Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen

Eine Graphic Novel über die Herausforderung, in einer anderen (Ess)-Kultur zu leben…

Ausschnitt aus dem besprochenen Buch

Ausschnitt aus dem besprochenen Buch

In meinem Beitrag „Ausgezeichnet!“, einem Interview mit Jörg Sundermeier zur Verleihung des diesjährigen Kurt Wolff Preises an den Verbrecherverlag, habe ich erwähnt, dass der Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung 2014 an den Hamburger mairisch Verlag geht – und zwar, so die Begründung der Jury, dafür, dass er “mit großem Spürsinn junge deutsche Prosaautoren entdecke und in seinem klug komponierten Programm dem aktuellen Dialog zwischen Literatur, Musik, Graphic Novels und Hörspiel Rechnung trage.”

Wer sich die Programme des mairisch Verlags anschaut, wird zu dieser Feststellung nicken – rückwirkend – und wie jetzt auf der heute zu Ende gehenden Leipziger Buchmesse, auf der die Kurt Wolff Preise übergeben wurden, einmal mehr zu erfahren – auch mit Blick auf das aktuelle Programmangebot.

Eine kleine Graphic Novel, gemalt und geschrieben von der 1982 Südkorea geborenen Sohyun Jung, die in ihrer Heimatstadt Seoul und später in Hamburg, wo sie jetzt lebt und arbeitet, Kunst studierte, hat es mir hierbei besonders angetan.

Der Grund hierfür mag ein ganz vordergründiger sein: ich liebe Kimchi! Und genau davon, dem koreanischen Nationalgericht, handelt die Graphic Novel!

Anders als ich, der ich mich durch meinen Sohn koreanischen Ursprungs gerne an das scharfe Chinakohlgericht heranführen ließ, versucht sich Hana, die Heldin in Sohyun Jungs Geschichte, allerdings zunächst von diesem zu entfernen. Doch das ist gar nicht so einfach!
In Hamburg angekommen, hat sie zwar die Hürden der Wohnungssuche, der Sprache, des Wetters usw. recht bald gemeistert, aber das „deutsche Essen“ stellt die wahre Herausforderung dar. Und das umso mehr, als Mama aus Korea der guten Hana per Skype oder Hangout immer wieder ins noch nicht eingeräumte Zimmer fliegt und alle gesundheitlichen und geschmacklichen Vorzüge des Nationalgerichtes preist – und droht, ihr sofort einige Portionen davon zukommen zu lassen!

Sohyun Jung

Hör endlich auf, Mama!
Ich werde auspacken, wenn ich Lust dazu habe,
und außerdem kann ich sehr gut ohne deinen blöden Kimchi leben! Haah!

Aber das kann Hana dann doch nicht! In Korea war Kimchi wie ein Teil ihrer natürlichen Umgebung, man aß ihn zu jeder Mahlzeit, morgens, mittags und abends – und im Kühlschrank gab es stets einen ausreichenden Vorrat, meist sogar in verschiedenen Varianten. Doch hier in Deutschland? Hana entdeckt einen Asia-Shop, da gibt es Fertig-Kimchi – aber der ist teuer und gilt zuhause nun wirklich als verpönt.

Da bleibt nur eins: Hana muss lernen, Kimchi, die „Seele der koreanischen Kultur“, selber zuzubereiten!

Vergiss nichtWie das geht und welche Erfahrungen Hana dabei macht (auch mit sich selbst und ihrem neuen Leben), das erzählt Sohyun Jung uns nun auf charmant-phantasievolle und dabei recht eindrückliche Weise.
Verschiedene Rezepte, Geheimnisse der Lagerung, aber auch die Fehler, die man bei der Zubereitung des Kimchi machen kann – das alles lernen wir kennen. Wie erfahren aber auch etwas über familiäre Wärme, über Heimweh, das Erwachsenwerden und die Freuden neuer Nachbarschaft.

Sohyun Jung wählt für die Darstellung ihrer kleinen Reise in die koreanische Küche, die zugleich eine kleine Entwicklungsgeschichte über das Leben in einer neuen Kultur ist, ebenso informative wie humorige Textblasen und vor allem eine Bildsprache (verblüffend weich getuschte Zeichnungen), die zwischen Grau-, Schwarz- und Blautönen changierend auf schöne Weise immer wieder Realität mit Traum vernetzt, Fakten mit Gefühl, die pure Rezeptur mit dem wahren Geist des Kimchi.

Ich hoffe, mein Sohn kommt uns bald wieder besuchen – mit einem guten Kimchi im Gepäck!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Pingback: K.-H- Zillmer-Verlegerpreis | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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