Nie ankommen

Ein City Poem des Kölner Schriftstellers Jens Hagen

Diskussion im Literaturhaus Köln - v.l.n.r. Philine Velhagen, Andreas Altenhoff, Ute Bohmeier, Dorothee Joachim, Thorsten Krämer © Wolfgang Schiffer

Diskussion im Literaturhaus Köln – v.l.n.r. Philine Velhagen, Andreas Altenhoff, Ute Bohmeier, Dorothee Joachim, Thorsten Krämer © Wolfgang Schiffer

Jens Hagen, Autor von Hörspielen, Gedichten und Reportagen, Fotograf, Künstler, Kenner und Chronist der etablierten Rock-, Blues- und Songszene wie des künstlerischen Undergrounds lebte für viele Jahre in der Rheinmetropole Köln. Geboren wurde er 1944 – er starb 2004.

Wie weit sein literarisches Werk, das in seinem Schaffen bald auch die strenge Form des Haikus integrierte, jenseits der ARD-weit ausgestrahlten Hörspiele im deutschsprachigen Raum bekannt ist, weiß ich nicht zu beurteilen – in Köln jedenfalls zählte er zu den bekannten literarischen Persönlichkeiten und nicht zuletzt wegen seines wohltuend ideologiefreien politischen Engagements auch zu den Menschen, die aus dem gesellschaftlichen Leben einer kritischen Alternative nicht wegzudenken waren.

Folgerichtig erinnert die Stadt nun in mehreren Veranstaltungen, darunter u. a. Lesungen, Gesprächsforen, eine dramatische Performance und eine Ausstellung, an seinen 70. Geburtstag und an seinen 10. Todestag.

koelnpoem_klAn letzterem, dem 11. Juni 2004, wurde nun gestern, 10 Jahre später, in einer Gesprächsrunde von zumeist ehemaligen Wegbegleitern eines seiner literarischen Hauptwerke Nie ankommen – Köln Poem im Literaturhaus Köln der Öffentlichkeit vorgestellt. Der vierteilige Zyklus, der in etwa von 1978 bis 2001 in verschiedenen Arbeitsperioden entstanden ist, war bis zum jetzigen Zeitpunkt nie als Gesamtwerk veröffentlicht worden – der Sprungturm Verlag des bekannten Fotografen Boris Becker (Sohn des nicht minder bekannten frisch gekürten Georg-Büchner-Preisträgers Jürgen Becker) hat das Werk, das seine Herausgeberin, die Malerin Dorothee Joachim, durchaus als Vermächtnis ihres langjährigen Lebensgefährten wertet, jetzt in hochwertigem Leineneinband publiziert, ergänzt um eine CD, mit der Lesung aller vier Teile durch den Autor selbst.

Es sei bei der Arbeit an diesem Poem, so zitiert Dorothee Joachim in ihrer Nachbemerkung zum Buch den Autor aus einem früheren Notat, nicht allein darum gegangen

„(…) Teile und Zusammenhänge von Realität zu sehen, hören, riechen, Menschen, Tiere, Pflanzen, Straßen, Plätze, Häuser und ihr (und auch meine) Geschichte und Geschichten (die natürlich nicht nur in der Stadt und in dieser Stadt stattgefunden haben und stattfinden) zu erleben, erinnern, imaginieren, Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges in Wörtern und Sätzen zusammenzubringen, sondern auch – beim Ergehen und Erfahren der Stadt, zum Beispiel – Weite und Beengung, Ruhe, Hast, Gelassenheit, Aufgeregtheit … zu erleben, also die Rhythmen der Stadt (und meinen Rhythmus darin) zu spüren und in Sprachgebilde, Worte, Sätze, Verse, Lautbilder, Sprachmusik umzusetzen.“

Und so können wir Nie ankommen – Köln Poem auch lesen: als ein musikalisch strukturiertes, formal weit offenes Werk, das in Rekursen auf historische und jüngere Geschichte, in klaren wie fragmentierten Bildern der jeweiligen Gegenwart der Abfassung Verletzungen und Hoffnungen von Menschen in der Stadt benennt, das sensibilisiert für das Verlorengegangene und das Gefährdete, für Schönheit und Hässlichkeit – und, auf der Basis einer lebendigen Zeitdiagnostik, für die Notwendigkeit eines stets offenen, kritischen Geistes, damit (weit über diese eine Stadt hinaus) die Welt bewohnbar bleibt.

Hier ist ein Mensch mit politisch hellwachem Kopf unterwegs, er ergeht sich – meist während der Nächte – seine Stadt und geht zugleich weit über deren Grenzen hinaus. Auch über die, welche ihm seine todbringende Krankheit setzt. Hier jedoch, im letzten Teil des Poems, wird die Gelassenheit rarer – Haikus wie folgende, so aussagekräftig für die innere Ruhe, zu welcher der Autor bei aller Empörung doch immer wieder fand, sind nicht mehr zu lesen.

Die Brücke, morgens.
Nach langem Gehen hellwach,
Schau ich auf den Rhein.

Ein Schiff unter mir.
Die Brücke bebt. Ein Zug naht.
Ich reise ruhig.

Jens Hagen Zum 10. Todestag

Die einfühlsame Diskussion über das Werk Nie ankommen – Köln Poem führten, moderiert von Thorsten Krämer und vor großem Publikum, dessen Herausgeberin und Jens Hagens Lebensgefährtin Dorothee Joachim, die ehemalige Hörspiellektorin Ute Bohmeier, Andreas Altenhoff von der Kunsthochschule für Medien und Philine Velhagen von Drama Köln, die mit ihrem Team Teile des Poems in ein performatives Live-Geschehen übertragen wird .

Weitere Informationen zu den bisherigen und kommenden Veranstaltungen zum 70. Geburtstag und 10. Todestag von Jens Hagen sind folgender Webseite zu entnehmen: http://nie-ankommen.net/

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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