Regieren in Reykjavík

… oder Gratishandtücher in öffentlichen Schwimmbädern…

Island im Inneren des Rathauses von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Island im Inneren des Rathauses von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Alles im Leben ist relativ. Das perfekte System, das für alles eine Lösung hat und die Welt wieder ins Lot bringt, gibt es nicht. Deswegen versuchen Gruppierungen und Organisationen jeglicher Art – Vereine, Glaubensgemeinschaften, politische Bewegungen oder Schulen –, sich eine Struktur zu schaffen, sie zu verfeinern und zu einem lebenden Organismus zu entwickeln. Leider neigt dieser Organismus (…) dazu, den Blick immer auf sich selbst zu richten und in blinder Selbstanbetung zu erstarren. Deshalb hat dieses Wesen, diese Amöbe oder wie immer wir es nennen wollen, vorne keine Augen, denn nach vorne schaut die Amöbe so gut wie nie. Und so kann sie auch die anderen Amöben nicht sehen und keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen, weil auch diese nur sich selbst vor Augen haben. So gesehen sind solche Systeme wie die Zellen unseres Körpers. Und wie der Körper sich einen Virus einfangen kann, sind auch sie allen möglichen Bedrohungen ausgesetzt. Naturgemäß reagieren sie darauf, indem sie sich nach außen verteidigen und so ihre Schwächen kompensieren.

Ich bin so ein Virus. Ich war schon als Kind ein Virus, ich war ein Virus in der Schule, und ich bin ein Virus in der Politik. Ich bin ein Troll unter Menschen. Ich bin Anarchist.

Jón Gnarr

Jón Gnarr

Jón Gnarr, der dies von sich sagt, ist nicht nur der bekannteste Komödiant Islands, seit 2010 ist er auch Bürgermeister von Reykjavík, der Hauptstadt des Landes.

Wie (er) einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte, dies hat er nun in einem eigens für den Tropen Verlag verfassten, von Betty Wahl übersetzten Buch beschrieben, das heute – nach ersten öffentlichen Präsentationen, z. B. in der Volksbühne in Berlin oder am vergangenen Mittwoch in der Kölner In-Diskothek King Georg, an die Buchhandlungen ausgeliefert wurde.

Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!, so der Titel, ist ein Buch, das einen sofort gefangen nimmt. Es erzählt leidenschaftlich von dem rothaarigen, vermeintlich verhaltensauffälligen Kind, das Jón Gnarr einmal war, Sohn eines kommunistischen Polizisten, von seiner pubertären Liebe zu Nina Hagen, die so lange anhielt, bis er sie singen hörte, von seiner Hinwendung zum Punk und eben zum Anarchismus, von den unzähligen Jobs als Bauarbeiter, Pfleger oder Taxifahrer, in denen der Herangewachsene arbeitete, bevor seine Leidenschaft für die Stand-Up-Comedy zu seiner Berufung wurde.

Und es erzählt von der Enttäuschung eines Menschen, der sich nie um Tagespolitik geschert hatte, bis ihn der Frust über die Parteien und Politiker, die Island 2008 an den Rand des Staatsbankrotts brachten, übermannte – und ihn erkennen ließ, dass es in dieser Politik weder Intellektuelle noch Künstler gab, die doch das Fundament des guten Rufes sind, das Island in der Welt genießt.

Dies galt es, zu ändern – und so gründete er in konsequenter Fortsetzung seiner Arbeit als Comedian die anarchisch-surrealistische Bestu Flokkurinn – die Beste Partei – und trat zur Wahl als Bürgermeister von Reykjavík an. Was immer sich die konkurrierenden Parteien als Wahlversprechen einfallen ließen, er überbot es und gab so die Versprecher der Lächerlichkeit preis, versprach z. B. einen Polarbären für den Reykjavíker Zoo, einen Disney-Park und transparente Korruption – und er versprach, alle Wahlversprechen sofort wieder zu brechen!

Sein Humor überzeugte die durch die Krise erschütterten Isländer – die Beste Partei errang die Mehrheit der Stimmen, koalierte mit den Sozialdemokraten, und Jón Gnarr wurde Bürgermeister!

Gnarr_Hoeren_Wiederholen_2d_4cÜber seine Verantwortung in diesem Amt, die Herausforderungen, die sich ihm jetzt stellen, die Auswirkungen auf sein Familienleben (er hat mit seiner Frau Jóhanna, die alle nur Jóga nennen, fünf Kinder), die Selbstzweifel und Anfeindungen der ihn als „Clown“ abqualifizierenden politischen Gegner – auch hierüber schreibt Jón Gnarr in großer Offenheit.

