Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (29)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island-Stimmung © Lorena Zils

Island-Stimmung © Lorena Zils

Wer mich bislang bei meinen kleinen „Streifzügen“ durch die zeitgenössische isländische Dichtkunst begleitet hat, dem ist die Autorin des heutigen Beispiels sicherlich keine Unbekannte mehr – Linda Vilhjálmsdóttir stand bereits im Zentrum der Stationen 5 und 25.

Neben Veröffentlichungen einzelner Texte ihres lyrischen Werks in verschiedenen Ausgaben der Literaturzeitschrift die horen publizierte zuletzt der Kleinheinrich Verlag 2011 mit Frostfiðrildin / Frostschmetterlinge und Öll fallegu orðin / Alle schönen Worte zwei ihrer neueren Gedichtbände in einer gemeinsamen Ausgabe – übersetzt von Tina Flecken und illustriert mit Aquarellen von Bernd Koberling.

Viel früher noch, 1992, war Linda Vilhjálmsdóttir jedoch bereits umfangreicher vertreten im vierten Band der Reihe Poesie der Nachbarn, dem Ergebnis eines Übersetzungsprojekts, das als Initiative der Rheinland-Pfälzischen Landesstiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck und des Künstlerhauses Edenkoben nach wie vor Bestand hat.

Das Konzept dieses Projekts, das den Untertitel Dichter übersetzen Dichter trägt, beschreiben die Initiatoren wie folgt:

Auf der Grundlage philologisch genau erarbeiteter Übersetzungen (Prinzip Wörtlichkeit), die den jeweils eingeladenen deutschsprachigen (Nach-)Dichtern vor dem Treffen mit ihren ausländischen Kollegen vorliegen, entstehen die Nachdichtungen in der „fremden Nähe“ (Paul Celan) der Arbeitswoche im Künstlerhaus Edenkoben. Im Gegenüber zweier Sprachen, zweier Töne, zweier Atembewegungen und Sprachgebärden entsteht der dem Original in adäquater Weise begegnende neue deutschsprachige Klangkörper, eine Fortschreibung des Originals ins Deutsche.
Paul Celan hat einmal davon gesprochen, dass die Wörtlichkeit einer Übersetzung noch nicht das Gedicht, um das es geht, erreiche, ja, dass der Nachdichter die Worttreue, die Wörtlichkeit seiner Übertragung nicht selten, gelegentlich sogar im Extrem zu verlassen habe „in Richtung auf ein dem Original ent- und zusprechendes Gedicht“.
Der Wunsch nach einem Ineinandersprechen von Originaltext und Übertragung, nach der Verknüpfung der Texte mit immer weiteren fremden Texten: am Anfang dieses Projekts stand der Traum von einem starken, tragfähigen, schönen poetischen Netz, das sich in und über Europa ausspannen möchte. Ein vielzüngiger Dialog, in dem das Eigene, das mit dem Fremden spricht, dieses in sich bewahrt wie den eigenen Ton. Nicht selten finden sich deshalb mehrere deutschsprachige Übertragungen dem Original gegenüber, gelegentlich schreiben zwei deutsche (Nach-)Dichter eine Übertragung. Dieses Ineinandersprechen von Original und Übertragung geschieht in einer von Respekt und genauem Gehör für das Fremde signierten Arbeitsatmosphäre.

Anschließende Publikationen, die die so zustande gekommene „literarische Ernte“ zusammenfassen, erschienen zunächst ebenfalls im Verlag die horen – seit 2004 werden sie im Verlag Das Wunderhorn veröffentlicht. Bislang waren hieran über 120 (Nach-)dichter aus dem deutschsprachigen Raum sowie über 150 Autoren aus 27 Sprachen beteiligt: aus Dänemark (1988), Ungarn (1989), Spanien (1990), Island (1991), den Niederlanden (1992), Bulgarien (1993), Italien (1994), Frankreich (1995), Norwegen (1996), Irland (1997), Estland (1998), Rumänien (1999), Portugal (2000), Finnland (2001), Griechenland (2002), Russland (2003), England (2004), Ukraine (2005), Schweiz (2006), Slowenien (2007), Schweden (2008), Kroatien (2009), Belgien (2010), Bosnien-Herzegowina (2011), der Türkei (2012), Polen (2013) und der Slowakei (2014).

