Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (13)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Nicht nur Feuer -- auch Himmel und Eis © Wolfgang Schiffer

Nicht nur Feuer — auch Himmel und Eis © Wolfgang Schiffer

Ich denke, es ist wieder einmal Zeit für ein Gedicht vom einem Schriftsteller meiner Lieblingsinsel – gelegen „dort oben“ im äußeren Nordwesten Europas. Geschrieben hat es Jón úr Vör (1917 – 2000), Gründer und für viele Jahre Direktor der Bücherei in Kópavogur, der im Südwesten gelegenen zweitgrößten Gemeinde Islands. Seine große Leidenschaft neben dem Buchwesen galt vor allem jedoch der Dichtkunst selbst, in der er sich in Island und in manchen anderen Ländern höchstes Ansehen erwarb. In seinem Heimatland ist nach ihm auch ein Preis für Dichtung benannt: der Jón úr Vör Poesiepreis.

1946 überraschte er das zu der Zeit noch an Reimen und fester Metrik gewohnte isländische Lesepublikum mit seinem poetischen Zyklus Þorpið / Das Dorf, einer Art poetischen Sozialreportage in freien Versen über das Leben an seinem Kindheitsort, dem kleinen Fischerdorf Patreksfjörður. Das heutige Gedicht bildet den Auftakt zu diesem Zyklus. Mit ihm gebe ich sogleich auch einen „Vorgeschmack“ auf das gesamte Werk, das im Frühjahr 2014 – in der Übersetzung meiner isländischen Freundin Sigrún Valbergsdóttir und mir – in einer zweisprachigen Ausgabe im Queich Verlag erscheinen wird.

Island in der Abenddämmerung © Wolfgang Schiffer

Island in der Abenddämmerung © Wolfgang Schiffer

Hvíl þú væng þinn

Hvíl þú væng þinn í ljóði mínu,
lítill fugl á löngu flugi
frá morgni til kvölds.

Styð þig, stjarna, við blóm í garði mínum
eitt andartak á ferð inni
um tíma og rúm.

Eins og stráið í sandi við haf dauðans,
vaxa rætur þess, sem hvergi fer.
Enginn spyr, hvaðan hann komi.

Lass deine Flügel ruhen

Lass deine Flügel ruhen in meinem Gedicht,
kleiner Vogel, beim weiten Flug
vom Morgen bis in die Nacht.

Lehne dich, Stern, an eine Blume in meinem Garten,
einen Atemzug lang, auf deiner Reise
durch Zeit und Raum.

Wie der Halm im Sand am Meer des Todes
wachsen die Wurzeln dessen, der nirgends geht.
Keiner fragt, woher er kommt.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (13)

  1. Sigrún Valbergsdóttir schreibt:

    Der Tag wurde hiermit gleich um 2 Stunden länger. Und ich freue mich auch! Danke mein Lieber.

  2. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (18) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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