„Alles beginnt mit einem Kuss“…

Guðrún Eva Mínervudóttirs Roman Allt með kossi vekur in deutscher Übersetzung

Island - Vulkanfolgen © Wolfgang Schiffer

Island – Vulkanfolgen © Wolfgang Schiffer

Meinem Vorsatz, die seit Beginn meiner „Wortspiele“ hierzulande erscheinende zeitgenössische Literatur aus Island möglichst vollständig vorzustellen, kann ich heute einen weiteren Baustein hinzufügen: nach Der Schöpfer, einem Roman um Sexpuppen und Magersucht, einem schicksalhaften Beziehungsgeflecht und Sinn- und Einsamkeitskrisen, hat der btb Verlag vor wenigen Wochen in der Übersetzung von Anika Wolff mit Alles beginnt mit einem Kuss einen zweiten Roman von Guðrún Eva Mínervudóttir vorgelegt.

Schon zu Anfang dieses Werks, für dessen 2011 erschienenes Original die 1976 geborene Autorin mit dem „Isländischen Literaturpreis“ ausgezeichnet wurde, sagt Davíd, der Erzähler des Geschehens:

Auf diesen Seiten werde ich eine Geschichte erzählen, die euch unglaublich vorkommen mag oder auch nicht. Sie handelt nicht von mir, nur insofern, als dass es um mein Bedürfnis geht herauszufinden, was wahr und was erlogen ist an den Vorkommnissen, die sich vor dreizehn Jahren zugetragen haben.

Alles beginnt mit einem Kuss von Gudrun Eva MinervudottirVor dreizehn Jahren, das war 2003. Die Katla, einer der aktivsten Vulkane der Insel, spuckt (im Roman) seit längerer Zeit bereits Feuer und Asche und begräbt vor allem den Südosten unter ihrem schlammig-klebrigen Auswurf.

Jetzt, dreizehn Jahre später (also in naher Zukunft), ist Davíd durch Zufall an Dokumente und Unterlagen seines inzwischen verstorbenen Stiefvaters Þorlákur, kurz Láki genannt, gekommen, die ihm zusammen mit dem Tagebuch eines anderen an den damaligen Vorkommnissen Beteiligten Aufschluss versprechen. Dieser Andere ist Jón, Lehrer und Ehemann von Ingibjörg, kurz Indi, seit Schulzeiten Freundin von Davíds Mutter Elísabet.

Elísabet hatte Island früh verlassen, in Argentinien geheiratet und dort aus einem Kinderheim den kleinen Davíd adoptiert. Nach der Trennung von ihrem Mann und weiteren Jahren des Herumziehens durch die Welt war sie schließlich mit dem inzwischen neunjährigen Davíd nach Island zurückgekehrt. Hier führt sie nun ein exzentrisches, auch von Alkohol- und Drogenkonsum geprägtes Leben, glaubt sie doch, durch das Geschenk eines Kusses mit einer geradezu übernatürlichen Kreativität und Energie ausgestattet zu sein, die sie die Welt bewusster erleben und ihren Konventionen enthoben sein lässt.

Davíd entzieht sich der verqueren Welt seiner Mutter sehr bald; mit achtzehn Jahren nimmt er sich eine eigene Wohnung und verweigert so gut wie jeden Kontakt. Allein Láki, ein auch international anerkannter Comic-Zeichner, scheint mit dem Mythos, den Elísabet um sich gesponnen hat, umgehen zu können – ob er dies nur spielt, oder wirklich von ihrer besonderen Gabe überzeugt ist, bleibt allerdings in der Schwebe.

Doch wie auch immer – als Elísabet versucht, ihre Schulfreundin Indi, zu der sie nach mehr als zwanzig Jahren wieder Kontakt aufgenommen hat, und deren Ehemann ebenfalls in ihren Bann zu ziehen und bei einem Saufgelage den „Kuss des Lebens“ an sie weiterzugeben, damit auch sie ihr Dasein in aller Intensität empfinden und ausleben können – da findet sie seine Unterstützung.

Mit fatalen Folgen: Indi, bereits zuvor schon psychisch recht instabil, empfindsam bis zur Weinerlichkeit und von einem krankhaften Kaufrausch besessen, gleitet immer häufiger in eine von Alpträumen behaftete kindliche Parallelwelt ab – und Jón, dieser in einem skurrilen Ordnungswahn gefangene, alles Tote verabscheuende Prototyp eines korrekten Mannes, scheint sich geradezu in ein von Allmachtphantasien besessenes Monster zu verwandeln.

Das „Finale“, das hier nicht verraten werden soll, findet im Osten der Insel statt, dort wo die Asche der Katla auch das Haus von Davíds Großeltern in Mitleidenschaft gezogen hat. Bereits hier hat Davíd den Verdacht, dass seine Mutter nicht unschuldig ist an der verhängnisvollen Entwicklung, die ihre Freunde genommen haben. Doch darauf angesprochen, kann seine Mutter es weder sich noch ihm eingestehen.

Später in dieser Nacht brachte ich Mama zum Weinen. Sie weinte nicht aus Reue, sondern weil ich nicht davon abzubringen war, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Sie erinnerte mich an Leni Riefenstahl, die bekannte Regisseurin aus Hitlers Hofstaat, die als Neunzigjährige am Ende einer Doku über sich weinte. Auch Leni weinte nicht aus Reue, sondern weil sie unglücklich darüber war, dass der junge Mann, der sie interviewt hatte, sie persönlich für den Holocaust verantwortlich machte.

