Der Sturm in meinem Kopf

Der erste Roman des Filmemachers Horst Sczerba…

Idylle - vergittert © Wolfgang Schiffer

Idylle – vergittert © Wolfgang Schiffer

Als ich vor Wochen die Frühjahrsvorschau des Eichborn Verlags durchblätterte, war ich nicht wenig überrascht, kündigte diese doch einen Roman von Horst Sczerba an. Die Überraschung bedarf natürlich der Erklärung: Horst Sczerba und ich, wir kennen uns. Wir haben zur selben Zeit in Köln studiert und dabei, trotz verschiedener Studienfächer und -wege (er Medizin – ich Literatur und Theater), auch viel „Freizeit“ miteinander verbracht…
Und uns dann für viele Jahre aus den Augen verloren – um uns erst vor gar nicht allzu langer Zeit erneut über den Weg zu laufen!

Seither haben wir uns gelegentlich wieder getroffen, einen Kaffee miteinander getrunken, über Island gesprochen, über seine Filme (den Beruf des Mediziners hatte er nach einigen Jahren gegen den eines Drehbuchautors, Regisseurs, ja, kompletten Filmemachers „eingetauscht“…), über zukünftige Projekte – aber von einem Roman-Projekt, nein, davon war dabei nie die Rede…

Horst SczerbaUnd jetzt liegt dieser Roman – gelesen – vor mir! Es sei ein „furioser Roman zwischen Zärtlichkeit und Mordlust, morbide und albtraumschön“, so kündigt der Verlag das Werk auf dem Coverrücken an – und tatsächlich, die Charakterisierung trifft zu.
Dabei ist es eigentlich eine klassische „Boy meets Girl“-Geschichte, die Horst Sczerba uns hier erzählt. Georg Kupinski, später Beamter der Mordkommission, trifft Eva, seinen Engel. Und allen anfänglichen Schwierigkeiten, Besessenheiten und Exzessen zum Trotz stellt sich für ihn so etwas wie Glück ein: Eva schenkt ihm die Tochter Marie – doch beide werden ihm durch einen Verkehrsunfall genommen…

Seit Eva und Marie tot sind, trinke ich nicht mehr. Ich brauche den Stoff nicht, ich bin vom Schmerz besoffen. Wenn ich damals weniger getrunken hätte, wäre ich beim Tauchen durchs Schwimmbecken nicht zusammengeklappt, hätte nicht mit erschöpftem Herzen auf dem Sofa liegen müssen, hätte stattdessen Marie zu ihrem Kindergeburtstag gefahren. Nichts wäre passiert, und die beiden würden noch leben.

Bis zu einer solchen Erkenntnis ist es für Georg Kupinski allerdings ein langer Weg. Zwar fühlt er sich mitschuldig am Tod seiner Lieben (und objektiv ist er es auch, denn er wusste um den Zustand defekter Bremsen am Wagen), aber in seiner Verzweiflung giert er eher nach Rache, als dass er sich diese Schuld eingestehen könnte. Und – in einem stetig verquerer geratenden Wahn nach Gerechtigkeit – vollzieht er, nach dem Freispruch des Unfallgegners durch das Gericht, die Rache selbst!

Horst Sczerba erzählt uns diese Geschichte (die hiermit noch lange nicht zu Ende ist…) allerdings zunächst nicht so geradlinig, wie es hier erscheinen mag – stets aus der Perspektive von Georg Kupinski ist sie eher zusammengewebt aus Vor- und Rückblenden, aus allgemeinen Reflexionen über den Zustand der Welt; sie entführt uns ebenso nach Mexiko wie in die Kindheit und Jugend des Protagonisten. Wahrlich Fahrt nimmt sie dann im letzten Drittel des Romans auf – da besticht sie durch eine, so würde es Kupinski wohl formulieren, geradezu schicksalhafte Zwangsläufigkeit.

