Was wäre aus ihnen geworden?

Lyrik von im 1. Weltkrieg gefallenen Dichtern…

1. Weltkieg Zur hundertjährigen Wiederkehr des Beginns des 1. Weltkriegs wird der interessierte Leser nicht nur an eine Vielzahl von Büchern erinnert, die im Umfeld der Zeit und aus dem unmittelbaren Erleben dieses Schreckensereignisses entstanden sind; auch zahlreiche Neupublikationen – Romane verschiedener Genres, Sachbücher, Sammlungen von Primärquellen wie Feldpostbriefe und Tagebücher – lassen uns Einblick nehmen in die Gemütslage der Menschen und das Geschehen vor hundert Jahren.

Auf einige dieser Publikationen habe ich in meinem Beitrag „Mit dieser Welt muss aufgeräumt werden“ (vor allem im zweiten Teil des darin via Soundcloud eingebetteten Gesprächs mit dem Ichsagmal-Blogger Gunnar Sohn) bereits hinweisen können – insbesondere erwähnt habe ich dabei das aus meiner Sicht eindrucksvolle Editionskonzept des Netzwerks der Literaturhäuser (23 zeitgenössische Autorinnen und Autoren aus 14 europäischen Ländern recherchieren in ihren jeweiligen Städten die Dokumentenlage im Juli und August 1914 und lassen sich durch diese zu literarischen Texten anregen), dessen Ergebnis im aktuellen Band 254 der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik „die horen“ nachzulesen ist.

Süddeutsche Zeitung, 2. Juni 2014

Süddeutsche Zeitung, 2. Juni 2014

Diesem Band August 1914 widmet die Süddeutsche Zeitung heute ebenfalls eine Rezension; er gehöre, so heißt es hier, zum Erhellendsten und Unterhaltsamsten des Gedenkjahres. Und an anderer Stelle: … ein europäischer Einfall, der den Leser über zwei Zeiten belehrt, das Jahr 1914 und das Jahr 2014.

Einer anderen Publikation, dem Band Weltkrieg! in der Lyrikedition 2000 im Allitera Verlag, namentlich dessen Herausgeber Florian Voß, haben wir es zu verdanken, dass wir nun auch Gedichte aus dieser Zeit erfahren können – Gedichte von deutschsprachigen Lyrikern, die im 1. Weltkrieg gefallen oder an den Kriegsfolgen gestorben sind, deren Werk, so muss man wohl konstatieren, aufgrund dieser Weltenkatastrophe unvollendet blieb.

Einige von ihnen haben sich in die Literaturgeschichte einschreiben können, die Expressionisten Georg Trakl zum Beispiel, der an seiner Erfahrung als Militärapotheker und der Schlacht bei Grodek (sein gleichnamiges Gedicht ist signifikant für sein gesamtes Werk) zerbrach und sich mit einer Überdosis Kokain das Leben nahm, oder August Stramm, der im September 1915 im heutigen Weißrussland fiel. Als Beispiel für sein vom Kriegserleben geprägtes lyrisches Schaffen sei an dieser Stelle das eindrückliche Gedicht Vorübergehn zitiert:

Vorübergehn

Das Haus flackt in den Sternen
Mein Schritt verhält und friert,
In deinem Schoße schläft mein Hirn.
Mich fressen Zweifel!
Voll
Schattet deine Büste in dem Fenster
Das Spähen hüllt mich lautlos
Die Sterne streifen glühes Eisen
Mein Herz
Zerkohlt!
An deinem Fenster
Eist
Ein Windhauch Asche.
Die Füße tragen weiter leere Last!

Neben der erneuten Vergegenwärtigung dieser Namen, deren Werke uns wie Wegmarken in der deutschsprachigen Dichtkunst begleiten, kommt Florian Voß jedoch vor allem das Verdienst zu, uns mit Texten von Dichtern bekannt zu machen, die zuvor allenfalls in Literaturzeitschriften oder Anthologien veröffentlicht waren und von daher aus dem literarischen Gedächtnis weitgehend gelöscht sind. Ein solcher Lyriker, der hier für manch andere stehen mag, ist Kurd Adler – die biographische Notiz zu ihm lautet kurz: Geboren 1892. Lebte vermutlich in Frankfurt am Main. Gefallen an der Westfront am 6. Juli 1916.

