Jojo – ein Roman über Todessehnsucht und Lebensmut

Steinunn Sigurðardóttirs neues Werk in deutscher Übersetzung

Romane von Steinunn Sigurðardóttir - Foto © Wolfgang Schiffer

Romane von Steinunn Sigurðardóttir – Foto © Wolfgang Schiffer

Den Romanen von Steinunn Sigurðardóttir habe ich schon immer ein von a priori begeisterter Neugier geprägtes Leseinteresse entgegengebracht – nicht weniger als ihrer Poesie, wie sie zum Beispiel in dem 2011 im Kleinheinrich Verlag erschienenen, mit Aquarellen von Georg Guðni (Hauksson) illustrierten Kunstbuch Sternenstaub auf den Fingerkuppen kennen und schätzen zu lernen ist.

Dieses so vorgestimmte Leseinteresse hat, und das wird nun niemanden, der meine „Wortspiele“ kennt, verwundern, natürlich mit meinem besonderen Interesse an Island, seiner Kultur und insbesondere seiner Literatur zu tun – auch wenn dieses sich nicht in einer eindrücklichen lyrischen Liebeserklärung an das Land zu äußern vermag, wie sie der zuvor erwähnte Gedichtband – bestens ins Deutsche übertragen von Gert Kreutzer – in seinem breiten Kaleidoskop verschiedenster Aspekte und Facetten der Liebe nun einmal auch enthält.

Sternenstaub auf den FingerkuppenÜber diese, den Zyklus Das Land Es-War-Einmal, eine im wahrsten Sinne „zauberhafte“ Ballade, sagt die Rezensentin Bernhild Vögel in ihrer Besprechung für Icelandreview, sie sei „die schönste und berührendste Liebeserklärung an Island“, die sie kenne – ein Urteil, dem ich mich gerne anschließe. Und dabei muss ich mir nicht mal vorwerfen, wegen meiner grundsätzlichen Vorgestimmtheit womöglich einer unkritisch-positiven Voreingenommenheit aufgesessen zu sein.

Dasselbe kann ich über meine Lektüre der Romane von Steinunn Sigurðardóttir sagen. Sieben der bislang elf im isländischen Original erschienenen sind bis heute ins Deutsche übertragen – anders als ihre Lyrik, doch gleichermaßen trefflich von Coletta Bürling übersetzt – und sie alle – vom 1986 erschienenen Prosadebüt Tímaþjófurinn (Der Zeitdieb, 1997 im Ammann Verlag publiziert) über das literarische Roadmovie Hjartastaður (Herzort, Ammann Verlag, 2001), die Tschechov-Paraphrase Jöklaleikhúsið (Gletschertheater, Rowohlt Verlag, 2003), über Ástinn fiskanna (Die Liebe der Fische, Rowohlt Verlag, 2006), Sólskinshestur (Sonnenscheinpferd, Rowohlt Verlag, 2008), Góði elskhuginn (Der gute Liebhaber, Rowohlt Verlag, 2011) bis hin zu dem aktuellen Roman Jójó, den der Rowohlt Verlag vor wenigen Wochen in der deutschen Schreibweise Jojo herausgegeben hat – sie alle überzeugen durch einen sprachbewussten Rhythmus, der die Lyrikerin Steinunn Sigurðardóttir zu erkennen gibt, und durch raffiniert-verschlungene und doch scheinbar mühelos erzählte Geschichten, die mit viel Weisheit und voller Dialog-Witz, mit Humor und bisweilen sogar (Selbst-)Ironie die stete Sehnsucht nach Liebe thematisieren, einer Liebe, welcher Trauer und oft sogar Tod ganz nah bei Seite stehen…

Ich empfehle diese Romane, ebenso wie die Lyrik der Autorin, also gerne allen zur Lektüre – mache aber kein Hehl daraus, dass ich um das neue Buch trotz wiederum gespannter Erwartung erst eine kleine Weile „herumgeschlichen“ bin.

Der Grund ist wohl ein einfacher! Alle vorherigen Romane „spielen“ in Island und sind trotz ihrer Welthaltigkeit von den Verhältnissen und vom Atem der Insel durchwoben – das neue Buch jedoch „spielt“ in Berlin!

