An Anna Blume

Merz – Dada auf CD und ein Buch in vielen Sprachen…

An Anna Blume - selbstverständlich wurde das Gedicht auch ins Chinesische übersetzt... © Wolfgang Schiffer

An Anna Blume – selbstverständlich wurde das Gedicht auch ins Chinesische übersetzt… © Wolfgang Schiffer

Auf das leidenschaftliche Engagement des Musikers und Komponisten Walter L. Mik für die dadaistische Bewegung habe ich in meinem früheren Blog-Beitrag „Walter L.iest DADA“ ja bereits ebenso hingewiesen wie auf seine vorzügliche Interpretationskunst selbst der „steilsten“ literarischen Beispiele ihrer Wort- und Lautkunst.

Jetzt, vor wenigen Tagen, ist Walter L. Mik erneut im Kultursalon Freiraum in Köln aufgetreten – zu meinem Bedauern war ich an diesem Tag jedoch verhindert und konnte so seine Performance nicht miterleben.

Umso größer jedoch ist meine Freude, nun von einer teilnehmenden Nachbarin und von Freunden des Kultursalons Freiraum zwei „Relikte“ dieser Veranstaltung überreicht bekommen zu haben – das eine zum Verbleib, das andere als vorübergehende Leihgabe des Künstlers.

Walter L. Mik © Wolfgang Schiffer

Walter L. Mik © Wolfgang Schiffer

Zum Verbleib ist die im Selbstverlag herausgegebene CD MERZ DADA – wobei Merz nichts anderes ist als ein auf Kurt Schwitters zurückzuführendes Synonym für den mit Dada geläufigeren Begriff. Von Kurt Schwitters ist denn auch das erste Werk auf dieser CD – die seinem Gedicht An Anna Blume an Berühmtheit kaum nachstehende Ursonate. Walter L. Mik trägt sie hier vor in vorzüglicher Lautakrobatik – vom Largo bis zum Presto, das heißt, in all ihren vier Teilen.

Nicht minder hörenswert sind die Beispiele aus Hans Arps Wolkenpumpe, die der junge Marius Mik interpretiert – von der Ankündigung des Qualitätsdada über das bekannte Efi Bilindi bis hin zur durchaus selbstironischen Definition der Dadaisten selbst. Und schließlich wartet die CD auch noch mit einer echten Neuigkeit auf, quasi der akustischen Dokumentation einer Welturaufführung: Walter L. Mik hat nach dem Lautgedicht Seepferdchen und Flugfische von Hugo Ball ein Dramolett komponiert. Hierbei Nicola Müllers als dramatischem Sopran zu folgen und zugleich den Wind- und Wassergeräuschen, die sie während ihres mal artistisch gluckernden, mal helltönig spritzenden Sprechgesangs kreiert, ist ein wahrlich bizarr-schönes Hörvergnügen.

Wer es überprüfen will, kann die CD über folgenden Kontakt beziehen: Walter L. Mik – wlmik@uni-bonn.de

Glücklich wäre ich, wenn es sich mit einem persönlichen Erwerb der vorübergehenden Leihgabe ebenso einfach gestalten ließe – doch ist es mir trotz intensiver Internet-Recherche nicht gelungen, auch nur eine Adresse zu finden, die diese antiquarisch anbieten würde.

Anna
Es handelt sich hierbei um das im Jahr 2000 in der Edition Postskriptum des zu Klampen Verlags erschienene Buch Anna! Es enthält – neben dem Titelgedicht An Anna Blume im deutschsprachigen Original – sage und schreibe 154 Nachdichtungen dieses Werks, die meisten davon sogar als Faksimile ihrer handschriftlichen Fassung. Alle 137 Länder zu nennen, in deren jeweiligen Sprachen diese Nachdichtungen entstanden sind, würde den Umfang dieses Blog-Beitrags sprengen – ich nenne daher dem Alphabet folgend nur eine kleine Auswahl: Ägypten, Aserbaidschan, Bolivien, China, Eritrea, Finnland, Georgien – nein, ich höre auf und schließe die Aufzählung mit den drei letzten Ländern, in denen man sich dieses Gedicht „anverwandelt“ hat: Vietnam, Weißrussland und Zypern.

An Anna Blume An Anna Blume

Welch eine „Weltenwanderung“, die Anna Blume doch genommen hat! Und obendrein: dem Buch liegt sogar noch eine CD bei – vielen der Sprachen kann man so, auch wenn man sie (und das sind wohl doch die meisten) natürlich nicht versteht – zumindest ihrem Klang nach folgen! Herrlich!

