Der Schock der Moderne

Noch einmal: Islands Atomdichter…

Reykjavík - Hafen © Wolfgang Schiffer

Reykjavík – Hafen © Wolfgang Schiffer

Mein heutiges „Rauchzeichen“, abermals zu dem isländischen Lyriker Stefán Hörður Grímsson, ist durchaus ein wenig eigennützig. Zum einen entstammt die Übersetzung des Gedichtes, das es vorstellt, meiner langjährigen Zusammenarbeit mit meinem Freund Franz Gíslason und wurde zuletzt in dem hier in den „Wortspielen“ bereits vorgestellten Auswahlband des Autors Geahnter Flügelschlag publiziert, zum anderen verweist es auf einen größeren Zusammenhang in der Entwicklung des isländischen Dichtkunst, den ich in einem bald ausgestrahlten Radio-Feature darzustellen versuche. Doch davon etwas später – zunächst das Gedicht selbst.

Lóðabátur

Þilfar: roðgul lík á dökkum fjölum
Stafn: sem heggur í sundur báruhryggi
Spil: sem tekur undir við norðanvindinn
Háseti: sá sem togar í spotta af snæri
Formaður: bátsins ljótasti maður í glugga.
Löðrið yfir og rifinn skýjaflóki.
Undir er djúpið og þess bleiku skógar.

Fangleinenboot

Deck: fischhautgelbe Leichen auf dunklen Brettern
Bug: der Wogenrücken entzwei haut
Winde: die in den Nordwind einstimmt
Matrose: der an einem Stück Angelschnur zieht
Steuermann: des Bootes hässlichster Mann im Fenster.
Der Gischt darüber und ein zerrissener Wolkenfetzen.
Darunter sind die Tiefe und ihre bleichen Wälder.

S.H.G. neuDas Gedicht stammt aus Stefán Hörður Grímssons zweitem Gedichtband, Svartálfadans / Schwarzelfentanz, erschienen 1951. In einer Zeitschrift soll es jedoch schon Jahre vorher abgedruckt gewesen sein. Es scheint, als habe der Dichter es nicht gewagt, den Text bereits in seine erste Gedichtsammlung aufzunehmen, den 1946 veröffentlichten Band Glugginn snýr í norður / Das Fenster öffnet gen Norden. Bei dessen Gedichten dominiert noch der dem isländischen Lesepublikum damals eher vertraute traditionelle Ton – das „gebundene“ Gedicht mit festem Metrum, Alliteration und Endreim. In einigen Versen dieses ersten Gedichtbandes zeigt sich aber auch bereits ein freieres lyrisches Sprechen, bereitet sich schon der neue Ton vor, der Stefán Hörður Grímsson bald zu einem der in Island seinerzeit geschmähten „Atomdichter“ machen sollte.

Island -Gullfoss © Wolfgang Schiffer

Island -Gullfoss © Wolfgang Schiffer

Um diese, eine lose verbundene Gruppe junger Lyriker, die – mit der Erfahrung des 2. Weltkriegs, seiner unzähligen Toten und atomaren Gräuel, und vor dem Hintergrund der Veränderungen der Wahrnehmung und des Bewusstseins, die dieser Krieg und die erst 1944 wieder gewonnene Unabhängigkeit der Insel auslösten – die bis dahin gültigen strengen formalen Vorgaben der traditionellen isländischen Dichtung in Frage stellten und vehement eine Modernisierung der isländischen Lyrik forderten, entbrannte damals – man kann es nicht anders nennen – ein regelrechter Kulturkampf, der in großer Schärfe noch bis in die Mitte der 50er Jahre ausgefochten wurde – und teils noch darüber hinaus.

Welches Ausmaß dieser Streit angenommen hatte und was die kulturpolitischen sowie die weit in die Geschichte des Landes zurückreichenden historischen Hintergründe waren, die ihn befeuerten – all dies habe ich auf der Basis von Archivfunden und in Gesprächen mit isländischen Zeitzeugen und Schriftstellern zu rekonstruieren versucht.

Das Ergebnis ist in dem Radio-Feature Islands Atomdichter – oder Der Schock der Moderne zu hören, erstmals am 14. Juni um 12:05 Uhr auf dem Sendeplatz WDR 3 Kulturfeature.

Im Pressetext zu dieser Sendung heißt es u a.:

Kann neue Poesie ein ganzes Land in Aufruhr versetzen? Offensichtlich – wenn es sich um eine Insel handelt, deren nationale Identität auf einer Jahrhunderte alten literarischen Tradition beruht. In Island brach in den 50er Jahren ein spektakulärer Lyrikstreit aus.

Wer zuvor schon etwas über das Radio-Feature hören will, der ist herzlich eingeladen, am 25. Mai ab 15:30 der Wortspiel-Radio-Sendung zu folgen, in der sich der ichsagmal-Blogger Gunnar Sohn neben dem Thema Literatur zum 1. Weltkrieg auch hierüber mit mir unterhalten will.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Der Schock der Moderne

  1. finbarsgift schreibt:

    WIRKLICH toller Bericht und ZAUBERSCHÖNE Fotos wieder, Wolfgang!
    Für mich weiterhin unübertroffen Halldor Laxness‘ Atomstation! IMMER wieder so was von lesenswert!!!
    LG vom Lu

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für´s Mögen! Ich stimme zu: „Atomstation“ – darin kommt das Schmähwort „Atomdichter“ übrigens vor – ist ein wunderbarer Roman. Doch auch „Am Gletscher“ oder „Die Litanei von den Gottesgaben“ und, und, und… Neben den Isländersagas war es vor allem das Werk von Halldór Laxness, das mich ja island-infiziert hat werden lassen! Liebe Grüße, Wolfgang

  2. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  3. Pingback: Sonntag, 15:30 Uhr – Live-Podcast: Wortspiel-Radio mit Wolfgang Schiffer | Ich sag mal

  4. Pingback: Der Junge, den es nicht gab | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  5. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (42) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  6. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (50) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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