Nun, vielleicht war zu erwarten, dass Steinunn Sigurðardóttir einmal den Schauplatz ihrer imaginierten Szenarien erweitern würde – in Reykjavík geboren, hat sie doch bereits jung in Dublin studiert, danach für einige Jahre u. a. in Frankreich gelebt und ist nun, eine wahre Weltenbummlerin, seit 2008 eben in Berlin ansässig – die räumliche Distanz jedoch hat sie bislang, so mein Empfinden, stets nur um so sensitiver auf ihre Heimat blicken lassen.

Doch jetzt ist es geschehen: sie siedelt ihre Geschichte dort an, wo sie derzeit lebt – in der Bundeshauptstadt, in Kreuzberg, am Landwehrkanal.
Und selbst ihre Charaktere sind keine Isländer – Martin Montag, die zentrale Figur in Jojo ist ein Deutscher! Und bis auf wenige Ausnahmen sind es die anderen auch… Was, so meine vielleicht unbewusste Sorge, hatte ich hier von der mir in isländischen „Dingen“ so vertraut gewordenen Autorin zu erwarten?

JojoMeine Sorge, so stellte sich schnell heraus, war völlig grundlos: Jojo ist ein wunderbarer, tiefer und komplexer Roman, vielleicht sogar, ohne die vorherigen in ihrer jeweiligen Bedeutung schmälern zu wollen, der bislang beste dieser Autorin.

Martin Montag ist Radiologe, Strahlentherapeut – jedes noch so kleine Krebsgeschwür betrachtet er als seinen persönlichen Feind. Tumore zu töten ist seine Lebensaufgabe. Und er ist gut darin – die Zahl der Patientinnen und Patienten, denen er das Leben gerettet oder doch deutlich verlängert hat, ist sehr hoch! Ein zufriedenes, erfülltes Leben könnte er also führen, gäbe es da nicht ein dunkles Geheimnis aus seiner Kindheit, ein Trauma, das ihn innerlich hat erkalten lassen, zum „Roboter“ hat werden lassen, wie er von sich selber sagt, und selbst auf die liebevolle Zuwendung seiner Lebensgefährtin Petra häufig nur mit Verzweiflung reagieren lässt.

ICH KOMME IMMER VON DER SCHULE NACH HAUSE.
Bei dem schönen Wetter mache ich einen kleinen Umweg, ich gehe in den Park und zum Wasserfall, vielleicht tue ich etwas, was ich nicht darf, nämlich mir heimlich Schuhe und Socken ausziehen und die Zehen ins Wasser tauchen.
Warum ich? Warum bin ich es, der nach der Schule nach Hause kommt?

„Warum ich?“ – das fragt ihn im weinerlichen Ton auch ein Patient, der ihm gegenübersitzt, ein älterer Herr, mit einem leicht heilbaren Speisenröhrenkarzinom, das aussieht wie ein kleines rotes Jojo. Und der Anblick dieses Karzinoms ist es, das ihn das so lange mühsam beherrschte Trauma in all seiner Schwere neu erleben lässt, ja, ihn aufs Neue gar an der Möglichkeit des Weiterlebens zweifeln lässt…

Was ist damals geschehen? Was hat dieser Mann, den er im Gegensatz zu all seinen anderen Patienten, nicht einmal anfassen kann, damit zu tun? Martin Montag muss den Weg seit jenem Erlebnis – einen Weg, den er seither nie hat verlassen können – bewusst noch einmal gehen.

Formal tut Martin Montag dies zumeist in der Rolle als Ich-Erzähler, gelegentlich spricht er von sich jedoch auch wie in der dritten Person. Mit den Qualen der schmerzlichen Erinnerungsarbeit korrespondieren auch weitere literarische Feinheiten: Personennamen sind gedoppelt: so heißt zum Beispiel seine kleine Freundin aus der Kindheit ebenfalls Petra – und vor allem ist da ein zweiter Martin, ein Clochard aus Paris, den es nach Berlin und die Arme der polnischen Zoowärterin Jadwiga verschlagen hat…

Mit diesem an Hodenkrebs erkrankten Patienten verbindet Martin Montag eine tiefe „Seelenverwandtschaft“. Denn sie teilen ein vergleichbares Geheimnis, das sie zum Ende des Romans einander eingestehen – ein Akt, bei dem nicht zuletzt der gesunde Sarkasmus des Franzosen auch Martin Montag wieder neuen Lebensmut gibt…