Spätsommerabend

Und wieder diese große Müdigkeit,
ganz schwer und dumpf wie die Betrunkenen fallen.
Getaner Tag! Verwehte Schüsse knallen
spottpfeifend in der weichen Dunkelheit.

Der schlanke Nebel beugt sich übers Tal.
Fröstelnd in Mänteln gehen die Kanoniere.
Von Laub umgattert, wie geschmückte Tiere
stehn die Geschütze. Irgendwo blinkt Stahl.

Die gleiche Sehnsucht packt uns alle an;
still rauchen zwanzig abgegriffene Pfeifen:
Jetzt stirbt auch dieses Sommers große Reifen
über die kahlen Felder drängst´s: Wann? Wann?

Noch einmal jagt des Herbstes buntes Wehn
das Blut. In sehr sentimentalen Tönen,
pfeift einer jenes Lied zwischen den Zähnen
„Vom Waldrand, wo die Heckenrosen stehn.“

Lyrikedition 2000Was wäre aus Kurd Adler geworden?, so fragt Florian Voß – ein zweiter Gottfried Benn? Wie auch immer – es lohnt, diesen schmalen Band Weltkrieg! in der Lyrikedition 2000 zu lesen und sich von den Gedichten darin „entzünden“ zu lassen: zu derlei vergleichenden Betrachtungen – doch mehr noch zu emphatischem Nachvollziehen ihrer existentieller Eindrücklichkeit.

Eine Anmerkung noch: Einige der hier publizierten Dichter haben sich 1914 als Kriegsfreiwillige zum Militärdienst gemeldet ¬ die Ernüchterung ließ jedoch nicht lange auf sich warten.
Davon zeugen ihre Gedichte. Lyriker, die in ihren Gedichten den Krieg verherrlichten, sind in dem Band nicht enthalten. Sie wurden vom Herausgeber nicht in Betracht gezogen.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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14 Antworten zu Was wäre aus ihnen geworden?

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Danke!

  2. versspielerin schreibt:

    eindrucksvoll – das thema, die gedichte, dieser artikel.
    berührend! danke hierfür.

  3. Xeniana schreibt:

    Schließe mich versspielerin an-eindrucksvoll und berührend Danke!

    • schifferw schreibt:

      Ebenfalls – meinen Dank zurück! Ich muss stets daran denken, dass andere Menschen in vielen Teilen dieser Welt immer noch und wieder mit dem Gräuel solcher Erfahrung leben und sterben müssen!

  4. Gabryon schreibt:

    Hat dies auf Allerlei Kunterbunt… rebloggt und kommentierte:
    Ja, was wäre…

  5. jancak schreibt:

    Habe einmal ein sehr beeindruckendes Gedicht von Alfred Lichtenstein „Vielleicht bin ich in dreizen Tagen tot“, wie er im Schützengraben liegt und sich sowohl nach einem Mädchen als nach der Mutter sehnt in einem Literaturkalender gefunden und auf einer Lesetheaterauffühung zum Thema „Frieden“ am Nationalfeiertag zwischen den Panzern am Heldenplatz vorgelesen. Das ist ein Dichter, den man wahrscheinlich auch wieder entdecken sollte und an Prosa wahrscheinlich der Roman von Remarque, aber der wurde ohnehin wieder aufgelegt

    • schifferw schreibt:

      Danke für den Kommentar und vor allem für den Hinweis auf Alfred Lichtenstein! Gute Grüße, Wolfgang

  6. Florian Voß schreibt:

    Schöne und gute Besprechung. Habe ich gerne gelesen.

  7. Pingback: Thomas Kling und die lyrischen Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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