Dieses bereits jetzt außergewöhnliche Füllhorn der europäischen Dichtung wird 2015 durch den Gast Lettland erweitert.

Das heutige Gedicht aus Island ist der seinerzeit nach der isländisch-deutschen Übersetzerwerkstatt entstandenen Publikation Ich hörte die Farbe Blau entnommen und liegt in zwei Übertragungen vor, die ich zum Vergleich gerne beide vorstelle.
Die erste ist von dem Lyriker Johann P. Tammen, die zweite von dem Initiator des Übersetzungsprojekts Poesie der Nachbarn selbst: Gregor Laschen. Doch zunächst, nach einem Foto, das Islandpferde im Spiel des Lichtes zeigt, natürlich das Original.

Islandpferde © Wolfgang Schiffer

Islandpferde © Wolfgang Schiffer

Blús

Kulkisan er blá
og breiðir úr sér
eins og haust á trjágrein

eins víst er að maður verði tvísaga
þegar kæruleysislegur bláminn framundan
breytist í fjólubláar fjólur

og lesi af laufinu
tvo hesta bláa ú buskanum
annar fér ljósbláum logum um landið
meðan hinn sýnist blár eins og nótt í málverki.

Blues

Kaltschnäuzig blau
das Kätzchen hockt da
wie der Herbst auf dem Zweig

denkbar ertappt zu werden im Widerspruch
wenn sich das gleichgültige Blau vor uns
verwandelt in violette Veilchen

und vom Laub lesen
ins Blaue hinein zwei blaue Pferde
eins jagt mit hellblauen Flammen übers Land
das andere im Blau der Nacht einer Malerei.

Blues

Das Kätzchen aus Kälte ist blau
und streckt sich wie
Herbst breit über die Zweige des Baums.

Schon möglich, reiner Widerspruch,
wenn das gleichgültige Blau vor uns
sich ändert ins Lila der Veilchen

und aufliest vom Laub
zwei blaue Pferde aus Blau –
das eine geht, hellblaue Flamme, über Land,
das andere blau, gemalt wie die Nacht.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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6 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (29)

  1. Maren Wulf schreibt:

    Was für ein schöner instruktiver Beitrag – herzlichen Dank! Er macht mir große Lust, viel öfter mehrere Gedicht-Übersetzungen parallel zu lesen. Spannend, wie sehr sich die beiden Blues-Texte voneinander unterscheiden. Zu mir spricht die Nachdichtung von Gregor Laschen deutlich stärker.

    • schifferw schreibt:

      Danke für die schöne Rückmeldung, liebe Maren! Ich habe das Glück, beinah alle dieser Bände aus der Reihe „Poesie der Nachbarn“ in meinen Regalen stehen zu haben, und es ist immer wieder auch ein bereicherndes Vergnügen, den unterschiedlichen Übertragungen zu folgen!

  2. Angelika Schramm schreibt:

    Durch berufliche Übersetzertätigkeit habe ich mich natürlich sehr mit der Problematik des „richtigen“ Übersetzens befasst und freue mich nun sehr über diesen Beitrag.
    „Im Gegenüber zweier Sprachen, zweier Töne, zweier Atembewegungen und Sprachgebärden entsteht der dem Original in adäquater Weise begegnende neue deutschsprachige Klangkörper, eine Fortschreibung des Originals ins Deutsche,“ – wie wunderbar ist das beschrieben und wie genau trifft es den Kern.
    Danke, danke!

    • schifferw schreibt:

      Ja – die stete Herausforderung ist hier treffend beschrieben! Danke für die zustimmende Einschätzung!

  3. finbarsgift schreibt:

    ein feiner Blues-Bericht ist das!
    Liebe Grüße vom Lu

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