Comic-Seite aus dem besprochenen Roman

Comic-Seite aus dem besprochenen Roman

Mythen, Halluzinationen, Psychosen, Egozentrik und Kommunikationsunfähigkeit, gepaart mit den Widrigkeiten des Alltags und einer gewaltigen Naturkatastrophe – all dies hat Guðrún Eva Mínervudóttir mit Alles beginnt mit einem Kuss zu einem Roman verwoben, der mich als Leser (ebenso wie Davíd, der das Geflecht aus Lüge und Wahrheit zu durchdringen sucht) in seinen Bann zieht. Nicht immer hat er mir dabei den Zugang leicht gemacht – dazu ist die Chronologie des Erzählten (der zwangsläufig fragmentierten Rekonstruktion des Geschehens geschuldet) zu aufgebrochen, sind die abstrusen Phantasien oder gar Taten, zu denen der Mensch in seinem Wahn wohl fähig ist, bisweilen zu ungeheuerlich. In der Summe jedoch ist es einer der interessantesten Romane isländischer Provenienz, die ich in jüngster Zeit gelesen habe.

Es ist ein Roman über das „Böse“ in uns, für das der Vulkan Katla als Metapher steht: Das Böse ist nichts weiter als Gleichgültigkeit. Das haben die Antworten der SS-Führung bei den Nürnberger Prozessen gezeigt, so heißt es an einer Stelle – und an anderer: Der Vulkanausbruch zerstört nicht bewusst. Aber du kannst dir völlig sicher sein, dass ihm das völlig schnuppe ist. Das ist das Böse. Es tarnt sich.

Guðrún Eva Mínervudóttir lässt den Leser jedoch nicht in der Verzweiflung zurück, dem „Bösen“ ohne jede Möglichkeit zur Gegenwehr ausgeliefert zu sein. Vor allem drei im Nachlass Lákis gefundene Comics, die – mit faszinierendem Strich von Sunna Sigurðardóttir gezeichnet – wichtige Steuerungselemente im Romangeschehen bilden, zeigen in ihren Variationen der Schöpfungsgeschichte und des Mythos vom König Blaubart sowie in einem Ausschnitt aus dem Leben der Blondine Sonne, dass es selbst nach einem Gang durch die Hölle noch faire Chancen für den Menschen gibt.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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14 Antworten zu „Alles beginnt mit einem Kuss“…

  1. benn wederwill schreibt:

    so verheißungsvoll der Kuss im Titel, so fatal scheinen seinen Folgen zu sein… Schon die Buchvorstellung war für mich interessant und schön zu lesen und macht Lust auf das Buch.
    Beste Grüße,
    Birgit

  2. schifferw schreibt:

    Herzlichen Dank, liebe Birgit!

  3. Lust zu Lesen schreibt:

    Starker Tobak und scheint kein Stoff zum „Einfachweglesen“ zu sein – macht mich trotzdem neugierig…

    • Lust zu Lesen schreibt:

      Ich war zu schnell mit der Entertaste – also schicke ich noch hinterher:

      Danke für die Besprechung und
      herzliche Grüße

      SonJa

      • schifferw schreibt:

        Ich danke für den Kommentar! Ja, „Weglesen“ war auch bei mir nicht – aber „Dranbleiben“, das in jedem Fall! Gute Grüße, Wolfgang

  4. Lieber Wolfgang,
    das klingt nach einem sehr lesenswertern Buch. Ich werde es wohl auf die Liste packen müssen.
    Danke für Deine wirklich sehr eindrucksvolle Besprechung.
    Schöne Grüße, Kai

    • schifferw schreibt:

      Lieber Kai,
      ich habe Dir zu danken! Rückmeldungen dieser Art lassen einen doch gerne vergessen, dass man die Zeit bei 28 Grad auch anders hätte nutzen können! Gute Grüße, Wolfgang

  5. versspielerin schreibt:

    … und alles endet mit einem kuss …?
    deiner wunderbaren rezension zufolge scheint es sich wirklich um ein zwar nicht „leichtes“ jedoch umso eindrucksvolleres buch über menschliche abgründe zu handeln. danke!
    herzlich,
    diana

    • schifferw schreibt:

      Nein, liebe Diana, der „Kuss des Lebens“ ist eher ein „Kuss des Todes“… Doch Abgründe zeigen sich in der Tat! Gute Grüße, Wolfgang

  6. finbarsgift schreibt:

    klingt interessant, lieber Wolfgang, aber ich habe doch schon sooooooooo viele andere lesenswerte Bücher in meiner Pipeline…
    was mache ich bloß?! 🙄
    LG vom Lu

    • schifferw schreibt:

      Nun – da weiß ich auch keinen Rat! Aber man muss ja auch nicht ALLES lesen! Das geht schlicht und einfach nicht – selbst wenn man es möchte!
      Liebe Grüße zurück, Wolfgang

  7. zeilentiger schreibt:

    Das klingt wirklich spannend!

    • schifferw schreibt:

      Danke! Und ja – für mich war es das, wobei es sich weniger um eine „Außen“- denn um eine „Binnen-Spannung“ handelt… Gute Grüße, Wolfgand Schiffer

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