Der Schelm Vigoleis

Eine Geburtstags-Matinee mit Albert Vigoleis Thelen

Ein bisschen Albert Vigoleis Thelen © Wolfgang Schiffer

Ein bisschen Albert Vigoleis Thelen © Wolfgang Schiffer

Seit Jahren ist es eine schöne Tradition des Vereins für Heimatpflege in Viersen, Albert Vigoleis Thelen, einem der großen Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts – der vielen bereits leider in Vergessenheit geraten ist – einen Festakt auszurichten – und das stets am Datum seines Geburtstages, dem 28. September.
Unterstützt wird der Verein dabei von der nach dem Autor benannten Stadtbibliothek der Stadt Viersen am Niederrhein, in deren Nähe, in Süchteln nämlich, der Sprachschwelger und Fabulierkünstler 1903 geboren wurde und – ebenfalls nicht weit entfernt – nach dem Nationalsozialismus geschuldeten Fluchten durch weite Teile Europas 1989 in Dülken verstarb.

In den beiden vergangenen Jahren hatten mein Freund Johann P. Tammen, Lyriker und langjähriger Herausgeber der Literaturzeitschrift „die horen“, und ich die Ehre, ihm am besagten Tag den Festvortrag halten zu dürfen, und zwar zu seiner umfänglichen, von einem kritischen Weltbild und verspielter Wortakrobatik gleichermaßen geprägten Poesie: Aus Sternstaub ist mein Haus gemacht

In diesem Jahr, zum 111. Geburtstag, ist es Johannes Roskothen, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und freier Publizist, dem diese ehrenvolle Aufgabe zuteil wird.

Die Insel des zweiten GesichtsJohannes Roskothen wendet sich d e m Roman Albert Vigoleis Thelens zu, der ihn vor allem bekannt gemacht hat: Die Insel des zweiten Gesichts. Sein Vortrag Der Schelm Vigoleis – Sohn des Hermes? lädt, so heißt es in der Einladung zu der Matinee-Veranstaltung am 28. September um 11:00 Uhr in der Albert-Vigoleis-Thelen Stadtbibliothek am Rathausmarkt 1b in Viersen, zu einer Spurensuche ein in dem genialen, auf Mallorca spielenden Schelmenroman des Schriftstellers.

Wir werden auf die Spuren eines griechisches Halbgottes stoßen: Die vielen Attribute und Fähigkeiten des Hermes / Merkur lassen sich auf erstaunliche Weise im Handeln (und Reden!) des Fremdenführers Vigoleis finden.

Entsprechende Textbeispiele werden gelesen von Rolf Thelen.

Ich bin mir sicher: dies wird ein ebenso erkenntnisreicher wie vergnüglicher Vormittag, der viele, die an ihm teilnehmen können, zu einer erneuten Lektüre des Werks dieses ebenso wunderbaren wie wundersamen Schriftstellers anregen wird. Und vielleicht bewirkt dies ja auch bei allen, die nicht zugegen sein können, dieses kleine „Rauchzeichen“, das ich für „Vigo“, wie ihn seine treuen Anhänger nennen, mit größter Hochachtung in den virtuellen Äther sende.

Sein Werk hätte es verdient!

Als einen ersten Leseeindruck sei hier nun noch ein Gedicht aus dem 1954 im Eugen Diederichs Verlag erstmals erschienenen Band Vigolotria zitiert, das wohl den Autor selbst ein großes Stück weit charakterisiert.

Vogelfrei

Das Leben hängt mir zum Halse heraus,
doch der Tod noch nicht mir herein.
Das führt zu Verkrampfung tagein und –aus
mit zyklopischer Seelenpein.

Was kann man da machen? Die Augen zu
und getan, als wäre man tot?
Ein Strick um den Hals gäbe endlich Ruh,
oder Arsenik aufs Butterbrot?

Ach Kinder, mit Strick und Giftmischerei
hab ich schlechte Erfahrung gemacht.
Mein Fall ist verloren, denn vogelfrei
bin dem Leben ich zugedacht.

Und ein Allerletztes: es ist nicht nur ein großes Vergnügen, das Werk Albert Vigoleis Thelens wieder zu entdecken und zu lesen – auch seine Briefe – Alltagsbriefe, Verzweiflungsbriefe, Hoffnungsbriefe, Bettelbriefe usw. – in denen man sein Leben im Exil und in der Nachkriegszeit kennen lernt, brillieren vor Sprachwitz und Sprachmacht. Erschienen sind sie in der Herausgabe der Thelen-Kenner Ulrich Faure und Jürgen Pütz 2010 im DuMont Verlag unter dem Titel Meine Heimat bin ich selbst.
Thelen Heimat 2

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Der Schelm Vigoleis

  1. saetzebirgit schreibt:

    Ich wünschte, die Veranstaltung wäre vor meiner Haustür (also südlicher als Viersen oder so). Aber ich drücke die Daumen für einen guten Besuch und neugierige Zuhörer! Thelen hat es verdient, noch von viel, viel mehr Menschen gelesen zu werden. Danke für die Erinnerung!!!

  2. Pingback: „Motregen“ in Amsterdam | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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