Und er schreibt über seine politischen Träume: z. B. über eine auf ein direktes Mitwirken der Bürger gestützte Demokratie, über die wichtige Rolle, die das Internet hierbei spielen kann, über Reykjavík als Friedensstadt, über Island als eine militärfreie Zone, über die Abschaffung aller Nuklearwaffen. In diesen Visionen ebenso wie in der kritischen Einstellung gegenüber Nato, Homophobie, Religionen usw. liegen Wahrheiten, von denen sich so mancher Real-Politiker mehr als eine „Scheibe abschneiden“ kann.

Der Ernsthaftigkeit solcher Passagen stehen im Buch jedoch immer wieder auch Stellen besten Humors beiseite und Dokumente wie das eines Briefes an Mr. President Obama – den Jón Gnarr schnell mal auf einen Kaffee einlädt-, Dokumente, bei denen man sich nie sicher sein kann, ob sie Fakt oder Fiktion sind.

So wie all sein Tun ihm selber und anderen eben Spaß bereiten muss (Der wahre Sieger des Spiels ist für mich der, der am meisten Spaß dabei hat, und das gilt längst nicht nur im Sport, sondern auch für das Leben als solches.), so soll es auch dieses Buch – und das tut es fürwahr!

Dennoch: Für eine erneute Kandidatur als Bürgermeister tritt Jón Gnarr nicht mehr an. Am 16. Juni dieses Jahres ist für ihn Schluss – die Beste Partei löst sich auf, die hieraus hervor gegangenen politisch aktiven Freunde und Gefolgsleute setzen ihre Arbeit, so sie wiedergewählt werden, in anderen Konstellationen fort! Dies jedenfalls gab Jón Gnarr am Ende seiner von Annette Brüggemann moderierten umwerfenden Polit-Show im King Georg bekannt. Ob´s denn auch so eintrifft, ist für mich allerdings eine andere Frage: Schon einmal, kurz vor den entscheidenden Wahlen in 2010, hat er seinen Rücktritt von der Kandidatur als Bürgermeister kund getan – um sodann um so siegreicher als „Felix aus der Asche“ viele Isländer mit seinem Wahlsieg zu beglücken.

PS: Jetzt gilt es noch, das Geheimnis um den Titel des Buches zu lüften. Auf seinen oftmals langen Autofahrten von einer isländischen Ansiedlung zur nächsten, in denen er seinen kritischen Witz als Stand-Up-Comedian zum Besten gab, hat Jón Gnarr, so erzählt er, aus Begeisterung für die deutsche Sprache, versucht, diese mit Hilfe einer Sprachkassette zu lernen! Der Dialog der beiden darauf miteinander sprechenden Herren sei jedoch derart langweilig gewesen, dass er immer erst wieder aufgewacht sei, wenn eine Frauenstimme für eine Unterbrechung der Eintönigkeit gesorgt habe. Und diese Frau habe stets nur eins gesagt: Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!

Gleiches empfehle ich gerne allen, die das Buch lesen – und dem Tropen Verlag empfehle ich, in Brüssel einen Antrag auf Herstellung einer preisgünstigen Spezialausgabe zu stellen, verbunden mit dem Erlass eines Dekrets, dass all unsere Politiker zwingend verpflichtet, diese zu lesen!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Island, Literatur, Prosa, Verlage, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Regieren in Reykjavík

  1. Bernhild Vögel schreibt:

    Super Vorschlag mit Brüssel – nur „preisgünstig“ verstehe ich nicht. Doppelten Preis für die Politikerausgabe hielte ich für angemessen.

    • schifferw schreibt:

      Da magst Du recht haben, liebe Bernhild – aber ich fürchte,die finden dann Schlupflöcher/Befreiungsorgien oder was auch immer, um es dann doch nicht zu kaufen! Liebe Grüße, Wolfgang

  2. guddysmith schreibt:

    Hat dies auf Prisma & Kaleidokop rebloggt und kommentierte:
    … ein weiterer wunderbarer Beitrag aus Wolfgang Schiffers Blog „Wortspiele: Ein literarischer Blog“ – Diesmal geht es um das neue Buch von Jón Gnarr (Bürgermeister von Reykjavík) „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!“

  3. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

    • schifferw schreibt:

      Schade, lieber Gunnar, dass Du es nicht geschafft hast, dabei zu sein… Der Abend im King Georg (einschließlich der Bierchen mit Jón und seiner Frau Jóga) hätte Dir gefallen! Und – Dank für die Weitergabe!

  4. Pingback: Vollpfosten-NSA und dadaistische Datenoffensive | Ich sag mal

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