Die Tschechen – ein Volk von Lesern…

… mit einer Vorliebe für das gebundene Buch

In der Prager Metro © Wolfgang Schiffer

In der Prager Metro © Wolfgang Schiffer

Einem Artikel auf der Internetseite von Radio Prag habe ich entnommen, dass die Tschechen eine überaus lesefreudige Nation sind. Mit mehreren Lektüre-Stunden pro Woche und einem Buchkonsum, der bereits bei den Jugendlichen über 15 Jahren bei mindestens einem Buch pro Monat liegt, nehmen sie, so heißt es dort, einen Spitzenplatz in Europa ein. Der durchschnittliche Buchbestand eines Haushalts beträgt 250 Titel; das E-Book gerät erst verzögert in den Blick – bevorzugt werden nach wie vor gebundene Ausgaben. Kompliment!

Mit diesen Ergebnissen einer jüngst von der Akademie der Wissenschaft und der Nationalbibliothek in Auftrag gegebenen Untersuchung erhalte ich auch die Bestätigung für einen Eindruck, der sich mir allein schon aus der Anschauung bei meinen diversen Streifzügen durch Prag eingestellt hat: Das Buch ist im Stadtbild überaus präsent, und die Tschechen lesen, wo immer sie die Zeit und den Platz finden, um ein Buch aufzuschlagen.

Abfahrt in den Bauch der Stadt © Wolfgang schiffer

Abfahrt in den Bauch der Stadt © Wolfgang schiffer

Nehmen wir zum Beispiel die Schluchten ähnlichen Ab- und Aufgänge zur Metro, in denen die Rolltreppen den Fahrgast in Höchstgeschwindigkeit zu einer der drei unterirdischen Linien bringen, die in der Tiefe die Stadt durchqueren – fast jede zweite Reklametafel an ihren Wänden wirbt für ein Buch!

Lesend warten... © Wolfgang Schiffer

Lesend warten… © Wolfgang Schiffer

Der Fahrgast selber wartet die oft nur wenigen Minuten, die es bis zum Eintreffen seiner sich durch einen heftigen Windzug ankündigenden Verbindung braucht, natürlich mit einem Buch in der Hand – oft genug schützend eingebunden in eine Zeitungsseite.

... und lesend fahren © Wolfgang Schiffer

… und lesend fahren © Wolfgang Schiffer

Hat er dann im Abteil gar einen Sitzplatz ergattert, setzt er die Lektüre selbstverständlich fort – und falls kein Platz zur Verfügung steht, gerne auch im Stehen.

Lektüre unter dem Aushang "Poesie für  Reisende" © Wolfgang Schiffer

Lektüre unter dem Aushang „Poesie für Reisende“ © Wolfgang Schiffer

In einer Straßenbahn zeigt sich kein anderes Bild: der Tscheche liest! Einen habe ich dabei, wenn auch „nur“ mit einer Zeitung, sogar unter einem Aushang sitzen sehen, der selber von Literatur getränkt ist: von einem Gedicht einer Plakatserie im öffentlichen Nahverkehr, die sich Poesie für Reisende nennt!
Großartig!

Auch die Dichte der Buchhandlungen, wie ich sie, wohl gefüllt, allein schon um den Václavské náměstí, den Wenzelsplatz (der in Wirklichkeit eine lange Straße ist…) herum vorfinde, spricht für den hohen Stellenwert, den das Buch, die Literatur in Tschechien genießt.

Der "Palast der Bücher" © Wolfgang Schiffer

Der „Palast der Bücher“ © Wolfgang Schiffer

In der Auslage einer dieser Buchhandlungen entdecke ich zu meiner Freude sogar unmittelbar nach seinem Erscheinen das Buch Kmeny 0 (in etwa: Stämme 0), das unser Sohn Jakub frisch bei Bigg Boss & Yinachi herausgegeben hat. Es ist ein über 700 Seiten starkes Opus über jugendliche Trends und ihre Bewegungen in der Tschechoslowakei – vom Ende der 60er Jahre bis zu 1989, dem Jahr der politischen Wende. Ein Buch, so habe ich mir sagen lassen, das erstmals mit spannenden soziologischen Analysen und zahlreichen Interviews von Beteiligten aufwartet – und, selbst für mich erkennbar, mit einem verblüffend opulenten Bildmaterial, das einem die damalige Zeit sinnlich vor Augen führt.

