Nairobi Heat – oder Die Tücken afroamerikanischer Identität

Ein Krimi, der entschieden mehr ist als „nur“ ein Krimi…

Karte Afrika
Es gibt denkwürdige Zufälle: Ich sitze im Zug auf der Fahrt von Köln nach Hamburg und lese in einer Notiz der Süddeutschen Zeitung vom 25. April, dass der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong´o wegen seiner „herausragenden Verdienste um die Profilierung der afrikanischen Literaturen“ zum Ehrendoktor an der Universität Bayreuth ernannt wird. Und halb verdeckt von eben dieser Zeitung liegt der Roman, dessen letzte Seiten ich gerade lese – es ist das Romandebüt seines Sohnes Mukoma wa Ngugi, 2008 unter dem Titel Nairobi Heat im Original erschienen und jüngst in der (übrigens vorzüglichen) Übersetzung des Verlegers Rainer Nitsche selbst im Transit Verlag erschienen – natürlich unter dem Titel Nairobi Heat!

Ngugi wa Thiong´o  & Gauti Kristmannsson auf dem Internationalen Literaturfestival Reykjavík 2009 © Wolfgang Schiffer

Ngugi wa Thiong´o & Gauti Kristmannsson auf dem Internationalen Literaturfestival Reykjavík 2009 © Wolfgang Schiffer

Das Werk des Vaters kenne ich weitgehend – ihn selber gar ein wenig persönlich (wir sind uns erstmals beim Internationalen Literaturfestival „Interlit“ 1982 in Köln begegnet und zuletzt 2009 bei einem Festival in der heutigen UNESCO-Literaturstadt Reykjavík) – von einem 1971 in den USA geborenen, in Kenia aufgewachsenen und dann zum Studium wieder in die USA zurückgekehrten Sohn wusste ich jedoch natürlich nicht.
Jetzt, so sagt es der Klappentext, arbeitet dieser Sohn als Literaturprofessor an der Cornell University in Ithaka/New York und schreibt als Kolumnist für die BBC und verschiedene Zeitungen; außerdem hat er bereits eine Anthologie mit Gedichten veröffentlicht.

Und eben diesen Roman: Nairobi Heat – einen fulminanten „Erstling“!

Umschlag_Nairobi_heat.inddDer Form nach ist es ein Kriminalroman. Und als solcher wartet er mit allem auf, was ein Kriminalroman bieten muss, wenn er denn spannend sein will…
In einem vornehmen, teuren und überwiegend von Weißen bewohnten Vorort Madisons, einer Stadt im Bundestadt Wisconsin, liegt vor dem Haus eines schwarzen Professors aus Kenia die Leiche eines hübschen, jungen – und weißen Mädchens. Ermordet!
Ishmael, ein schwarzer Kommissar ermittelt.
Seine Ermittlungen geraten jedoch schnell in eine Sackgasse, da ihm bedeutet wird, dass sein Hauptverdächtiger, eben jener Professor Joshua Kakizimana aus Kenia selber, unmöglich der Täter sein könne – schließlich stehe er in dem Ruf eines „schwarzen Schindlers“, der während des Bürgerkriegs in Ruanda 1994 vielen Menschen das Leben gerettet habe und heute durch die Welt reist, um mit seinen Vorträgen die Erinnerung an den seinerzeitigen Völkermord wach zu halten. Ein solcher Mann könne unmöglich ein Mörder sein!

Ishmael wird seinen Verdacht gegen Joshua Kakizimana jedoch nicht los und sieht sich darin bestätigt, als ihn ein anonymer Anruf erreicht, in dem er aufgefordert wird, seine Ermittlungen in Kenia fortzusetzen, wenn er denn die Wahrheit erfahren wolle.
Hier, in Nairobi, unterhält eine von Weißen geführte Stiftung ein Flüchtlingszentrum, dem der ehemalige Menschenretter aus Aushängeschild für die Akquirierung umfangreicher Spendengelder dient…

Die Ankunft in Nairobi macht Ishmael sofort den Konflikt seiner nationalen und kulturellen Identität schmerzlich bewusst, einen Konflikt, der den gesamten Roman grundiert.
Während man ihn in den Staaten verachtet, weil er als schwarzer Cop auch gegen Schwarze ermittelt und somit seine Brüder verrate, begegnet man ihm in Kenia mit äußerstem Misstrauen, da man in ihm als Amerikaner trotz seiner Hautfarbe einen Weißen sieht!

Zum Glück steht ihm mit David Ohhiambo, von allen nur O genannt, ein einheimischer Kollege zur Seite, der eher frei ist von solchen Vorurteilen. Von ihm lernt Ishmael recht schnell, dass es in Kenia leichter ist, mit dem Verzehr von Tusker und Nyama Choma, von Bier und gegrilltem Fleisch, in abgewrackten Kaschemmen an Informationen zu kommen, die einen dem Geheimnis der Stiftung auf die Spur kommen lassen, denn mit gewohnt solider Ermittlungsarbeit. Und noch etwas lernt er während des weiteren Geschehens, das nun mit geradezu zwangsläufiger Dynamik und rasanten Tempo Fahrt aufnimmt: Recht und Gesetz sind selten gleichbedeutend mit Gerechtigkeit – für die muss man in der Regel selber sorgen, und das in der von Betrug und Gewalt dominierten gesellschaftlichen Realität des Landes nur zu häufig mit finaler Konsequenz.

