geschichtsträchtigen Deus ex Machina, der hier nicht verraten werden soll, um der drohenden Vernichtung zu entgehen.

Die politische Dimension dieses, so der Verlag, Witz und Galle spuckenden Romans, dem (bei heutiger Lektüre) durchaus auch eine über die damalige Zeit hinaus weisende visionäre Kraft innewohnt, sieht natürlich auch Alexander Nitzberg und weiß sie in seiner sorgsamen Kommentierung und in seinem vorzüglich einordnenden Nachwort bestens zu erläutern – mehr noch als hiervon ist seine Neuübersetzung jedoch geleitet von der Poesie und der Klangqualität der Sprache Bulgakows, die er in seinem Nachwort gar als Träger der Handlung, ihr eigentliches Fleisch charakterisiert. Und, auch wenn es einem gelegentlich etwas forciert vorkommt, er gibt ihnen in seiner Übersetzung eine in der Summe kongeniale Entsprechung: die Sprache flirrt, funkelt und sprüht und macht allein schon deswegen das Lesen des Romans zu einem überaus vergnüglichen Erlebnis.

Ein kleines PS sei noch erlaubt: der Regisseur und Komponist Klaus Buhlert, bekannt für seine überzeugenden akustischen Bearbeitungen von Weltliteratur, hat Meister und Margarita in der Übersetzung von Alexander Nitzberg jüngst für den Bayrischen Rundfunk als 12-teiliges Hörspiel realisiert. Als Hörbuch erschienen ist das Werk mit den Stimmen von Michael Rotschopf, Manfred Zapatka, Valerie Tscheplanowa und vielen anderen im Hörverlag in München.
Meister und Margarita Hörbuch

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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