Schade nur, dass ich selber die Texte nicht im Detail lesen kann!

In der Auslage: "Kmeny 0" © Wolfgang Schiffer

In der Auslage: „Kmeny 0“ © Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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10 Antworten zu Die Tschechen – ein Volk von Lesern…

  1. dasgrauesofa schreibt:

    Toll, so viele Leser überall! Und ca. 250 Bücher pro Haushalt sind ja auch eine gewaltige Anzahl. GIbt es wohl eine ähnliche Untrsuchung für Deutschland? Ich lese immer nur Katastrophenmeldungen, z.B. in der ZEIT, wenn darüber gesprochen wird, wie leseunerfahren Studenten sind und das nicht nur im Hinblick auf die Erschließung von Fachbüchern, sondern auch mit Blick auf die Literatur, sodass sogar die wirtschaftlichen Fakultäten anfangen, Romane lesen zu lassen – einfach damit sich unsere zukünftigen Wirtschaftslenker mal in Empathie üben. Kannst Du erklären, warum das Lesen und das Buch so populär – oder besser: selbstverständlich – sind? Vielleicht können wir in Deutschland davon etwas lernen.
    Viele Grüße, Claudia

    • schifferw schreibt:

      Liebe Claudia, hättest Du nach der Literaturbegeisterung in Island gefragt, würde ich jetzt wohl bis zu den Feiertagen an meiner Antwort sitzen – so jedoch musste ich meine Liebste,die ja Tschechin ist, fragen… Sie sagt, dies habe u.a. mit der jahrelangen Missachtung der tschechischen Sprache zu tun, die erst nach der K.u:K-Zeit mit der Gründung des tschechoslowakischen Staates zur Amtssprache wurde und seither sehr gefördert und gepflegt wird – insbesondere durch Literatur. Sehr umfangreich, von der Grundschule an, gehört sie z.B. immer auch zum Unterrichtsstoff, wenn die Sprache auf dem Lehrplan steht… Und dann kommt natürlich die Erfahrung des Sozialismus hinzu, also einer Zeit, in der vor allem die Literatur als beinah einziges Medium den Blick in eigene Phantasieräume und manchmal eben auch in andere Welten öffnete… (Ich meine übrigens irgendwo gelesen zu haben, dass auch bei uns das Leseverhalten in den neuen Bundesländern noch ausgeprägter sei als in anderen Teilen Deutschlands – was ja einer vergleichbaren Erfahrung entspräche…) In jedem Fall ist das Buch hier in Tschechien traditionell ein immer gerne gegebenes und gesehendes Geschenk!
      Eine entsprechende Untersuchung gibt es bei uns sicherlich auch – ich kenne sie nur nicht! Ich werde aber mal versuchen, über den Börsenverein für den Deutschen Buchhandel etwas in Erfahrung zu bringen… Kann nur etwas dauern, denn auch hier nimmt mich jetzt bald die Festtagsfolge familiär in Beschlag – zu der ich Dir übrigens alles Gute wünsche, Gelassenheit und einen hoffnungsfrohen Blick über den Jahreswechsel hinaus…
      Gute Grüße, Wolfgang

      • dasgrauesofa schreibt:

