Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (23)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Islandpferde

Islandpferde

Schon wieder Island! – höre ich jetzt wohl die eine Leserin, den anderen Leser meiner „Wortspiele“ laut aufstöhnen oder verhalten seufzen – und das abermals wieder mit einem Gedicht des Klassikers Jón úr Vör, an dessen Übersetzung der Blog-Administrator selbst beteiligt war!

Ich bitte um Nachsicht! Eigentlich sende ich dieses „Rauchzeichen“ heute nur, weil ich – einem glücklichen Zufall und der freundlichen Gabe eines Freundes geschuldet – in den Besitz einiger Schwarz-Weiß-Fotos zu Island gekommen bin, welche die Zeit, die späten 30er Jahre, in der das Gedicht wohl „spielt“, widerspiegeln, dessen Stimmung, wie ich finde, und partiell sogar sein thematisches Spektrum.

Vielleicht lohnt insofern ja doch ein Blick!

Island Island

Island

Við Gullfoss

Það sumar fóru margir um veginn að Gullfossi.
Eins og ævintýri þræddu hlaðnar bifreiðar,
ljósar og langar, krókótta stíga,
og skvettu súkkulaði forarpollanna
á berjalyngið við götubakkana.
Prúðbúið borgarfólkið, á gljáandi skóm fastrar atvinnu,
þyrptist niður í hvammana og týndist í ástinni.

En við, verkamenn fjallanna,
sem stráðum blágráum sandi í blind augu vegarins,
við réðum næstu dægur krossgátur nýjustu tíðinda
af Morgunblaðsslitrum nestispakkanna.

Stúlka,
nafnlaus fulltrúi hamingjunnar með hvítar hendur,
kastaði sælgætispoka út um opinn glugga,
þegar bíllinn rann hjá.
Og hlátur rauðhærðra kvenna bylti sér
í hrjóstrugum draumum einlífsins,
þar sem tófan gaggaði á næsta leiti.

Island

Am Gullfoss

Diesen Sommer sind viele die Straße zum Gullfoss* gefahren.
Wie im Märchen reihten sich voll beladene Autos,
hell und lang, auf gewundenen Wegen
und gossen die Schockolade der Pfützen
auf die Beerensträucher am Straßenrand.
Stadtmenschen im Sonntagsstaat, in den glänzenden Schuhen sicherer Arbeit,
strömten in die Senken hinab und verloren sich in der Liebe.

Wir aber, Arbeiter der Berge,
die blaugrauen Sand in die blinden Augen der Straße streuten,
wir lösten anderntags wie Kreuzworträtsel die neuesten Nachrichten
auf den Fetzen des Morgenblatts**, in die sie ihre Brote eingewickelt hatten.

Ein Mädchen,
namenlose Treuhänderin des Glücks mit weißen Händen,
warf eine leere Bonbon-Tüte aus dem offenen Fenster,
als das Auto vorüber glitt.
Und das Lachen rothaariger Frauen wälzte sich
in den unfruchtbaren Träumen des Zölibats,
wo der Fuchs am nächsten Hügel keckert.

* „Gullfoss“ (Goldener Wasserfall) ist einer der schönsten Wasserfälle Islands.
** Mit „Morgenblatt“ ist die isländische Tageszeitung „Morgunblaðið“ gemeint.

Alle Fotos © privat

Alle Fotos © privat

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (23)

  1. Gabryon schreibt:

    Hat dies auf Allerlei Kunterbunt… rebloggt und kommentierte:
    Wunderschöne Poesie aus Island…

  2. Pagophila schreibt:

    Scheint ein wahrer Bilderschatz zu sein! Ich für mein Teil hoffe übrigens noch auf viele Rauchzeichen von der Insel aus Eis und Feuer…

    • schifferw schreibt:

      Danke – das freut mich! Und der Bilderschatz hält wirklich noch einige schöne Motive bereit – ich hoffe, einiges davon noch in „lyrischen“ Zusammenhängen zeigen zu können… Gute Grüße, Wolfgang

  3. versspielerin schreibt:

    abermals – ganz wunderbar. und welch ein schatz, diese fotos!
    … liebe grüße von diana, die sich auch über jedes „rauchzeichen“ freut!

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