Die grüne Bluse meiner Schwester

Gerður Kristný und die Familie als Nervenkrieg

Der Austurvöllur-Platz in Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Der Austurvöllur-Platz in Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Ein Roman aus Island, der im vergangenen Herbst erschienen ist, muss schnell noch besprochen werden, bevor das Jahr zu Ende geht und das kommende Frühjahr uns mit neuem Lesestoff von der Insel versorgt – zum Beispiel vom Krimimeister Arnaldur Indriðason, von der Erfolgsautorin Steinunn Sigurðardóttir oder vom Reykjavíker Bürgermeister Jón Gnarr

Heute jedoch soll die Rede sein von Gerður Kristný und ihrem Roman Die grüne Bluse meiner Schwester, den der List Taschenbuch-Verlag in der Übersetzung von Tina Flecken als deutsche Erstausgabe veröffentlichte – im Original ist er bereits 2004 erschienen; die Autorin wurde für ihn in ihrem Land mit dem den Halldór-Laxness-Literaturpreis geehrt.

Grüne BluseErzählt wird die Geschichte von Oddfríður Gunnarsdóttir, einer 26jährigen jungen Frau in Reykjavík, die nach dem Tod ihres Vaters in eine Lebenskrise gerät. Bis dahin lebte sie eher so vor sich hin, mit einem nicht beendeten Studium und einem Job in einer Parfümerie. Von Zuhause, wo sie im steten Kampf um Anerkennung in der Familie rang – von ihrer älteren Schwester drangsaliert und ausgenutzt und von ihrer tablettensüchtigen Mutter missachtet – ist sie längst in eine Mietwohnung umgezogen, doch die Erinnerungen an das von Lug und Trug geprägte Zusammenleben und an das Unrecht, das ihr von Kindheit an im Elternhaus, dem „Schloss“, widerfahren ist (und ihr auch jetzt, nach dem Tod des Vaters, durch einen krassen Erbbetrug erneut widerfährt…), bestimmen ihren Alltag nach wie vor.

Wenn ich heute zurückblicke, finde ich meine Kindheit natürlich nicht nur schlimm. Es schien oft die Sonne, ich hatte nette Freundinnen, und manchmal gab es etwas Leckeres zu essen, aber wann immer ich über die Zugbrücke ging und ins Schloss kam, wurde alles bleischwer. Es wird nie möglich sein, über die Tatsache hinwegzusehen, dass es schöner hätte sein können. Ich wünschte, ich hätte das meinem Vater gesagt und er hätte geantwortet: „Ja, da hast du wohl recht, Kleines.“

Der Tod ihres Vaters, dem einzigen in der Familie, zu dem eine innigere Beziehung bestand, obwohl auch er sie kaum vor der Kälte der Mutter und der Bösartigkeit der Schwester in Schutz zu nehmen vermochte, lässt die von allen nur Frida genannte junge Frau nun ausbrechen aus ihrem von Düften, Nagellack und Lippenstift bestimmten Trott.

Kurzerhand, ohne konkrete Zukunftsperspektive, doch fest entschlossen, ihr Leben in neue, sinnvollere Bahnen zu lenken, kündigt sie ihren Job in der Parfümerie. Und der Zufall will es, dass sie durch ihre dortige frühere Arbeitgeberin und Freundin Áslaug sehr bald sogar die Chance auf ein Vorstellungsgespräch bei der Chefredakteurin einer Zeitung erhält. Und die stellt sie ein – allerdings nicht im eigenen Unternehmen! Sie „vermittelt“ sie an die Konkurrenz, mit der Auflage, die dort geplanten Themen und Arbeitsmethoden auszuspionieren und am Ende eine kritische Artikelfolge darüber zu schreiben – für ihr eigenes Blatt.

Trotz moralischer Bedenken nutzt Frida die ihrer Meinung nach einmalige Chance und lässt sich mit Begeisterung auf die ihr völlig neue Herausforderung journalistischen Arbeitens ein. Bald jedoch stellt sie fest, dass sie zu dem ebenfalls auf Lug und Trug basierenden Deal, der ihr diese Arbeit ermöglicht hat, keinesfalls fähig ist…

Stadtplan Reykjavíks (Ausschnitt)

Stadtplan Reykjavíks (Ausschnitt)

Der so skizzierte, mit hohem Tempo, mit Humor bis gelegentlichem Zynismus erzählte äußere Rahmen des Geschehens umfasst weniger als ein Jahr. Eingebettet in ihm, und das macht den Roman über die vielen authentischen Charaktere, denen wir hierbei begegnen, hinaus erst recht lesenswert, sind Fridas Rückblicke auf das Leben ihrer Großeltern, das Emporkommen der Eltern und immer wieder auf ihre eigene Kindheit. Da zeichnet Die grüne Bluse meiner Schwester über die Gegenwart hinaus ein eindringliches Bild der isländischen Nachkriegsgeschichte, vom Leben in der Armut auf dem Land bis hin zur heutigen konsumgeprägten gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Eine kleine Einschränkung muss ich allerdings machen: es ist durchaus möglich, dass sich dieses Bild nur demjenigen voll erschließt, der bereits über einige Vorkenntnisse, die isländische Gesellschaft und deren Entwicklung betreffend, verfügt. Und Reykjavík ein wenig zu kennen, kann für den vollen Genuss ebenfalls von Hilfe sein – selbst mir hat es beim Lesen gut getan, den einen oder anderen Weg Fridas noch einmal auf dem Stadtplan nachzuvollziehen.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Die grüne Bluse meiner Schwester

  1. Annette Maron schreibt:

    Habe das Buch noch kurz vor „Toreschluss“ zu meiner Silvester-Lektüre gewählt und es nicht bereut. Das einzige, was mich ein wenig stört, ist die Eindeutschung der Zeitungsnamen („Morgenblatt“, „Nachrichten“, „Wochenblatt“).
    Alles Gute für 2014!
    Annette Maron

    • schifferw schreibt:

      Ihnen, liebe Annette Maron, ebenfalls ein heiteres und ertfolgreiches 2014! Wir sehen uns ja – spätestens am 7. Februar um 19:00, wenn der Kultursalon Freiraum Jón Thor Gíslasons Ausstellung eröffnet… Und was danach bis Ende März an Literarischem zu Island folgt, ist zweifellos auch recht interessant! Den Flyer zum neuen Programm finden Sie, bei Interesse unter http://freiraum.suelz-koeln.de/
      Gute Grüße, Ihr Wolfgang Schiffer

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