Vom Rand der Welt – Frá hjara veraldar

Erstmals sind unbekannte Gedichte der Wiener Dichterin, Bildhauerin und Schauspielerin Melitta Urbancic erschienen – und das in Island…

Island - Rand der Welt © Wolfgang Schiffer

Island – Rand der Welt © Wolfgang Schiffer

Ich vermute, die Unterzeile meines heutigen Beitrags löst sogleich einige Fragen aus: Wer ist diese Wiener Dichterin und (nachdem man sich einer Antwort auf diese Frage durch ein paar Nachforschungen vielleicht zumindest ein wenig angenähert hat) – wieso erscheinen ihre Gedichte in Island, noch dazu in einer isländisch-deutschen Ausgabe?

Auch ich habe mir diese Fragen gestellt, als ich die Gedichtsammlung Vom Rand der Welt, ermöglicht von dem nach der ehemaligen isländischen Staatspräsidentin benannten Vigdís Finnbogadóttir Institut für ausländische Sprachen und dem Verlag der Hochschule Islands, durch Vermittlung ihres Herausgebers Gauti Kristmannson zugeschickt erhielt.

Vom Rand der WeltLiest man sich in den insgesamt wohl edierten Band nun ein, insbesondere auch in das bestens recherchierte, höchst aufschlussreiche Nachwort des Herausgebers, so ist man schnell im Bilde:

Wie manch anderen, war auch der 1902 als Jüdin geborenen Melitta Urbancic, ehemals Grünbaum, Island zum Fluchtort vor den Nationalsozialisten geworden.
Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Musikwissenschaftler, Komponisten und Dirigenten Victor Urbancic (er lebte von 1903 bis 1958 und hat das seinerzeit aufkeimende Musikleben in Island nachhaltig mit beeinflusst) floh sie 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich auf die Insel im nördlichen Atlantik, denn in Österreich war die an der Universität zu Heidelberg promovierte Literaturwissenschaftlerin und Philosophin trotz ihrer Konvertierung zum Christentum ihres Lebens nicht mehr sicher. Auch ihre Karriere als Schauspielerin (noch während ihres Doktorats hatte sie unter dem Künstlernamen Makarska ein Engagement am Theater in Koblenz) fand unter dem Terror der Nazis ein jähes Ende – ein Umstand, der die Familie bereits 1933 zur Rückkehr nach Österreich, zunächst nach Wien und dann nach Graz, veranlasst hatte.

Als Dichterin bislang wohl eher nur im Zusammenhang der Exilforschung bekannt, unterhielt sie u. a. eine literarische Beziehung zum George Kreis, eng befreundet war sie auch mit der Dichterin Erika Mitterer, über deren Briefwechsel in Gedichten mit Rainer Maria Rilke, Übersetz mir den Rosenduft, sie auch diesem großen Dichter zumindest indirekt bekannt war.

Island - Rand der Welt II  Wolfgang Schiffer

Island – Rand der Welt II Wolfgang Schiffer

In Island unterrichtete Melitta Urbancic Englisch, Französisch und Deutsch, schuf als Bildhauerin Skulpturen, von denen einige in öffentlichen Gebäuden in Reykjavík zu sehen sind, und betätigte sich als – Imkerin.

Und sie schrieb jenen poetischen Zyklus Vom Rand der Welt, der nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich ist – ein großes menschliches wie literarisches Dokument über das Trauma der Vertreibung, den Verlust von Heimat und Sprache, die Sorge um die Zurückgelassenen (ihre Mutter, die sie nicht nach Island begleiten konnte, wurde 1943 in Theresienstadt ermordet) – und über ihr Einfinden in eine neue Lebenswelt in dem so fremden und kargen Land ihres Exils.

Melitta Urbancic starb 1984 in Reykjavík – nach Österreich war sie nicht zurückgekehrt.

Der Ruf

Da der Ruf mich traf,
– lang bevor das Schicksal noch gesprochen –
hat er Werk und Schlaf,
Tag und Nacht mir drängend unterbrochen.

Seit ein Weg sich bot
mitten zwischen steilgetürmten Steinen,
hat mich keine Not
mehr vermocht, um dich, mein Land, zu weinen.

Als ich Abschied nahm,
liebe Hand zum letzten Mal zu drücken,
kehrte ohne Gram
Lebenden und Toten ich den Rücken.

