Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (15)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Wandmalerei in Reykjavík - Trust in fools Foto © Wolfgang Schiffer

Wandmalerei in Reykjavík – Trust in fools Foto © Wolfgang Schiffer

Nach Gedichten über Rabenvögel und gar einem Hinweis auf eigene Lyrik ist es an der Zeit, wieder einmal ein „Rauchzeichen“ zur Poesie aus Island aufsteigen zu lassen.

Gyrðir Elíasson, der Autor meines heutigen Beispiels, ist einer der produktivsten Schriftsteller seines Landes. Geboren 1961 in der Hauptstadt Reykjavík, veröffentlichte er bereits mit 22 Jahren seinen ersten Gedichtband Svarthvít axlabönd / Schwarzweiße Hosenträger, dem bis heute mehr als zehn weitere Gedichtsammlungen, fünf Romane und etwa zehn Bände mit Erzählungen gefolgt sind. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet; 2011 erhielt er den Literaturpreis des Nordischen Rates zugesprochen.

Viele seiner Arbeiten sind auch ins Deutsche übersetzt und publiziert worden, so u. a. Svefnhjólið / Das Schlafrad (Suhrkamp 1996), Bréfbátarigningin / Papierbooteregen (Kleinheinrich 1996) , Tregahornið / Das Blueshorn (Kleinheinrich 2001), Gangandi íkorni / Eichhörnchen auf Wanderschaft (Walde+Graf 2011), Sandárbókin. Pastoralsónata / Am Sandfluss. Pastoralsonate (Walde+Graf 2011) – und zuletzt in einer zweisprachigen Ausgabe Nokkur almenn orð um kulnun sólar / Einige allgemeine Worte über die Erkaltung der Sonne.

Dieser in 2011 erschienenen Sammlung ist auch das heutige Gedicht entnommen. Publiziert wurde sie ebenfalls im Verlag Kleinheinrich, der – das kann man nicht oft genug rühmen – sich bereits seit Jahren um die Verbreitung der isländischen Lyrik hierzulande verdient macht, aktuell mit dem von mir mit-übersetzten Band Geahnter Flügelschlag.

Sein „Markenzeichen“ ist es hierbei, jede seiner Publikationen nicht nur zweisprachig zu edieren, sondern durch erlesene Typologie, durch Illustrationen und eine elegante Gesamtgestaltung zu einem bibliophilen „Kunstbuch“ zu machen. Im vorliegenden Fall, wie beinahe alle hier erschienenen Werke Gyrðir Elíassons von Gert Kreutzer ins Deutsche übertragen, hat die in Köln lebende Künstlerin Ellen Keusen das Buch mit Papierarbeiten bereichert, die mit dem Lesen der Gedichte des Autors entstanden sind.

Und die Gedichte selber? Also, ich habe selten derart pointierte Poeme und bildstarke Miniaturen in solch stilistischer Wortkunst gelesen, dass mir, dem Leser, selbst noch im
Beschreiben des Vergänglichen und des Vergehens Warnung und Trost zugleich widerfährt.

Aber jeder möge sich natürlich sein eigenes Urteil bilden!

Dem Meer entgegen © Wolfgang Schiffer

Dem Meer entgegen © Wolfgang Schiffer

Októbervísa

Kominn haustblær á leiðin
í kirkjugarðinum, golan strýkur
flötum lófa yfir gulnandi laufin.
Á einum stað krýpur maður með
svarta yfirbreiðslu við lágt leiði,
einsog hann ætli að skýla þvi
gegn regni og svölum vindum

Oktobergedicht

Herbsthauch kam über die Gräber
auf dem Friedhof, die Brise streichelt
mit flacher Hand über gilbende Blätter.
Irgendwo kauert ein Mann mit einer
schwarzen Decke an einem flachen Grab,
als wolle er es beschirmen
vor Regen und kühlen Winden

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Gedichte, Island, Literatur, Lyrik, Verlage, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (15)

  1. Andrea schreibt:

    Ich gebe auch ein RauchZEICHEN zu dir….HERZlichst in den TAG ….ANDREA:)

  2. derverstecktepoet schreibt:

    Für ihre Literarischen Entdeckungen vielen dank. Und ebenso für das Folgen von Quertoenen. Herzlichst L

  3. schifferw schreibt:

    Dank zurück – für Kommentar und „Gefolgschaft“. Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  4. Gefrorene Zeit schreibt:

    Die Wandmalerei kam mir doch gleich bekannt vor. Und isländische Lyrik klingt allemal auch spannend. Werde mir dafür mal mehr Zeit nehmen, hier zu stöbern.

    Schöne Grüße,
    Christian.

  5. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (17) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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