Ganze Tage im Café

Der Debüt-Roman der Isländerin Sólveig Jónsdóttir in deutscher Übersetzung…

Eisbären in 101 Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Eisbären in 101 Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Das Zentrum Reykjavíks, der Hauptstadt Islands, ist ein häufiger Schauplatz der zeitgenössischen Literatur von der Insel aus Feuer und Eis – man denke nur an den in den 60er Jahren spielenden Kultroman punkt punkt komma strich von Pétur Gunnarsson, der wie die weiteren Bücher dieser Tetralogie um Andri Haraldsson in deutscher Übersetzung im Weidle Verlag erschienen ist, oder gar an den seit einiger Zeit bereits bei Tropen verlegten Erfolgsautor Hallgrímur Helgason – er setzte dem Stadtkern bereits mit dem Titel seines auch verfilmten Romans 101 Reykjavík ein kleines literarisches Denkmal.

Im ihrem in Island 2012 erschienenen Debüt-Roman Korter wählt die 1982 geborene Journalistin Sólveig Jónsdóttir die Ortskennung 101 Reykjavík nun ebenfalls als literarische Spielfläche – anders als bei ihren männlichen Kollegen geht es bei ihr jedoch nicht um die Reifeprozesse von Jungen und halberwachsenen Männern, sondern um die Schicksale von vier Frauen zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Sie kennen einander nicht und haben doch so manches gemeinsam: sie gehen dieselben Straßen, besuchen dieselben Kneipen und Bars, haben das Café „Viertel“ als Stammcafé – und Probleme mit dem anderen Geschlecht!

Ganze Tage im CaféJetzt ist der Roman unter dem Titel Ganze Tage im Café im Insel Taschenbuch-Verlag auf Deutsch erschienen, überaus stimmig übersetzt von Sabine Leskopf – und auch wenn die Cover-Werbung Dieser Roman gehört zum Besten, was Frauenliteratur zu bieten hat mich (der ich keine Unterscheidung zwischen Frauen- und Männerliteratur zu machen weiß) zunächst ein wenig skeptisch stimmte: ich habe mich nach gut 400 Seiten schönster Lektüre gerne von ihm überzeugt gesehen!

Es ist Winter in Island – die Finanz- und Staatskrise des Landes von 2008 dräut erst am ferneren Horizont, aber von kräftigen Krisen geschüttelt ist das Leben der vier Frauen dennoch.

Hervör, die trotz ihres Universitätsabschlusses im Café „Viertel“ jobbt, wird von ihrem ehemaligen Professor, ihrem Liebhaber seit Studienzeiten, wegen einer Fitness-Trainerin verlassen; Karen, die noch bei ihren Großeltern lebt, trinkt zu viel und schläft sich, infolge eines früheren persönlichen Verlustes offensichtlich bindungsunfähig geworden, durch die Betten ihr unbekannter Männer; Silja, die junge Ärztin, erwischt ihren Ehemann mit einer anderen (wir ahnen bald, mit wem)- und das auch noch im ehelichen Schlafzimmer. Und Mía, die vierte, ebenfalls mit einer exzellenten Ausbildung, doch immer noch ohne entsprechende Arbeit, wird von ihrem langjährigen Freund Daníel gegen eine erfolgreiche Arbeitskollegin „ausgetauscht“.

„Und wie geht´s Dir?“
„Beschissen, danke der Nachfrage. Mein Freund hat mich sitzenlassen, weil er sich in so ein Frettchen verknallt hat. Und dann wohne ich jetzt in einer total hässlichen Wohnung mitten in der Stadt, wo wahrscheinlich alles voller Wanzen ist, auf jeden Fall herrscht das totale Chaos da, ich bin arbeitslos und weiß nicht, was ich mit dem Leben anfangen soll. Das wäre so das Wesentliche. Und du? Was gibt´s Neues bei dir?“

Vier Schicksale, vier Umbrüche, nach denen die Frauen vor der Herausforderung stehen, sich ihr Leben zurückerobern zu müssen, wozu manchmal auch ein Tritt in den Schritt eines Mannes oder ein Steinwurf in die Windschutzscheibe des Autos einer Nebenbuhlerin gehört.

Sólveig Jónsdóttir schildert das Geschehen in stetig abwechselnder (sich dabei allerdings allmählich vernetzender) Fokussierung auf jeweils eine der Protagonistinnen – und sie tut dies ohne jede Larmoyanz, stattdessen humorvoll, in bisweilen ironischer Lakonie – und vor allem in schonungsloser Ehrlichkeit gegenüber ihrem Personal.

Man liest das Buch, das derart Schwächen, Brüche und Hoffnungen im Leben von vier Frauen auslotet, angesichts seines eleganten Unterhaltungswerts mit großem Vergnügen – und zugleich mit Respekt vor der Tiefe, in der es dennoch seelische Brutalität, Verletztheiten und Rachegelüste, ja, alle Szenarien weiblicher Gefühlswelten zu ergründen weiß.

Manchmal habe ich zwar gedacht, der Roman wäre in seiner Schilderung etwas zu „kleinteilig“, auch glaubte ich, ein paar wiederkehrende Stereotypen ausmachen zu können (fast alle trinken Gin, bevor sie sich auf den Weg in Lokale oder zu Partys begeben – fast alle lassen sich immer mal wieder verzweifelt aufs Bett fallen und starren die Decke an…) – am Ende jedoch schien mir dies alles nebensächlich: was bleibt durch Ganze Tage im Café, ist das literarische Erleben einer auch als Metapher überzeugenden winterlichen Atmosphäre in Reykjavík (mit hohem Wiedererkennungswert) und – eingebettet zudem in emotional warmen, anrührenden Szenen familiären und freundschaftlichen Miteinanders – die Teilhabe an vier psychologisch feinst ziselierten Lebens- und Selbstfindungskämpfen von jungen Frauen im heutigen Island.

Aber ob diese sich nur dort im Kern so ereignen können, muss nach der Lektüre ein jeder selber entscheiden!

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Ganze Tage im Café

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Man liest das Buch, das derart Schwächen, Brüche und Hoffnungen im Leben von vier Frauen auslotet, angesichts seines eleganten Unterhaltungswerts mit großem Vergnügen – und zugleich mit Respekt vor der Tiefe, in der es dennoch seelische Brutalität, Verletztheiten und Rachegelüste, ja, alle Szenarien weiblicher Gefühlswelten zu ergründen weiß. Diesen Roman werde ich mir wohl besorgen.

  2. schifferw schreibt:

    Danke, lieber Gunnar, für´s „Weiterreichen“! Dem Buch kann ich wirklich nur viele Leserinnen und Leser wünschen!

  3. dasgrauesofa schreibt:

    Lieber Wolfgang,
    ich habe ja schon den „Schmetterling im November“ bei Dir entdeckt und viel Lesefreude damit gehabt. Auch der Roman hätte mich vom Cover erst einmal gar nicht angesprochen. Bei den „Café-Tagen“ ist das Cover noch viel abschreckender. Nach deiner Besprechung kann ich dem Roman ja doch eine Chance geben :-). Vielen Dank fürs Neugierig-Machen.
    Viele Grüße, Claudia

  4. schifferw schreibt:

    Gern geschehen, liebe Claudia! Ich hoffe, Du als LeserIN kannst dieser m. E. gelungenen Unterhaltung mit Tiefgang ebenfalls etwas abgewinnen… Mir als LesER ging es so!
    Gute Grüße, Wolfgang

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