Kann man einen Menschen heilen, der einen selber krank gemacht hat? So könnte die zentrale Frage dieses Romans lauten…

Das klingt nach einem schweren, traurig machenden Stoff! Aber Steinunn Sigurðardóttir wäre nicht eine der wohl besten und stilsichersten Schriftstellerinnen Islands, wenn es ihr nicht gelingen würde, selbst einem solchen Stoff über das konkrete Thema hinaus viel Lebensweisheit, Humor und Poesie angedeihen zu lassen… Und so lesen wir in dieser Geschichte über Missbrauch und Verrat, über den Tumor als Metapher für das „Böse“ im Menschen, zum Beispiel auch von den erfundenen Ersatzeltern Mamasomm und Papaluft, die dem jungen Martin Liebe schenken und ein wenig Zuversicht geben, von schönen, dicht entworfenen Stimmungen – und im Vergleich zwischen Paris und Berlin sehr kluge Porträt-Vignetten dieser beiden Städte.

Jojo ist zweifellos ein engagiertes, ein aufwühlendes Buch – seine literarische „Leichtigkeit“ macht es zugleich jedoch auch zu einem großen Lesevergnügen!

Steinunn Sigurðardóttir beim Signieren ihres Romans nach einer lesung auf der Leipziger Buchmesse 2014 © Wolfgang Schiffer

Steinunn Sigurðardóttir beim Signieren ihres Romans nach einer lesung auf der Leipziger Buchmesse 2014 © Wolfgang Schiffer


Wer die Autorin in ihrer unvergleichlichen Art selber bei einer ihrer Lesungen aus Jojo erleben will, findet die nächsten Termine hier auf der Seite des Rowohlt Verlags.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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16 Antworten zu Jojo – ein Roman über Todessehnsucht und Lebensmut

  1. saetzebirgit schreibt:

    Ich habe ein Interview mit der Autorin vergangene Woche in der 3sat-Kulturzeit gesehen – sie hat sofort mein Interesse für ihr Buch geweckt, das eine wichtige Frage behandelt. Ebenso aber hat sie mich durch ihre charmante, freundliche Art (und ihr Deutsch mit einem richtig netten Akzent) gefangen genommen.

    • schifferw schreibt:

      Danke! Beide Anmerkungen kann ich sehr gut nachvollziehen! Ich darf sie am 23. April im Literaturhaus Köln moderieren – und freue mich schon sehr darauf, ihr wieder zu begegnen!

  2. Claudia schreibt:

    Das Buch wandert nach Deiner Besprechung, der ich ja nun kein Argument, keinen mahnenden Blick auf den ungelesenen Stapel, mehr entgegen halten kann :-), sofort auf meine Leseliste. Und dieses Mal wäre ich auch sehr gerne zur Lesung gekommen – aber zum Termin bin ich noch verreist. So ein Mist!
    Viele Grüße, Claudia

  3. finbarsgift schreibt:

    wow, was für eine tolle Rezension, lieber Wolfgang!
    DAS BUCH muss deshalb sofort her und habe ich doch gerade erst begeistert den Zeitdieb gelesen 🙂
    Liebe Abendgrüße
    vom Island-begeisterten
    Lu

  4. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  5. schifferw schreibt:

    Danke fürs Weiterreichen, lieber Gunnar!

  6. gsohn schreibt:

    Bitte, mein lieber Wolfgang.

  7. Pingback: Sonntagsleserin KW #14 – 2014 | buchpost

  8. das klingt ja ausgesprochen lesenswert, bin mal gespannt, ob das Buch auch bei mir andockt. Durch Deine eindrückliche Besprechung hat es jedenfalls alle Chancen.
    Liebe Grüße, Kai

    • schifferw schreibt:

      Hallo, Kai – es würde mich freuen! Lass mich doch bitte ggf. wissen, was Du davon hältst… Gute Grüße, Wolfgang

      • Lieber Wolfgang,
        mach ich dann gerne – ob ich es dann bespreche ist allerdings nicht sicher. Ich habe es aufgegeben, alles zu besprechen, was ich lese. Ist einfach zu viel und ja auch eine Frage der Zeit.
        Liebe Grüße, Kai

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