In Memoriam: Rolf Haufs

Der Lyriker starb heute vor einem Jahr, am 26. Juli 2013

Foto: Wolfgang Schiffer

Foto: Wolfgang Schiffer

Mit einem Gedicht zumindest will ich an den ersten Todestag dieses großen deutschsprachigen Lyrikers erinnern – mit einem Gedicht, das für mich in Ergänzung der festen, in meinem kleinen Nachruf vor einem Jahr geschilderten Erinnerung ein weiteres Erleben der Poesiewelt Rolf Haufs‘ wachruft: ein Gespräch nämlich darüber, ob dieses Gedicht nun, wie abgedruckt, Augenblick im Juni heiße, oder, wie im Inhaltsverzeichnis benannt: Augenblick im Juli?

Ich erinnere die Antwort nicht mehr – wohl aber dieses Gedicht.

Augenblick im Juni

Mit meinen Schuhen hätte ich die Straße
Mühelos auflösen können. Hier
Unter Bäumen naß von Sommerregen
Gedenke ich meiner toten Freunde

Was hat sie bewogen ihre Zimmer zu verlassen
Uns mit ihren Nachlässen allein zu lassen
Unleserliche Handschriften Gegenstände
Deren Geschichte niemand kennt

Ihre Gesichter waren ganz nah
Auch Tage an denen wir vor Schaufenstern standen
In denen Porzellanfiguren ausgestellt waren
Alles war heiter. Als ob

Es weiterginge.

Entnommen ist dieses Gedicht dem 1984 im Rowohlt Verlag erschienen Gedichtband Juniabschied, für das der Rolf Haufs ein Jahr später mit dem „Bremer Literaturpreis“ ausgezeichnet wurde.
Juniabschied

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu In Memoriam: Rolf Haufs

  1. versspielerin schreibt:

    danke für die erinnerung … was für ein wundervolles gedicht.
    herzlich,
    diana

  2. Angelika Schramm schreibt:

    Danke, Wolfgang… Wie passend das Gedicht gewählt, berührend, betrübend. Immer wieder geht es auf einmal doch nicht weiter…

    • schifferw schreibt:

      Ich danke Dir, Angelika! Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die Verluste sich häufen…

      • Angelika Schramm schreibt:

        Ja. Und immer schwerer fallen… Der Fluch des gewonnenen „Überblicks“…

  3. Herr Hund schreibt:

    Ich mag das „Als ob“ in diesem schönen Gedicht. Mochte es schon immer. Eine solche Annahme, als ob….. ist uns möglich und sollte reichen, muss es tun. Bei Zweifeln hilft dann mir die Ironie. Und es kann weitergehen, geradezu, als ob….

    Ein schönes Gedicht
    Ihr Herr Hund

    • schifferw schreibt:

      Danke, lieber Herr Hund! Ich wünschte, ich könnte Ihre klugen Zeilen und Ihr Lob des Gedichts noch an Rolf Haufs weitergeben… Gute Grüße, Ihr Wolfgang Schiffer

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