Unschuldig schuldig?

Drei Erzählungen in dramatischer Konstellation…

Foto © Wolfgang Schiffer

Foto © Wolfgang Schiffer

Nun – dies ist kein voreiliger Geburtstagsgruß! Würde ich auf diesem Weg dem Germanisten Walter Hinck, dem das heutige „Rauchzeichen“ gilt, einen solchen senden wollen, so müsste ich noch bis zum 8. März dieses Jahres warten, denn dann wird er sage und schreibe 92!

Zweifellos würde mein Gruß auch von einem kleinen Geschenk begleitet sein, hat doch der für viele Jahre an der Albert Magnus Universität zu Köln lehrende Professor in vielen Vorlesungen, Seminaren und zahlreichen Publikationen nicht nur den Studenten und Lesern allgemein deutsche Literatur nahe gebracht, sondern auch in mir ganz persönlich das Fundament für deren Geschichte und Wertigkeit gelegt.

Und er hat – nicht selbstverständlich – mein späteres eigenes literarisches Wirken und vor allem meine Versuche der Vermittlung zeitgenössischer isländischer Literatur aufmerksam begleitet. Mit anderen Worten: wir sind uns auch über meine lang zurückliegenden Studienjahre hinaus stets freundschaftlich verbunden geblieben.

Während ich nun aber über ein kleines Geschenk noch nachdenken muss, hat Walter Hinck mir und uns längst schon eine Gabe gemacht: einen neuen Band mit Erzählungen, vor wenigen Wochen erschienen im Bonner Bouvier Verlag.

Dass der Literaturwissenschaftler Hinck unlängst das Gebiet des Fiktionalen betreten hat, ist u. a. durch meinen Blog-Beitrag „Seitenwechsel“ ja bereits publik geworden. Den 2011 unter dem Titel Die letzten Tage in Berlin erschienenen Erzählungen und der Lyrik-Auswahl Lebensspuren aus dem Jahr 2012 hat er nun drei weitere Erzählungen hinzugefügt, deren umfangreichste und vielen sicherlich eindrucksvollste der neuen Sammlung auch den Namen gibt: Mielkes lauerndes Ohr.

hinck mielkeAndrea – (wie die Tochter des Ehepaares Hinck u. a. Fachärztin für Diabetologie) mit einer Vorliebe für die Pfalz rund um die Stadt Landau (seit 2010 Wohnsitz der Familie Hinck) und das Hambacher Schloss – lernt auf einer Toskana-Reise Albrecht kennen, einen zurückhaltenden, ja, beinah verschlossenen Herrn. Allmählich jedoch fasst er Vertrauen zu ihr und lässt sie teilhaben an seiner Lebensgeschichte.

Auch er ist Arzt und gehörte, natürlich noch zu DDR-Zeiten, als Jüngster dem Kollektiv einer Klinik in Thüringen an, wo er sich aufgrund seiner Fähigkeiten sehr bald ein hohes Ansehen erwarb. Dies entging auch der Stasi nicht – sie nahm Kontakt zu ihm auf und erpresste mit der Androhung eines Prozesses wegen Verwendung illegaler Baumaterialien bei der Errichtung einer Datsche seine inoffizielle Mitarbeit im sogenannten Kampf gegen mögliche antisozialistische Umtriebe seiner Kolleginnen und Kollegen. Aus Sorge um seine berufliche Laufbahn (und um seinen Vater, der an dem Bau beteiligt war) lässt Albrecht sich zunächst darauf ein, liefert seinem Führungsoffizier aber nur recht unverbindliche Auskünfte, von denen er überzeugt ist, dass sie niemandem zum Schaden gereichen. So auch über eine leicht impulsive Kollegin – in der die Stasi, von Misstrauen und Erfolgsdruck gleichermaßen bestimmt, dennoch sofort eine Republikfeindin wittert und ihn zu größter Wachsamkeit und stichhaltigeren Berichten anhält.

Die vorverurteilende Aggressivität seiner Kollegin gegenüber lässt Albrechts Gewissen über die Angst vor eigenen Nachteilen siegen. Er kündigt ohne weiteres Zögern seine IM-Tätigkeit auf, und es kommt, wie es angesichts einer solchen Unbotmäßigkeit in diesem Unrechtssystem kommen muss: Albrecht wird der Prozess gemacht und mit Hilfe falscher Zeugenaussagen und Belege zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Für viele Jahre sitzt er nun in Bautzen ein; die Freiheit erfährt er erst wieder, als die BRD ihn freikauft.
Doch auch hier – Andrea und Albrecht kennen sich bereits und treffen sich in längeren Abständen mehr oder weniger regelmäßig – erfährt sein Leben nochmals eine dramatische Wende.
Jene Kollegin, die aufgrund seines Berichtes seinerzeit ins Visier der Stasi geriet und jegliche Chance auf ein berufliches Weiterkommen verlor, hat ihn in den nach der Wiedervereinigung nun zugänglichen Stasi-Unterlagen als den damaligen Denunzianten ausgemacht – und verklagt!

