Ausgezeichnet! Verbrecher Verlag wird mit Kurt Wolff Preis 2014 geehrt!

Ein Interview mit dem Verlagsleiter Jörg Sundermeier

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Die gemeinnützige Kurt Wolff Stiftung, im Jahr 2000 von unabhängigen Verlegern und dem damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann ins Leben gerufen, setzt sich für die Förderung einer vielfältigen und unabhängigen Verlags- und Literaturszene ein.

Mit ihrem Namen erinnert sie an den bedeutenden Verleger Kurt Wolff, dessen gleichnamiger Verlag seit seiner Gründung in 1913 durch die Veröffentlichung von Werken der Schriftsteller Georg Trakl, Franz Werfel, Gottfried Benn, Gustav Meyrink, Ivan Goll und vieler anderer zur maßgeblichen Plattform des literarischen Expressionismus in Deutschland wurde.

Vor wenigen Tagen gab Stefan Weidle, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, nun bekannt, dass das Flaggschiff ihrer vielfältigen Förderaktivitäten, der jährlich vergebene Kurt Wolff Preis für das Gesamtschaffen oder ein herausragendes Verlagsprogramm eines deutschen oder in Deutschland ansässigen unabhängigen Verlegers für 2014 dem in Berlin ansässigen Verbrecher Verlag zuerkannt wurde.

Aus Anlass dieser Auszeichnung, zu dem ich dem Verleger und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags herzlich gratuliere, habe ich mit dem Verlagsleiter Jörg Sundermeier ein kurzes Gespräch geführt.

WS: Lieber Jörg Sundermeier, die Kurt-Wolff-Stiftung hat mitgeteilt, dass dem Verbrecher Verlag, den Sie leiten, auf der kommenden Leipziger Buchmesse den nach dem Stifter benannten Hauptpreis übergeben wird. Was bedeutet die Auszeichnung Kurt Wolff Preis 2014 für Sie?

JS: Es ist wie ein Oscar für einen Schauspieler. Viel mehr geht nicht!

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WS: In der Begründung für die Preisvergabe heißt es u.a., dass Ihr Verlag dafür ausgezeichnet wird, „durch große Editionen wie die der Tagebücher von Erich Mühsam und Werkausgaben wie die von Gisela Elsner die Erinnerung an die sozialistischen und anarchistischen Traditionen in Deutschland wachzuhalten“. Von Gisela Elsner sind mit „Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen“ und „Zerreißprobe“ zuletzt zwei Bände „Gesammelte Erzählungen“ erschienen, Erich Mühsams „Tagebücher“ sind mit Band 5 im Jahr 1916 angekommen… Warum ist Ihnen diese Literatur ein besonderes Anliegen?

JS: Über die Begründung waren wir ein bisschen verwundert, denn wir hätten nicht gedacht, dass man zurzeit für derartige Anliegen ausgezeichnet wird. Aber wir fühlen uns ganz gut getroffen, und freuen uns deswegen umso mehr. Und wir glauben, dass die Werke Mühsams, Elsners, aber auch die von Peter O. Chotjewitz oder Rudolf Lorenzen, die wir verlegen, manch einen und manch eine, der oder die heute laut herumkräht, überleben werden. Einfach, weil sie Werke von Könnern sind. Das Gute setzt sich durch, daran glaube ich fest.

WS: Neben den genannten Editionen haben Sie auch eine Werkausgabe des 2008 gestorbenen Schriftstellers Christian Geissler angekündigt. Mit dem Roman „Wird Zeit, dass wir leben“, in dem der Autor mit bestechender literarischer Authentizität vom Widerstand der Kommunisten gegen die Nazis im Hamburg der 30er Jahre erzählt, ist schon ein erster Band veröffentlicht. Wie sieht die weitere Planung dieser Gesamtausgabe aus?

JS: Der nächste Band erscheint im Sommer 2014 und wird den kurzen Roman „Kalte Zeiten“ und das Drehbuch zum Film „Schlachtvieh“ enthalten. Und peu á peu werden dann alle Romane von Geissler erscheinen – sowie eine Auswahl aus seinen sonstigen Texten.

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WS: Gibt es Überlegungen zu weiteren Werkausgaben von Autoren, die dem Lesepublikum zwingend wieder bekannt gemacht werden sollten? Nach dem Arno-Schmidt-Motto: „Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes!“…

JS: Es gibt Ideen. Aber konkrete Pläne gibt es zurzeit nicht.

WS: Aktuell haben Sie mit „Willi Meerkatz wird verlassen“ das Romandebüt des Schauspielers (und Theaterautors) Tilo Brückner veröffentlicht. Welche Reaktionen erhoffen Sie sich auf dieses Buch?

JS: Ich bin sehr gespannt, denn Tilo Prückner ist zwar bekannt, aber kein Star. Und sein Buch ist alles andere als das typische Schauspieler-Buch, es spielt nicht auf der Bühne oder am Drehort, auch handelt es nicht von Umweltsünden oder ist ein Krimi. Prückners Protagonist ist ein älterer Arzt, der verlassen wird, und der darauf mit Panik reagiert. Eine sehr böse, sehr komische Satire – und überhaupt nicht das, was man von „Prominenten“ gemeinhin liest.

