Juninovember

Sarah Kirschs nachgelassene Aufzeichnungen…

Sarah Kirsch - einige Buchtitel Foto © Wolfgang Schiffer

Sarah Kirsch – einige Buchtitel Foto © Wolfgang Schiffer

Nein, in meinen Bücherregalen steht nicht das komplette Werk von Sarah Kirsch – ich glaube, das wären wohl an die fünfzig Einzelbände – und doch, so denke ich zumindest, habe ich so viel von ihr gelesen, dass ich dem Urteil wahrer Lyrikkenner vorbehaltlos zustimmen kann: Sarah Kirsch ist eine der bedeutendsten Autorinnen deutscher Sprache und ihr Tod am 5. Mai vergangenen Jahres hat der deutschsprachigen Dichtung eine ihrer eindrucksvollsten Stimmen genommen.

Sarah Kirschs erster eigener Gedichtband Landaufenthalt erschien 1967 im Aufbau Verlag. Für mich zeigt bereits das letzte Gedicht dieses Bandes, was später charakteristisch werden sollte für die damals noch in der DDR lebenden Autorin: u. a. die Entwicklung einer Bildsprache, die aus der Hinwendung zu Natur und Landschaft schöpft, und ein poetischer Atem, der völlig unangestrengt lyrische Gefühlswelten und zivilisationskritische Reflexion zu vernetzen weiß.

Ich bin sehr sanft nenn

mich Kamille
meine Finger sind zärtlich baun
Kirchen in deiner Hand meine Nägel
Flügelschuppen von Engeln liebkosen ich bin
der Sommer der Herbst selbst Winter im Frühling
möchte ich bei dir sein du
zeigst mir das Land wir gehn
von See zu See da braucht es
ein langes glückliches Leben
die Fische sind zwei
die Vögel baun Nester wir
stehn auf demselben Blatt

Doppelseite aus Sarah Kirschs "Islandhoch"

Doppelseite aus Sarah Kirschs „Islandhoch“

Das zu ihrer Lyrik Gesagte gilt m. E. auch für die tagebuchartigen Notate aus der Zeit vom 23. September 2002 bis zum 28. März 2003, welche die Deutsche Verlags-Anstalt vor wenigen Tagen unter dem Titel Juninovember posthum veröffentlicht hat. Es sind nicht die ersten dieser Art lyrischer Prosaminiaturen, die Sarah Kirsch seit ihrem Weggang aus der DDR im Jahr 1977 geschrieben hat – für mich besonders eindrücklich sind natürlich die Tagebruchstücke Islandhoch geblieben, die der Steidl Verlag 2002 mit Aquarellen der Lyrikerin publizierte – und schon immer hat auch das jeweils aktuelle Zeitgeschehen in das zu Notierende hinein gespielt. Hier nun ist es, neben Flugzeugabstürzen, Geiselnahmen, Amokläufen usw., der Aufmarsch und schließlich der Beginn des 2. Irakkriegs, der auf die schleswig-holsteinische Wohn- und Lebensidylle durchschlägt.

20. Nerz 2003, Donnerstag

Der Krieg hat also begonnen. Bagdad wird beschossen. Der Krieg wird geführt um das irakische Volk zu befrein. Die arabischen Länder sie äußern sich sehr besorgt. Den ganzen Tag wie das Kaninchen vor der Schlange vor der Glasfresse gesessen. Auf verschiedenen Sendern den Irakkrieg gesehen. Das grüne Flimmern… Es macht einen sonderbar traurig, ich musste aber weiterschauen.

Doch die Autorin wehrt sich gegen die Übermacht solcher Bilder. Nicht nur ist sie entschieden in ihrer Ablehnung dieses Krieges und in ihrem Urteil über die kriegshetzenden Personen Bush und Rumsfeld – sie kämpft auch mit Wortspielen und kleinen lyrischen Notizen gegen die aufkeimende Hoffnungslosigkeit. Da wird aus einem Januar ein Jaguar, aus einem März eben ein Nerz und ein Mittwoch zum Mistwoch – und nur eine Seite nach dem oben zitierten 20. Nerz steht das folgende Gedicht:

Was schert mich der
Weltuntergang wenn wir
Beisammen sind fahren
Rosen über die Meere.

