Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (16)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Nochmals am Jökulsárlón © Wolfgang Schiffer

Nochmals am Jökulsárlón © Wolfgang Schiffer

Nach so manchen Beispielen aus der Zeit der Atomdichter, welche die isländische Poesie in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg revolutionierten, nähert sich mein heutiges Beispiel wieder einmal etwas mehr der Gegenwart an und zeugt von einem geradezu übermütig-spielerischen Umgang mit dem ehrwürdigen Genre, das die seinerzeitigen Wortstürmer aus den Fesseln der stabreimenden Tradition befreiten.

Geschrieben hat es Andri Snær Magnason, der 1973 in Reykjavík geborene Schriftsteller und Umweltaktivist, bei uns vor allem bekannt geworden durch seinen im Lübbe Verlag erschienenen Roman Lovestar und die polemisch-kritische Bestandsaufnahme der isländischen Industrie- und Naturpolitik Traumland – Was bleibt, wenn alles verkauft ist, die der Verlag Orange Press in 2011, dem Jahr des Ehrengastauftritts „Sagenhaftes Island“ auf der Frankfurter Buchmesse, in deutscher Übertragung veröffentlichte.

Im selben Jahr publizierte der Verlag Orange Presse jedoch auch einen Band mit Gedichten des Autors: BÓNUS Supermarktgedichte, im Original erschienen 1996. Wohl kaum eine andere Lyrik-Publikation auf der Insel vollzog eine radikalere Absage an letzte Spuren eines traditionellen Poesieverständnisses. Andri Snær Magnason „verkaufte“ (als Reaktion auf eine angebliche Krise der Lyrik) seine Dichtung nämlich an den globalen Markt!

Jener BÓNUS im Titel bezieht sich auf eine isländische Billig-Lebensmittelkette – mit einem rosa Schweinchen im Logo – und mit dieser Kette hatte der Autor auch seinen Vertrag abgeschlossen. Und nicht nur das: seine Sammlung wurde zudem ausschließlich als Stapelware neben den Kassen der wohl frequentierten Filialen vertrieben – mit der Folge, so heißt es jedenfalls, dass die BÓNUS Supermarktgedichte zum bestverkauften Lyrikband in der Geschichte Islands wurden.

BonusDoch nicht nur im Marketing spielt der Supermarkt eine entscheidende Rolle – er bestimmt auch den Inhalt. Im Supermarkt sieht der Autor Dantes Göttliche Komödie gespiegelt – die Obstabteilung ist ihm das Paradies, Fleisch und Tiefgefrorenes werden zur Hölle und die Putzmittel zum Fegefeuer. Und während er uns mit seinem spritzig-scharfen Geist von Stufe zu Stufe führt, werden uns Perlen des Kulturerbes und viel isländische Geschichte zuteil und ganz nebenbei eine gehörige Portion Kritik ob unseres eigenen fragwürdigen Konsumbewusstseins. Ich danke dir, Uncle Ben, für den Reis, heißt es zum Beispiel zu Beginn eines Tischgebets – da bleibt kein Zweifel, Lyrik kann auch bissigen Spaß machen!

Das nachfolgende Gedicht ist das erste dieses zweisprachigen Bandes mit Supermarktgedichten, wie alle darin enthaltenden von Tina Flecken ton-genau ins Deutsche übertragen. Der Verlag Orange Press bietet den Band übrigens in der einschlägigen Diktion eines Discounters an: „2 in 1 – ein deutsch-isländisches Sonderangebot!“

Tjörnin - die Stadtteichoase von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Tjörnin – die Stadtteichoase von Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Homo consumus

Frumeðli mannsins
var ekki veiðieðlið

Í öndverðu
fyrir daga oddsins
og vopnsins

reikuðu menn um slétturnar
og söfnuðu!
Þeir söfnuðu rótum
og þeir söfnuðu ávöxtum
og eggjum og nýdauðum dýrum

Ég
nútímamaðurinn
sjónvarpssjúklingurinn
finn hvernig frummaðurinn brýst fram
þegar ég bruna með kerruna
og safna og safna og safna …

Homo consumus

Der Urtrieb des Menschen
war nicht der Jagdtrieb

Zu Anbeginn
vor der Zeit

von Speer und Waffe

streiften die Menschen durch die Prärie
und sammelten!
Sie sammelten Wurzeln
und sie sammelten Früchte
und Eier und verendete Tiere

Ich
der moderne Mensch
der Fernsehjunkie
spüre, wie der Urmensch in mir hervorbricht
wenn ich mit dem Einkaufswagen durch die Gänge hetze
und sammle und sammle und sammle …

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Gedichte, Island, Literatur, Lyrik, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (16)

  1. wederwill schreibt:

    Vielen Dank für den schönen Beitrag!
    und nebenbei, gestern kam die bestellte Franz Kafka Box mit den hervorragenden Sprechern U. Matthes, O. Nitsche, H.P. Hallwachs und nicht zuletzt
    Wolfgang Schiffer – ein ausgesprochener Genuss, die CD`s anzuhören!
    Beste Grüße,
    Birgit Marienthal

  2. schifferw schreibt:

    Freut mich – sowohl der wohlwollende Kommentar zum Beitrag als auch die Nachricht über den Erhalt der Box! Ich wünsche ein gutes Hören! Liebe Grüße, Wolfgang Schiffer

  3. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Toll! Auch das Konzept der Supermarktgedichte hat was. Beim Einkauf: „Ich hätte gerne ein paar Wörter, so 100 Gramm.“ „Am Stück oder geschnitten?“. Der Urmensch mit dem Einkaufswagen – ein passendes Bild! Danke für diesen Literaturhinweis!

  4. schifferw schreibt:

    Gern geschehen – und Dank für die schöne Rückmeldung!

  5. schifferw schreibt:

    Danke – und so freue ich mich einmal mehr!

  6. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (20) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s