Natürlich habe ich längst den zu Klampen Verlag kontaktiert und eine Neuauflage dieser wunderbaren Edition eingefordert. Allein, der doch sehr verdienstvolle, aber unabhängige kleine Verlag kann eine solche Unternehmung allein nicht stemmen. Das belegt auch die Erstausgabe: sie firmiert als Publikation des Landes Niedersachsen. Dieses wollte hiermit offensichtlich nicht nur seinem 1887 in Hannover geborenen Landeskind Schwitters seine Ehrerbietung erweisen – es bot den unzähligen Gästen aus vielen Ländern, die an der seinerzeit dort stattfindenden Weltausstellung teilnahmen, als Gastgeber damit zugleich ein originelles, die Welt als globales Netzwerk in den Blick nehmendes Begrüßungsgeschenk.

Entsprechend klingt auch der Wunsch, den der damalige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Sigmar Gabriel, im Vorwort äußert:

Es wäre schön, wenn Sie Hannover und das Land Niedersachsen in guter Erinnerung behalten. Und möge Anna Blume mit ihren zahlreichen Schwestern dazu beitragen. Lassen Sie sich aber zunächst überraschen und vielleicht auch ein wenig verzaubern.

Gerne, sage ich da nur – und da Herr Gabriel als bedeutender Minister in Berlin doch nun über noch vielfältigere Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Unterstützung verfügt, möge er doch bitte dafür sorgen, dass dieses literarische Kleinod Anna! auch all jene in unserer fortgeschritten globalisierten Welt überrascht und verzaubert, die es bislang noch nicht kennen lernen konnten!

Eins ist sicher: bei einer Neuausgabe von Anna! würden Leserinnen und Leser in der ganzen Welt begeistert Kurt Schwitters zitieren: Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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15 Antworten zu An Anna Blume

  1. saetzebirgit schreibt:

    Dass man da alle Hebel in Bewegung setzt, um die Anna-Nachdichtungen zu erhalten, dass kann ich gut verstehen! Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
    Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- Wir?
    Das gehört (beiläufig) nicht hierher!
    Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist – – bist Du?

    Doch keiner wird das Rätsel „Anna“ jemals lösen 🙂

    http://saetzeundschaetze.com/2013/11/08/liebebegehren-ein-bischen-dada-und-sehr-expressiv/

  2. derverstecktepoet schreibt:

    Oh wie herrlich // und bitte die Geheimnisse nicht lüften // sie nehmen dem Zauber ihren Glanz.

  3. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  4. finbarsgift schreibt:

    sehr interessant!
    Oh, hätte ich nur mal Arps Wolkenpumpe in den Händen…
    ein Traum wäre das…
    (abgesehen vom Schwitters *g* )
    LG vom Lu

    • schifferw schreibt:

      Schöne Wünsche! LG zurück, Wolfgang

    • Walter Mik schreibt:

      Von der Wolkenpumpe besitze ich noch ein antiquarisches Exemplar.
      Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit …
      beste Grüße
      Walter Mik

      • schifferw schreibt:

        Nun – zumindest für mich kann finbarsgifts Wunsch doch in Erfüllung gehen – denn wir, lieber Walter, sind ja nicht so entfernt voneinander!

  5. Walter Mik schreibt:

    Es gibt auch eine Antwort von Anna Blume an Kurt Schwitters:

    Ich, meiner, Du, Wir? – Deiner Dich!
    ich wehre und verwahre mich
    und wende flammend ein:
    Ich bin durchaus nicht „ungezählt“
    und wenn mich schon ein Vogel quält,
    kann´s nur der Deine sein!

    Ich trage schlechtweg meinen Hut
    auf meinem Haupt, wie´s jeder tut,
    teils artig, teils kokett.
    Mein Haar ist weder gelb noch blau,
    vielleicht wir´s später einmal grau,
    zurzeit ist es brünett.

    Zwar hab ich etwas Fett im Balg,
    doch ist das Fett kein Rindertalg
    von einem „tropfen“ Tier.
    Der Talg, der Dir so wohlig träuft
    und streichelnd über´n Rücken läuft,
    der ist von einem Stier!

    Ich habe – ob man´s sagen kann?
    zwar stets geschloss´ne Hosen an,
    dennoch – ich find´ es toll:
    daß ich gleich einem Zirkusclown
    der Ganzen Welt zum Spott und Graun
    auf Händen wandern soll!

    Weil ich – im Dadaistensinn –
    Anna von vorn und hinten bin,
    ich, meiner, Du, Dich, wir?
    so dreh ich Dir mit Seelenruh
    Die kalte Glutenkiste zu –
    Du kannst (beiläufig) mir – – –

    (Felix Neumann 1920 ?)

  6. schifferw schreibt:

    Sehr schön, lieber Walter L. Mik – das wird zweifellos auch andere Dada-Fans interessieren! Gute Grüße, Wolfgang

  7. Pingback: Anna Blumes Antwort an Kurt Schwitters | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  8. Ich hoffe, dass diese wunderbare InterMERZialisierung von Anna bald wieder verfügbar sein wird. Denn ich suche danach auch schon länger. Wie ein Hut. Wie ein Hut!

    • schifferw schreibt:

      Da wünsche ich viel Glück bei den einschlägigen Buchportalen wie Booklooker etc. Es existieren wohl noch ein paar Exemplare!

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