Grün stehen die vom
Fremden niedergemachten
Pappeln in deinen Augen.

JuninovemberNun, auch die Kraft der Lyrik kann die Sorge um den Weltenzustand natürlich nicht kleiner machen, aber sie hilft offensichtlich, sich im Alltag weiter zu behaupten: da müssen Gewitter, Regen, Raureif, Schnee und Nebel notiert werden, das Aufblühen und Enden der Blumen und Pflanzen, das Auffliegen der Vögel, der Wechsel der Jahreszeiten, das Malen der Akwareller, wie die Autorin ihre buntfarbigen Bilder nennt. Von den Filmen, die sie abends sieht, spricht Sarah Kirsch, von ihren Lesereisen, und das nicht immer ohne Selbstironie – und ironisch, ja, manchmal geradezu böse fällt auch ihr Urteil über so manch eine Kollegin oder einen Kollegen aus – da verblüfft es geradezu, wenn sie mal lobt (so u. a. bei dem Isländer Einar Már Guðmundsson und dessen Roman Engel des Universums) oder sich in schönster Weise überrascht gibt (so bei Judith Hermanns Erzählungsband Nichts als Gespenster). Und über all dem und vielem mehr immer wieder das Benennen und damit Bewahren der Natur und Landschaft, die einen umgibt. So heißt es im letzten Notat von Juninovember, 28. Nerz 2003, Frei:

…Minus 2 Grad am Morgen. Nebel. Die Spatzen baun ihre liederlichen Nester. Wir haben die Gartenmöbel rausgetragen. Möwenwolken hinter dem Bauern her, der mit der großen Walze über die Wiesen fährt. Ich saß in der Sonne, die morgen wieder verschwunden sein soll. Nicht für immer. Der Bärlauch ist auch erschienen und kann demnächst geerntet werden. Spaziert, von Bachstelzen begleitet. Bis zum Reiherbaum. Der Huflattich hatte sich aufgetan, golden sah er mir an.

Ist das Prosa? Lyrik? Mir ist es gleich – ich liebe, derlei zu lesen!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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15 Antworten zu Juninovember

  1. wordkunst schreibt:

    Was schert mich der/Weltuntergang wenn wir/Beisammen sind

    Wunderschoen…herzlichen Dank

    – Alexander Booth

  2. versspielerin schreibt:

    toller beitrag, hach!
    ich lese sie auch sehr gern. SEHR gern!
    danke hierfür.
    herzlich,
    diana

  3. saetzebirgit schreibt:

    Ja, es ist letztlich egal, wie man die Form benennt bzw. es ist eine Kunst, sich auch gegen die Form zu stemmen – eben, Sarah Kirsch zu lesen, lässt diese Art der Kategorisierung sowieso vergessen. Danke für den Beitrag!

  4. wildgans schreibt:

    Diese liederlichen Nestbauvögel aber auch…
    Sie sieht und beschreibt die Natur wie eine tief darin verwurzelte….wunderbar.
    Dankschön für diesen Hinweis!

  5. jonbjarni schreibt:

    Guter Beitrag Wolfgang. Einmal bin ich ihr in Kiel begegnet. War damals verzaubert von ihrem Gedichtband Bodenlos, aus dem das folgende Gedicht, Mond Glunst Rauch, entstammt: Ich fahre vorwärts ich denke / Zurück weit entfernt / Ist mein Herz von früher / Zeit blieb nur ein / Lachen ich fahre also / Weiter erinnere nichts weiter

    • schifferw schreibt:

      Danke, lieber Jón Bjarni, für Kommentar und die Weiterführung des Beitrags mit Deinem Zitat! Bless, bless und auf bald W.

  6. Maren Wulf schreibt:

    Ja, da braucht es ein langes glückliches Leben… Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag!

  7. schifferw schreibt:

    Dank fürs Lesen!

  8. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 02.03.2014 (KW9) | buecherrezension

  9. Xeniana schreibt:

    Sehr schöne Besprechung!

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