Jürgen von der Wense – Ein Universalgelehrter als Dauerekstatiker

Christian Schulteisz liest in Prag…

Die (A)Void Floating Gallery  auf der Moldau - im Hintergrund die Prager Burg © Wolfgang Schiffer

Die (A)Void Floating Gallery auf der Moldau – im Hintergrund die Prager Burg © Wolfgang Schiffer

… und zwar auf einem Schiff! Genannt habe ich den Autor als derzeitigen Residenz-Gast des Prager Literaturhauses in meinem Beitrag über diese von der Prager deutschen Schriftstellerin Lenka Reinerová ins Leben gerufenen Institution ja bereits – gestern hatte ich nun das Vergnügen, ihn bei einer Veranstaltung auch persönlich erleben zu dürfen.

Eingeladen hatten das Prager Literaturhaus selbst, dessen Direktor David Stecher die Anwesenden willkommen hieß, und die (A)Void Floating Gallery, ein auf der Moldau am Rašin-Ufer stillgelegtes Schaufelradboot, das neben Galerie und Bar auf dem Heck des Decks auch eine Sauna beherbergt.

Noch ist die Bühne leer...

Noch ist die Bühne leer…

Ein verblüffendes Ambiente! Man sitzt nicht nur auf Stühlen an kleinen Tischen, sondern auch auf hängenden Schaukeln an schmalen, frei stehenden Tresen entlang und lässt sich, den abendlich bereits beißend kalten Temperaturen geschuldet, von einem holzbefeuerten Bollerofen einheizen. Der Blick zur Bühne steht allen offen – einer Bühne, auf der, so entnehme ich einer Ankündigung, auch Theater- und Musikveranstaltungen stattfinden.

... so dass Autor und Übersetzerin sich in Ruhe besprechen können...

… so dass Autor und Übersetzerin sich in Ruhe besprechen können…

Leider brachte es dieser für manche Literaturfreunde vielleicht doch etwas ungewohnte Ort, – speziell zu dieser Jahreszeit – auch mit sich, dass sich nicht allzu viele Interessierte im Bauch des Schiffes einfanden – diejenigen jedoch, die den Weg hierher gefunden hatten, bildeten ein sehr aufmerksames Publikum.

Christian Schulteisz las aus einer noch in Arbeit befindlichen Erzählung über den Universalgelehrten Jürgen von der Wense (1894 – 1966). Warum und wie ihn dieser Mensch als historische und literarische Figur interessiert, gibt am besten seine eigene Einführung in den Abend wieder.

... doch dann füllt sich der Bauch des Schiffs Fotos © Wolfgang Schiffer

… doch dann füllt sich der Bauch des Schiffs Fotos © Wolfgang Schiffer

Als ich zum ersten Mal über Jürgen von der Wense las, dachte ich, es müsse sich um einen Scherz handeln. Aus wie vielen Sprachen und Dialekten soll der Mann übersetzt haben, hundert? Als Autodidakt? Dazu noch Komponist und Dichter, Landschaftsforscher, Fotograf, Enzyklopädist, Collagenkünstler, was denn noch?
Extremwanderer.
Wanderte mit Vorliebe im deutschen Mittelgebirge, in den Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern, veröffentlichte zu Lebzeiten achtzig Seite und hinterließ – dreißigtausend. Sein sogenanntes All-Buch.
Außerdem vierzig Tagebücher, sechstausend Briefe, mehrere tausend Fotografien sowie Kompositionen. Jürgen von der Wense eine intellektuelle Sagengestalt? Ich beginne zu lesen. Blättere in dem aus seinem Nachlass zusammengesetzten Buch Wanderjahre, und tatsächlich, da aus dem Tannendunkel tritt einer hervor. Lupft seine Schirmmütze und geht weiter, notiert weiter, überschwänglich, gierig mit jedem Wort, jedem Schritt, ein Natur- und Wissensekstatiker, etwa eine Figur, nach der ich schon lange gesucht habe?
Aber wie nur mithalten, er fliegt ja, dieser Kerl, so vergeistigt, geistert umher, schon fast selbst ein Gespenst. Wie Büchners Lenz durchs Gebirge.
Als Mensch war Jürgen von der Wense zu sagenhaft. Will ich mich ihm nähern, muss ich ihn als literarische Figur neu erfinden, ähnlich wie der Schriftsteller Gert Hofmann es einst mit Georg Christoph Lichtenberg tat, allerdings weniger von oben herab, eher von unten herauf, neu herauferzählen aus den Tiefen des All-Buchs!