WS: Die Cover Ihrer Bücher sind stets äußerst schlicht, das Buch selbst jedoch zumeist in Leinen gebunden und mit einem Lesebändchen ausgestattet… Ein Marketing-Trick oder eine Gestaltung aus Überzeugung?

JS: Auf Marketing verstehen wir uns nicht so. Wir wollen Bücher gut verpacken, und wir wollen, dass Verbrecher-Bücher wiedererkennbar sind. Und das man sie gern anfasst. Unsere Gestaltung ist schlicht, aber nicht ohne Raffinement. Und ich hoffe, diese Gestaltung wird man eines Tages „klassisch“ nennen.

Logo_VerbrecherVerlag_SchriftzugSo weit Jörg Sundermeier. Bleibt nachzutragen, dass sein Verlag mit der beschriebenen Gestaltung durchaus auch an den Verleger Kurt Wolff anknüpft – auch dieser legte äußerst großen Wert auf eine hochwertige und schöne Ausstattung seiner Bücher.

Nachzutragen bleibt auch, dass der Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung 2014 an den Hamburger mairisch Verlag geht – und zwar dafür, dass dieser „mit großem Spürsinn junge deutsche Prosaautoren entdecke und in seinem klug komponierten Programm dem aktuellen Dialog zwischen Literatur, Musik, Graphic Novels und Hörspiel Rechnung trage.“

Auch zu dieser Auszeichnung gratulieren die „Wortspiele“ herzlichst!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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13 Antworten zu Ausgezeichnet! Verbrecher Verlag wird mit Kurt Wolff Preis 2014 geehrt!

  1. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Verwundert hat mich das auch – ich dachte nicht, dass z.B. Mühsam „salonfähig“ ist. Aber deswegen ist die Auszeichnung ja auch so überraschend positiv! Und zeugt von Mut der Jury, hier das Außergewöhnliche auszuzeichnen. Mich hat das sehr gefreut. Und danke für diesen tollen Blogbeitrag und das interessante Interview.

    • schifferw schreibt:

      Auch ich habe mich sehr gefreut über diese Entscheidung! Das Programm des Verlags, von dem ich ja nur einen kleinen Teil abbilden konnte, ist wirklich verdienstvoll gut! Und Dank fürs Lob zum Beitrag!

  2. Andrea schreibt:

    Ich schließe mich**saetzeundschaetze1**an…….DANKE dir für den schönen BEITRAG und sende dir liebe GRÜßE zu dir…..HERZlichst und einen schönen MITTWOCH gewünscht……..ANDREA))

  3. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  4. tobiaslindemann schreibt:

    Die Auszeichnung freut mich sehr. Ein hoch auf die Verbrecher!

  5. dasgrauesofa schreibt:

    Ein sehr schönes Interview, in dem ich nicht nur einen Verleger kennengelernt habe, der mit sehr viel Engagement für die Sache der Literatur agiert, sondern auch mit einer gehörigen Menge Humor. Schon das Verlagslogo ist super (ich habe ja beim ersten Lesen des Verlagsnamens an einen Krimiverlag gedacht :-)).
    Viele Grüße, Claudia

  6. schifferw schreibt:

    Liebe Claudia, hab Dank für Deinen Kommentar! Ich freue mich schon auf das Frühjahrsprogramm der „Verbrecher“! Gute Grüße, Wolfgang

  7. Matthias Wagner K schreibt:

    Lieber Wolfgang,

    das ist ja eine groartige Nachricht und ebenso Dein Interview mit Jrg. Knntest Du mir bitte seine E-Mail_Adresse geben, damit ich ihm persnlich gratulieren kann? E hatte mich zwar schon in Ffm besucht, aber nun merke ich, dass ich seine Daten nicht habe.

    Dank und herzlichste Gre,

    Matthias

    Matthias Wagner K Direktor

    Museum Angewandte Kunst Schaumainkai 17 60594 Frankfurt am Main

    T + 49 69 212 34037 M + 49 151 62829875 F + 49 69 212 30703

    matthias.wagner-k@stadt-frankfurt.de http://www.museumangewandtekunst.de

    Depotschau Essen und Trinken: Suppe ab 19. November 2013

    alex wollner brasil. design visual 19. September 2013 bis 2. Februar 2014

    Drauen im Dunkel. Weitermachen nach der Mode 13. Juni 2013 bis 5. Januar 2014

    Weniger, aber besser. Design in Frankfurt 1925 bis 1985: Das Frankfurter Zimmer 27. April 2013 bis 27. April 2014 1607. Aus den frhen Tagen der Globalisierung 27. April 2013 27. April 2014 Das pralle Leben. Ukiyoe aus den Sammlungen Johann Georg Geyger und Otto Riese 27. April 27. Oktober 2013

  8. schifferw schreibt:

    Lieber Matthias, hab Dank für Deine Aufmerksamkeit! Den Kontakt schicke ich Dir per Email!
    Gute Grüße, Wolfgang

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