Walter Hinck erzählt diese in geradezu klassischer Tragödien-Konstellation ablaufende Geschichte um die Fragen nach Täter und Opfer, Schuld und Unschuld gänzlich ohne Lärm und Larmoyanz. Auch legt er uns keine Antworten nahe – sie wären wohl auch nicht eindeutig zu geben. Hierbei sind die jeweils individuellen moralischen Parameter des Lesers gefragt.

Zusätzlich zu dieser Anforderung erfahren wir in dem ruhigen, in seiner eleganten Gediegenheit beinahe schon ein wenig altmodischen Erzählfluss, der ein Geschehen unangestrengt über mehrere Jahrzehnte auszuspannen vermag, so manches über die Weinlese, die Geschichte der Pfalzstadt Landau und die kulturellen Schätze in den Städten der Toskana, über die Bedeutung des Hambacher Festes für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland und eben, am Beispiel einer extrem existentiellen Situation, über deren Pervertierung und spätere deutsch-deutsche Geschichte.

Stilistisch vergleichbar und ebenso von jüngerer Historie durchdrungen wie thematisch um Schuldfragen kreisend sind auch die beiden anderen Erzählungen des Bandes.

Er sah, wie sie Cécile aus dem Haus zerrten und zum Wagen führten, ein deutscher Feldpolizist und ein französischer Gendarm. Sie war also verhaftet worden. (…) Man wird sie dem Geheimdienst, der Gestapo überliefern, dachte er. Das Verhör wird es an den Tag bringen, sie werden sie irgendwann zwingen, mich zu verraten. Man wird auch mich abholen.

So beginnt die Erzählung Erpressung. Wer sich hier um seine Existenz sorgt, ist ein deutscher Funker im besetzten Frankreich. Er ist der Tochter eines Caféhaus-Besitzers verfällt – nicht ahnend, dass sie im Maquis, im Widerstand tätig ist und ihn bald, wenn auch nur ein einziges Mal, zum Absetzen einer Nachricht überreden wird, deren Folgen sich zweifellos gegen seine eigenen Kameraden richten… Erpressung erzählt aber auch von Gefangenenlagern, der Nachkriegszeit und der Situation französischer Frauen, die der Kollaboration oder gar mehr mit Deutschen verdächtigt waren…

Einen weiten zeitlichen Bogen bis in die spätere Nachkriegszeit und die Anfänge des deutschen Wirtschaftswunders hinein spannt auch die letzte Erzählung Schlag du nur das Tamburin – dein Bär tanzt. Sie erzählt von einem einfachen, ehrlichen Mann in einem kleinen westfälischen Dorf, der es, liebevoll angetrieben vom städtischen Postfräulein, beruflich bis zum Leiter der Poststelle bringt und als solcher, vor allem in den Zeiten des Kriegs und danach als Herr über gute und schlechte Nachrichten Respekt und Ansehen erfährt.
Das Wirtschaftswunder, die mit ihm kommenden Verlockungen und mehr noch die mit ihm wachsende Hast und Ignoranz der Menschen, lassen ihn jedoch seine Rechtschaffenheit vergessen. Was zunächst noch als Hilfe für einen Mitmenschen gedacht ist, erfüllt bald den Tatbestand der Urkundenfälschung – und das zum eigenen Vorteil! Doch die Strafe dafür ist hart!

Wenn man sich noch einmal vergegenwärtigt, dass Walter Hinck, der Autor dieser Erzählungen, 1922 geboren wurde, Kriegsdienst und -gefangenschaft erleben musste und erst 1951, im allmählich wieder erblühenden Deutschland, sein Studium beginnen konnte, so liegt die Vermutung nahe, dass auch manch autobiografisches Erfahren in seine Erzählungen eingegangen ist. Und das ist gut so, denn es macht die geschilderten, in den wechselhaften, oft von Schrecken und Gräuel geprägten Verläufen des vergangenen Jahrhunderts angesiedelten Schicksale recht authentisch und wahr.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Unschuldig schuldig?

  1. buchwolf schreibt:

    Die Erzählungen scheinen ja die Verstrickungen, in denen man sich im Leben verfangen kann, außerordentlich gut darzustellen. Danke für die interessante Rezension, die große Lust auf das Buch macht.
    Wolfgang

    • schifferw schreibt:

      Danke für den Kommentar, lieber Buchwolf Wolfgang. Ich habe die Erzählungen gerne gelesen – aber Walter Hinck ist eben auch mein „alter“ Professor“… Hoffe, das hat den lesenden Blick nicht getrübt!

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