Bereits mit dieser Einführung fasziniert Christian Schulteisz sein Publikum. Und der nachfolgende Auszug, den er aus dem bislang existierenden Fragment liest, tut dies erst recht, verwebt er doch in einer ganz eigenen literarischen Diktion die als notwendig gesehene Erfindung mit Zitaten von der Wenses zu einem überzeugenden, ebenfalls ekstatischen Erzählfluss.

Dem alten Dampfer wird eingeheiz! © Wolfgang Schiffer

Dem alten Dampfer wird eingeheiz! © Wolfgang Schiffer

Entsprechend lebendig war die nachfolgende kurze Diskussion mit dem Publikum, souverän stimuliert von der Übersetzerin Jitka Nešporová, die ihrerseits die tschechische Version des Textes nicht hatte zu Gehör bringen müssen: alle Anwesenden vermochten, für Prag nicht ganz überraschend, der Veranstaltung auf Deutsch zu folgen. Der Text war und ist aber auch für nicht Deutschkundige nachzulesen – die Literaturbeilage von Literární Noviny hatte ihn am 12. Dezember bereits zweiseitig veröffentlicht, zusammen mit einem Porträt des Autors!

Es sei der bislang umfangreichste Artikel über ihn, so Christian Schulteisz erfreut, aber leider in einer Sprache, die er nicht lesen könne!

Mit Dank für den Abend wünschen die „Wortspiele“ sich und dem Autor, dass er seine Erzählung über von der Wense bald beenden möge, und dann viele Folgeartikel – in seiner Sprache!

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Bücher, Lesung, Literatur, Prosa, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Jürgen von der Wense – Ein Universalgelehrter als Dauerekstatiker

  1. wederwill schreibt:

    Mit großem Interesse und Vergnügen lesen wir die schönen Beiträge und freuen uns immer über jede „Neuerscheinung“. Ein „gefällt mir“ ist eigentlich immer viel zu wenig als Ausdruck, wie gut es uns gefällt. Deshalb an dieser Stelle ein ausformuliertes herzliches Dankeschön für die vielen schönen Anregungen, die wir hier schon gefunden haben!
    Beste Grüße,
    Marlis Hofmann, Wederwill-Team

    • schifferw schreibt:

      Liebe Marlis Hofmann, liebes Wederwill-Team, ich danke herzlichst für diese schöne Rückmeldung; es freut natürlich, wenn man die Gewissheit erhält, dass einiges von dem, was man tut, Interesse und Vergnügen weckt… Und – ich gebe das Kompliment gerne zurück: ich entnehme den Wederwill-Beiträgen sehr viel für mich! Gute Grüße, Euer Wolfgang Schiffer

  2. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Neues vom Wortspiel-Radio-Kollegen Wolfgang Schiffer aus Prag.

  3. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Das ist so schön und lebendig geschrieben, man meint, man wäre fast dabei (oder wünscht es sich zumindest).Und über den Herrn von der Wense muss ich jetzt unbedingt noch mehr erfahren!

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für den so freundlichen Kommentar! Und – falls wir uns nicht mehr lesen: ich wünsche Kraft und Gelassenheit für eine fröhliche Festfolge und einen hoffnungsfrohen Blick über den Jahreswechsel hinaus. Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

      • saetzeundschaetze1 schreibt:

        Danke für die guten Wünsche – die ich gerne so zurückgebe! Ein entspanntes frohes Fest und für das kommende Jahr wünsche ich mir noch viele so schöne Beiträge 🙂 Viele Grüße, Birgit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s