Ein Freund des Hauses

Ein neuer Roman von Yves Ravey – der zweite in deutscher Übersetzung

Foto: Wolfgang Schiffer

Foto: Wolfgang Schiffer

Es ist nicht länger zu leugnen: Der chronische Platzmangel in meinen Bücherregalen, der ein wohl geordnetes Einstellen gelesener Bücher nicht mehr zulässt, führt immer häufiger dazu, dass ich ein solches nicht mehr finde…

In den letzten Tagen ist es mir wieder einmal so ergangen – und zwar bei der Suche nach dem vor zwei Jahren, das heißt vor meinem Beginn als Blogger, ersten in deutscher Übersetzung erschienenen Roman des Franzosen Yves Ravey.

BruderliebeBruderliebe ist sein Titel, ein Kriminalroman, an den ich mich mehr als gerne erinnere, war ich doch bei meiner seinerzeitigen Lektüre sehr angetan von ihm – von seinem subtil ausgefeilten Plot (der Story einer Entführung, geplant und durchgeführt von zwei ungleichen Brüdern), den steten, die Spannung immer wieder neu steigernden Wendungen darin, und vor allem von der mit der winterlichen Landschaft des Geschehens im Grenzgebiet von Frankreich und der Schweiz korrespondierenden Sprache, die nüchtern, kühl – wie mit dem kalten Blick einer Kamera – das kriminelle Konstrukt zu einem überraschenden, mörderischen Ende treibt.

Fragt sich nun jemand, warum ich überhaupt nach der Bruderliebe gesucht habe? Wahrscheinlich – und der Grund ist höchst einfach: Der Verlag Antje Kunstmann hat aktuell einen weiteren Titel der etwa zwanzig in Frankreich bereits erschienenen Romane des 1953 in Besançon geborenen, auch als Professor für Bildende Kunst arbeitenden Schriftstellers Yves Ravey publiziert – die als Original im letzten Jahr als Un notaire peu ordinaire publizierte Geschichte – zu Deutsch jetzt, in der vortrefflichen Übersetzung von Angela Wicharz-Lindner, Ein Freund des Hauses. Und dieser neue Roman hat natürlich die Erinnerung an seinen ebenfalls bei Kunstmann verlegten Vorläufer wach gerufen!

Als ich noch zur Schule ging, holte meine Mutter an Sommerabenden gewöhnlich das Familienalbum aus dem Wohnzimmerschrank. Wir setzen uns zusammen an den Küchentisch und kommentierten jedes einzelne Foto. Sie erzählte dann von meinen Onkeln und Tanten und von ihren Cousins.
So erfuhr ich zum ersten Mal von der Existenz ihres Cousins Freddy. Sie zeigte ihn mir zunächst als jungen Mann, der lächelnd in einem Segeltuchstuhl unter dem Aprikosenbaum des neuen Hauses saß, in dem wir, sie und ich, zusammen mit meiner Schwester Clémence seit dem Tod meines Vaters wohnten.

Ein Freund des HausesNein, Ein Freund des Hauses, dessen Beginn hier zitiert ist, firmiert nicht als Kriminalroman. Allerdings muss man nicht allzu viele Seiten weiter lesen, um zu erkennen, welch eine dramatische Spannung dieses wie ein Familienidyll beginnende Buch entfaltet.
Jener Cousin Freddy ist nämlich nach fünfzehn Jahren Haft, zu denen er wegen eines Sexualverbrechens an der kleinen Sonia verurteilt worden war, aus dem Gefängnis entlassen worden – und nichts fürchtet Madame Martha Rebernak, Mutter von Sonias inzwischen herangewachsener Kinderfreundin Clémence mehr, als dass sich der aus ihrer Sicht unverbesserliche Kinderschänder nun an ihrer Tochter vergehen könnte…

Freddy jedoch gilt als resozialisiert; sein Bewährungshelfer beschwört Madame Rebernak sogar, ihm als einzig verbliebener familiärer Kontakt bei seinem weiteren Weg in ein normales Leben (schließlich habe er vor seiner Tat ja auch zumindest auf Probe in der Schlosserei ihres verstorbenen Mannes gearbeitet…) zur Seite zu stehen – sie jedoch lehnt jegliches Ansinnen dieser Art strikt weg ab.

Umso mehr kontrolliert sie von nun an ihre Tochter bei all ihren Aktivitäten in dem kleinen Provinzstädtchen, in dem das Geschehen spielt – unentwegt ist sie in den Arbeitspausen zwischen den verschiedenen Putzstellen, mit denen sie jetzt den Unterhalt der Familie sichert, auf ihrem Moped unterwegs und achtet darauf, dass ihr Cousin sich ihr auch ja nicht nähert.

Ein wenig Sicherheit gibt ihr hierbei die Tatsache, dass Clémence mit Paul, Sohn des Notars Maître Montussaint, befreundet ist – nicht ahnend, dass diese Freundschaft soeben ein abruptes Ende gefunden hat. Der Maître selbst, der sich schon bei so mancher Arbeitsbeschaffung als Freund des Hauses erwiesen hat, scheint sich allerdings umso aufmerksamer um Clémence zu kümmern, und auch wenn Madame Rebernak diese Fürsorge gelegentlich etwas übertrieben findet – ihre Vorurteile, die sie gegenüber Freddy hegt, unterdrücken jede Art von tieferem Argwohn.

Das Ende, es wird hier nicht verraten, ist konsequent – und blutig. Wie zu Anfang ist der Sohn, Clémence´ Bruder, der Zeuge. Überhaupt: der gesamte, gerade einmal neunzig Seiten umfassende Roman, ist aus dessen Perspektive erzählt – der Autor leiht sich quasi dessen Zeugenschaft selbst dann, wenn der namenlos bleibende Sohn nicht am Ort des jeweiligen Geschehens ist. Das macht den Roman schnörkellos, protokollhaft, frei von schriller Aktion und überflüssigen Wörtern.
Und umso klarer entfaltet er ein menschliches Drama und ein kritisches Sittenbild aus der französischen Provinz.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Ein Freund des Hauses

  1. Gabryon schreibt:

    Hat dies auf Allerlei Kunterbunt… rebloggt und kommentierte:
    Vorgestellt: Ein neuer Roman von Yves Ravey

  2. Johna945 schreibt:

    You are my inhalation, I have few web logs and rarely run out from post ageedeebbagd

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