In der Fremde nun
– Land und Sprache legen mich in Ketten –
Kann ich nimmer ruhn:
muss im Lied mein Teil der Heimat retten!

Kallið

Er kallið fann mig fyrst
– þá forsjón hafði ei veitt mér minnstu gætur –
hafði það hug minn gist,
og heft mín verk og svefn um dada on nætur.

Og síðan braut mér bauð
á bratta hleðslu að leggja í dreifðu grjóti
hefur ei nokkur nauð

mig níst til þín, mitt land, svo tárin fljóti.

Er burt ég hélt á braut
og blíðan lófa þrýsti í hinsta sinni,
ég germju ei galt né þraut,
þótt gjörvöll ættkvísl mér úr návist rynni.

Nú finn ég fjöturinn
í fjarskans landi og tungu á hjarans slóðum,
og aldrei friðinn finn
uns fyrst ég mínu heima bjarga í ljóðum!

Vom Rand der Welt – ein überaus lesenswertes Buch, sowohl mit Blick auf das ihm zugrunde liegende Schicksal als auch auf die poetische Qualität und Kraft der von Sölvi Björn Sigurðsson zusätzlich kongenial ins Isländische übertragenen Gedichte!

Bedauerlicher Weise habe ich für dieses Buch bislang allerdings nur in Island eine Online-Bezugsadresse ausfindig machen können: den Verlag Forlagið. Sobald mir eine solche hierzulande vorliegt, reiche ich diese gerne nach! Über den Buchhandel sollte das Buch aber, wenn auch vielleicht mit einigen Mühen, dennoch zu beziehen sein – die ISBN Nummer lautet ISBN 978-9935-23-033-1. Und – die Mühe lohnt, versprochen!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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17 Antworten zu Vom Rand der Welt – Frá hjara veraldar

  1. jonbjarni schreibt:

    Sehr guter Beitrag Wolfgang. Ich glaube man kann das Buch auch bei der Unibuchhandlung bestellen: http://www.boksala.is/DesktopDefault.aspx/tabid-4/?search=frá+hjara+veraldar
    Nicht vor langer Zeit ist auch erschienen: Melitta Grünbaum (so ihr Mädchenname) – Begegnungen mit Gundolf. Hrsg. v. Gunilla Eschenbach und Deutschen Literaturarchiv Marbach.
    Alles Gute zum Feiertag, Jón

    • schifferw schreibt:

      Danke, lieber Jón, vor allem für die weiterführenden Hinweise! Und auch Dir einen guten 1. Mai und einen freien Zugang zur Natur!

  2. Wolfgang Schnier schreibt:

    Hui! Vielen Dank für die Vorstellung von Melitta Urbancic! Sehr interessant!

  3. faehrtensuche schreibt:

    Das hört sich alles sehr interessant an. Vielen Dank! Gehört auf meine Leseliste!

  4. schifferw schreibt:

    Danke, das freut mich! Ein Freund aus Island hat eine weitere Bezugsadresse genannt: http://www.boksala.is/DesktopDefault.aspx/tabid-4/?search=frá+hjara+veraldar
    Vielleicht ist der Band hier etwas leichter zu erhalten! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  5. masuko13 schreibt:

    Ich mag deine Island-Impressionen, lese sie immer sehr gern. Die Lebensgeschichte von Melitta Urbancic berührt und ihr Gedicht inspiriert dazu, einfach innezuhalten … am Rand der Welt. Danke!

  6. schifferw schreibt:

    Herzlichen Dank! Ich freue mich, wenn ich mit diesen Beiträgen den „Rand der Welt“ ein wenig mehr in unsere Mitte rücken kann!

  7. Pagophila schreibt:

    Seit ein Weg sich bot mitten zwischen steilgetürmten Steinen… auch das sprechende Bild dazu vom Rand der Welt gefällt mir sehr.

  8. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 04.05.2014 (KW18) | buecherrezension

  9. Gert Kreutzer schreibt:

    Eine längst fällige Entdeckung! Danke für den Hinweis!

  10. schifferw schreibt:

    Es ist mir eine Freude, mitteilen zu können, dass soeben die 3. Auflage dieses Gedichtbandes erschienen ist. Bei Interesse ist hier ein weiterführender Link: https://www.boksala.is/

  11. Ruth Olafsdottir schreibt:

    DANKE. Melitta war/ist meine Grossmutter.

  12. Pingback: Kalmenzone | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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