Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (24)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Weder Austernfischer - noch die Küste Islands © Wolfgang Schiffer

Weder Austernfischer – noch die Küste Islands © Wolfgang Schiffer

Nach einigen Tagen in der Nähe von Ost- und Nordsee und auch an deren Küsten haben wir jetzt erst einmal wieder einen kurzen Zwischenstopp im heimischen Domizil eingelegt. Dabei wird es wohl kaum verwundern, dass mich der Anblick von recht viel Wasser in den letzten Tagen schnell und durchaus ein wenig sehnsuchtsvoll auch erneut nach Island hat schauen lassen. Doch weil die Reise dorthin so bald nicht möglich sein wird, muss ich mich zunächst mit einem weiteren „Rauchzeichen“ zur isländischen Poesie bescheiden.

Das Bild, das mir hierbei von Islands entfernter Küste vor Augen kam, ist in einem Gedicht von Snorri Hjartarson festgehalten. Natürlich wiederhole ich mich, wenn ich hier kurz noch einmal seine Biographie und die Publikation erwähne, dem dieser Text entnommen ist, denn Leserinnen und Lesern meiner „Wortspiele“ ist dieser Lyriker ja nicht mehr ganz unbekannt. Dennoch – der Vollständigkeit halber und für eventuell neu Hinzugekommene sei es getan.

Snorri Hjartarson (1906 – 1986) studierte zunächst Kunst in Kopenhagen und Oslo, erkannte aber wohl bald, dass seine eigentliche Begabung in der Literatur lag. Noch in Oslo erschien ein Roman von ihm in norwegischer Sprache, ein Künstlerroman, der durchaus autobiographische Merkmale trägt. Zurück in Island dauerte es allerdings einige Jahre, bis er 1944 einen ersten Gedichtband mit dem schlichten Titel Kvæði / Gedichte publizierte; mit Á Gnitaheiði / Auf der Gnitaheide (1952), Lauf og stjörnur / Laub und Sterne (1966) sowie Hauströkkrið yfer mér / Herbstdunkel über mir (1979) folgten ihm drei weitere Sammlungen. Für die letzte wurde er mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet.

In Deutschland bekannt gemacht hat den Dichter – nach ersten vereinzelten Veröffentlichungen in der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen – vor allem 1997 der Buchkunstverlag Kleinheinrich mit dem von Franz Gíslason und mir übersetzten Auswahlband Snorri Hjartarson – Brunnin flýgur álft / Brennend fliegt ein Schwan.

Island - Küstenbucht © Wolfgang Schiffer

Island – Küstenbucht © Wolfgang Schiffer

Við sjó

I
Flýgur tjaldur yfir mynd sinni
út blælygan vog
fljúga tveir tjaldar
breiddum faðmi
móti hafi himni hvor öðrum
inn í sólhvíta þögn
og hillingar langt út á firði.

II
Gulstirnd og græn
breiðist muran um grjótið
og hunangsflugur sveima
milli stjarna.

III
Undarleg tákn
skráir tildran í sandinn
eiliíf tákn
sem enginn hefur ráðið
nema mjúk aldan
sem máir þau út.

Am Meer

I
Ein Austernfischer fliegt über seinem Spiegelbild
eine windstille Bucht hinaus
zwei Austernfischer fliegen
mit ausgebreiteten Schwingen
dem Meer dem Himmel einander entgegen
in ein sonnenweißes Schweigen
und Luftspiele weit draußen über dem Fjord.

II
Gelbschimmernd und grün
breitet sich das Labkraut über das Gestein
und Bienen schwirren
zwischen Sternen.

III
Sonderbare Zeichen
schreibt der Steinwälzer in den Sand
ewige Zeichen
die niemand gedeutet hat
außer der weichen Welle
die sie tilgt.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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12 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (24)

  1. Walter Mik schreibt:

    Wunderbar vor allem der 3. Teil. Welch immerwährende Weisheit…
    Gruß
    Walter

    • schifferw schreibt:

      Danke, Walter! So lese ich diese letzten Zeilen auch…Gruß zurück und hoffentlich auf bald, Wolfgang

  2. Gabryon schreibt:

    Hat dies auf Allerlei Kunterbunt… rebloggt und kommentierte:
    Kalt und Heiß… Feuer und Eis…

  3. Angelika Schramm schreibt:

    Bei den von Dir vorgestellten isländischen Gedichten denke ich jedes Mal, wenn ich sie lese, dass ich in einer Art „Vorlandschaft“, an einem „Vormeer“ Islands aufgewachsen bin. Nicht umsonst war Island immer mein Sehnsuchtsland. Nun weiß ich besser, warum…

    • schifferw schreibt:

      Es freut mich, dass diese isländischen Gedichte derlei Spuren legen… Und das mit dem Sehnsuchtsland verstehe ich natürlich sehr gut! In dem Sinne, gute Grüße, Wolfgang

  4. zeilentiger schreibt:

    Ein gänsehautmäßig schönes Gedicht. Und beim Anblick der Bilder fühle ich mich hier zuhause wie ein Schiffbrüchiger ohne Hoffnung auf baldige Rettung.

  5. Herr Hund schreibt:

    Mein Gegenbesuch verschlägt mich ins sagenhafte Island, ein schöner Ort. Liebe Grüße herr Hund

    • schifferw schreibt:

      Island dankt mit mir für den Gegenbesuch! Kommen Sie ruhig öfter – Sie sind auf der Insel stets willkommen! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  6. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (30) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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