Ja, Begriffe wie Schicksal kommen vor in diesem Roman – und wenn man auch auf den ersten Blick bisweilen denkt, der Autor schramme damit so eben noch am Klischee vorbei, kommt man doch um die Feststellung nicht umhin, dass es der von ihm geschaffene Charakter Kupinski ist, der in derlei und anderen vermeintlich archaischen Denkmustern verhaftet ist…
Und dieser Charakter ist in all seiner Verzweiflung und Wut, in seinen Tötungsphantasien und tatsächlichen Taten, trefflich aufs Papier gesetzt – mit grober literarischer Pranke ebenso wie mit poetischem Fingerspitzengefühl.

Der Text atmet förmlich Blut und Schweiß und – Liebe!

Wenn ich gefahren wäre, nichts wäre passiert, und Eva und Marie würden noch leben. In den Sommerferien wären wir zusammen ans Meer geflogen. Ich hätte Marie das Tauchen beigebracht und wie man auf Seepferdchen reitet und Haie jagt. Eva und ich wären nachst am Strand entlanggeschlendert, die Hände ineinander verschränkt, die Füße im warmen Wasser. Irgendwo in den Dünen hätten wir uns aufs Badetuch gelegt und uns geliebt. Im Mondlicht wären wir nackt ins Meer gelaufen und hätten einander gejagt wie silbern glitzernde Fische.

Natürlich habe ich mich beim Lesen von Der Sturm in meinem Kopf auch gefragt, ob mir – vor dem Hintergrund der früher gemeinsam verbrachten Zeit – das eine oder andere bekannt vorkommt. Und ja, die präzisen Bilder aus Georgs Kindheit scheinen mir auch ein Stück Biographie des Autors zu spiegeln… Jedenfalls meine ich, dergleichen aus lange zurück liegenden Gesprächen zu erinnern. Und bei einer Szene, da bin ich mir ganz sicher, war ich seinerzeit sogar zugegen: Georg (oder Horst Sczerba?) spielt Klavier und kommentiert: Mit ein paar Promille im Blut traue ich mir Sachen zu, die ich sonst nicht wage…Wie wahr – selbst wenn es „nur“ erfunden wäre!

Übrigens äußert sich der Autor auch selber zu seinem Schreiben und dem Roman; auf diesem Video beantwortet er entsprechende Fragen:

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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14 Antworten zu Der Sturm in meinem Kopf

  1. wildgans schreibt:

    Das habe ich gern gelesen. Und mich dabei gefragt, warum er nichts von seinem Schreiben erzählte. Vielleicht tat er das nur engsten Freunden gegenüber….
    Lesen werde ich das Buch nicht, es würde mich über Gebühr runterziehen. Nein, das muss nicht sein! Ich schaue auch keine Krimis aus eben diesem Grunde.

    • schifferw schreibt:

      Danke für die Kommentierung! Ja, man muss nicht alles lesen – da stimme ich völlig zu!
      Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  2. wederwill schreibt:

    Richtig neugierig bin ich jetzt geworden auf das Buch, weil mich sowohl der Autor mit dem recht interessanten Lebensweg neugierig gemacht hat als auch die schöne Rezension und ich stelle mir vor, dass es wirklich sehr schön sein muss, etwas Selbsterlebtes, Bekanntes in einem Roman wiederzufinden! Und bin so gespannt auf die „literarische Pranke und das poetische Fingerspitzengefühl“….
    Beste Grüße aus Thüringen sendet
    Birgit

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich freue mich darüber, dass ich das Buch bereits im Regal stehen habe – bisher noch ungelesen, aber ich blicke schon gespannt auf die Lektüre.

  4. schifferw schreibt:

    Danke! Und ich bin gespannt auf Dein Urteil! Gute Grüße, Wolfgang

  5. finbarsgift schreibt:

    Das nenne ich mal einen schier hautnahen Literaturtipp! Klingt echt interessant, vielen Dank, euch beiden Wiedersehens-Freude-Freunden 🙂
    LG vom Lu

  6. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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