        Lieber Wolfgang,
        ohje ohje, da habe ich Dir ja richtig viel Arbeit mit meiner Frage gemacht und dann noch vor Weihnachten und dann noch ohne ein freundliches Danke für Deine ausführliche Antwort! Zu meiner Entschuldigung: Ich bin in den Weihnachstferien nach Südtirol gereist und auf dem Berg gab es das Internet nur soooo laaaangsaaaam (wenn überhaupt), dass ich es vorgezogen habe, den Stecker ganz zu ziehen.
        Nun aber: Dass die Tschechen ihre Sprache aus der geschichtlichen Situation heraus besonders schätzen und pflegen, klingt sehr plausibel und dass die Zeit im Sozialismus den Fluchtweg in die Literatur gestützt hat auch.
        In Deutschland kenne ich Ausschnitte aus den Ergebnissen der Stiftung Lesen von 2008 und einen ausführlichen ZEIT Artikel dazu, in dem eher deutlich wird, dass das Interesse an Literatur nicht eben groß ist und auch die Literaturlesekompetenz nicht besonders hoch. Das Ergebnis dieser Probleme mit dem Lesen von Literatur ist zum Beispiel, dass Schulbuchverlage die Originalwerke so kürzen, dass sie Schülern „zumutbar“ sind. Und die Professoren beklagen, dass Studenten nicht mehr in der Lage seien, komplexere Texte im Original zu lesen und sie regen aus diesem Grund an, wieder mehr Literatur zu lesen – auch damit zukünftige „Entscheider“ lernen, sich in andere hineinzuversetzen. (http://www.zeit.de/2009/47/DOS-Der-deutsche-Leser). Und welche Folgen in der Schule die immer deutlichere Ausrichtung auf allein wirtschaftliche und am Arbeitsmarkt sinnvoll nutzbare Komptenzen – und diese Richtung geben zum einen die Bildungspläne immer mehr vor (da gibt es gerade einen ganz deutlichen Wechsel in Richtung Verwertbarkeit und Outputorientierung), sie ist aber auch von Schülern (und ihren Eltern) so gewollt – für den Spaß an der Literatur haben, wissen wir ja auch noch nicht. Ich sehe das schon ein wenig pessimistisch.
        Und hier noch zwei Links zum Thema: http://www.zeit.de/online/2008/50/lesen-studie; http://www.stiftunglesen.de/
        Und nun wünsche ich Dir und deiner Familie natürlich auch noch einen guten Start in das Lese-, Blog- und Reisejahr 2014 :-)!
        Viele Grüße, Claudia

  2. Maren Wulf schreibt:

    Wenn das kein schöner Anblick ist – noch ein Grund mehr, Prag zu lieben! 🙂

  3. schifferw schreibt:

    Liebe Maren Wulf, ich danke herzlich für diese Kommentierung und stimme gerne zu: auch diese Lesebegeisterung macht diese Stadt, dieses Land liebenswert! Ich wünsche eine schöne Festfolge! Mit guten Grüßen, Wolfgang Schiffer

  4. Muromez schreibt:

    Hm, das Gefühl, dass in Osteuropa mehr gelesen wird, verstärkt sich dadurch. Auch in der Moskauer Metro sitzt man stets umgeben von Lesenden – da hätten solche Bilder ebenso geschossen werden können.

    • schifferw schreibt:

      Stimmt! Ich war dort noch zu Glasnost-Zeiten relativ viel unterwegs und erinnere mich an ähnliche Wahrnehmungen! Dank für den Kommentar und gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  5. Krümel schreibt:

    Hm, vor 20 Jahren als ich noch Straßenbahn fuhr, zur Arbeit, da lasen sehr viele Menschen in der Bahn – hat sich denn dieses Bild so sehr verändert?
    Ich beispielsweise lese gar nicht gerne, wenn ich unterwegs bin, da schaue ich lieber, beobachte, vielleicht zeichne ich etwas, dadurch gebe ich natürlich auch ein falsches Bild von mir ab 😉
    LG Krümel

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für diese leicht skeptische Nachfrage! Wie gesagt, ich kenne (noch) keine aktuelle Statistik über das Leseverhalten und den privaten Bibliotheksbestand bei uns in Deutschland (vielleicht verfügt ja eine/r der Leser/innen der „Wortspiele“ darüber und kann mir damit aushelfen…)- mit meinem Beitrag will ich aber so wie so keinesfalls in Abrede stellen, dass es natürlich auch hierzulande viele Leserinnen und Leser gibt…Allein, das ist zumindest mein Eindruck: in der Öffentlichkeit sind sie nicht so präsent! Muss ja auch nicht – Hauptsache, es wird gelesen!
      Gute Grüße, Wolfgang

  6. schifferw schreibt:

    Liebe Claudia,
    oh, ich habe großes Verständnis für Deine Internet-Situation – hatte selber das eine oder andere WLAN-Problem in tschechischen Landen, habe es aber als Einübung in eine gewünschte Phase der Entschleunigung mit viel Geduld und ein wenig Humor geradezu genossen! Um so mehr danke ich Dir heute für Deine ausführliche Antwort und die sehr informativen Links, die zweifellos auch andere Leserinnen und Leser interessieren werden. Und ich wünsche auch Dir noch einmal ein gutes, heiteres 2014!
    Liebe Grüße, Wolfgang

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