Diese Lehre nimmt Ishmael auch mit zurück in die USA. Und nachdem schließlich die Stiftung als ein verbrecherisches Unternehmen enttarnt ist, das Geschäfte mit dem Mitleid und schlechten Gewissen der Welt macht, und auch die Rolle Joshua Kakizimanas in das Gegenteil eines Wohltäters an der Menschheit korrigiert wurde – der Mörder des blonden, jungen Mädchens, mit dessen Tod dieser komplexe Fall überhaupt begann, jedoch nicht überführt werden kann – da wendet er diese Lehre an und sorgt so für ein furioses Finale. Er instrumentalisiert die rassistischen Hass-Konstellationen zwischen Weiß und Schwarz, die in den Staaten durchaus noch extrem gegeben sind, in einer Weise, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird!

Natürlich geraten hierbei einmal mehr seine als gesichert geglaubten gesellschaftlichen und moralischen Gewissheiten in Zweifel – ein Zweifel, der sich produktiv auch auf den Leser überträgt. Für Ishmael fordert dieser Zweifel zunächst vor allem eine Antwort auf die Frage, ob er weiterhin überhaupt noch als Kommissar bei einer staatlichen Ermittlungsbehörde arbeiten kann und will – ein Anruf von O aus Nairobi nimmt ihm allerdings die Antwort ab: sein kenianischer Freund offeriert ihm die Gründung einer gemeinsamen Privatdetektei.

Den ersten Fall aus dieser gemeinsamen Arbeit hat Mukoma wa Ngugi inzwischen zu Papier gebracht; mit Black Star Nairobi liegt er seit 2013 im amerikanisch-englischen Original vor. Man kann nur hoffen, dass Rainer Nitsche bereits mit der Arbeit an seiner Übersetzung begonnen hat, denn es ist kaum zu erwarten, dass dieser Roman weniger gut sein wird als Nairobi Heat, der den Leser bis in die Sprache hinein hart und schnell nicht nur in die Abgründe von weißem und schwarzem Rassismus und auf die Gräuel des Völkermordes in Ruanda blicken lässt, sondern generell in die Verwerfungen menschlicher Niedertracht, Brutalität und Gewissenlosigkeit.

Black+Star+Nairobi+cover

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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18 Antworten zu Nairobi Heat – oder Die Tücken afroamerikanischer Identität

  1. saetzebirgit schreibt:

    Von Island nach Kenia…ein schöner literarischer Ausflug! Ich bedaure es sehr, dass die afrikanische Literatur bei uns so wenig wahrgenommen wird und umso mehr hat mich die Nachricht aus Bayreuth gefreut, die dort sehr gute Arbeit im Bereich Ethnologie und Afrikawissenschaften betreiben und dieser Blogbeitrag: Der Krimi kommt auf meine Leseliste!

  2. leseratteffm schreibt:

    Und auf meiner Wunschliste ist er auch gleich gelandet. Danke sehr für den Tipp.

  3. zeilentiger schreibt:

    Schöner Artikel! Das Buch hätte ich mir letzte Woche fast gekauft und habe dann – vorerst – doch erst ein anderes mitgenommen. Iich werde es noch nachholen. (Und ich habe jetzt erst kapiert, dass der eine der Sohn des anderen ist. Danke für die Aufklärung eines Blindfisches.)

  4. dasgrauesofa schreibt:

    Und als „persönliche Empfehlung“ ist der Roman dann auch noch auf der SWR-Bestenliste Mai gelandet! – Ohne Deinen Artikel und Dein – flammendes – Plädoyer für den Roman, hätte ich da auf jeden Fall fröhlig dran vorbei geblättert.- So kann sich die Wahrnehmung ändern :-)!
    Viele Grüße, Claudia

    • schifferw schreibt:

      Danke für den Hinweis, liebe Claudia! Vielleicht liege dann auch ich mit meinem Votum gar nicht so falsch… Gute Grüße, Wolfgang

  5. masuko13 schreibt:

    „Nairobi Heat“ liegt seit Wochen auf meinem Bücherstapel ganz oben. Die wenigen Romane, die es von afrikanischen Autoren verschlinge ich immer. Nun wieß ich, dass mich mit diesem Roman etwas ganz Großes erwartet. Danke dafür!

  6. norberto42 schreibt:

    Die Besprechung verspricht viel.

    • schifferw schreibt:

      Zu meinem Glück zeigen inzwischen auch andere Rezensionen und Nominierungen auf einschlägigen Listen, dass sie es offensichtlich auch hält! Aber jeder Leseeindruck hat natürlich ein Recht auf die Subjektivität des Lesers!

  7. Martina Ramsauer schreibt:

    Guten Abend, ich habe das spannende Buch mit vielen unglaublichen und verwerflichen Gesichten soeben zu Ende gelesen und frage mich, ob es tatsächlich so etwas, wie einen Joshua Hakizimana gegeben hat! Vielen Dank für Ihre hilfreiche Rezension. Ich habe übrigens den Eindruck, dass die afrikanische Literatur viel Wissenswertes mitzuteilen hat.

  8. Pingback: Und immer, immer wieder… | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  9. herbstblatt101 schreibt:

    ich meinte natürlich den ersten Roman „Nairobi Heat“. Also bis denn!

    • herbstblatt101 schreibt:

      uh, ist mein erster Kommentar futsch? Falls ja, fasse ich kurz zusammen: Ich wünsche euch eine sonnigschöne Zeit in Prag u. danke für den Tipp mit „Nairobi Heat“! Klingt nach einem starken Krimi.

      • schifferw schreibt:

        Nein, nichts ist futsch! Der stehe nur bei dem aktuellen Beitrag! Und – ich halte Nairobi Heat auch für den stärkeren der beiden Romane – und dennoch sticht auch Blackstar Nairobi deutlich aus der Flut der Thriller-Angebote heraus. Gute Grüße, Wolfgang

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