Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

Kein Traumcafé, sondern ein Literaturhaus als realer Standort für Interessenten und Gönner des einst so berühmten „Prager Kreises“…

Schriftzug im Innenhof des Prager Literaturhauses in der Ječna Nr. 11 Foto © Wolfgang Schiffer

Schriftzug im Innenhof des Prager Literaturhauses in der Ječna Nr. 11 Foto © Wolfgang Schiffer

Nach so viel Island in den letzten Tagen, melden sich die „Wortspiele“ (immer noch aus Prag) heute nun wieder einmal mit einem (bereits angekündigten) Beitrag zu Prag.

Die obigen Worte zum Prager Literaturhaus, über das ich heute berichten will, sind von Lenka Reinerová. Dieser, zu ihren Lebzeiten letzten deutschschreibenden Prager Schriftstellerin und ehemaligen Journalistin, ist die Gründung dieses Hauses im Jahr 2004 maßgeblich zu verdanken.

Es begann in der MelantrichgasseLenka Reinerová starb 2008 – nach einem bewegten Leben, das von Nazi-Verfolgung und Exil ebenso bestimmt war wie später, nach ihrer Rückkehr nach Prag, durch die Repressalien des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei. Hinterlassen hat sie uns, neben ihrem erzählerischen Werk, das auf literarisch eindringliche Weise von den Erfahrungen ihres Lebens geprägt ist, auch mehrere Erinnerungsbücher – so ihr zuletzt erschienenes Bekenntnis Närrisches Prag und den 1985 publizierten Band Es begann in der Melantrichgasse. Hier, in der schmalen Straße in der Prager Innenstadt, hatte sie 1936 eine kleine Mansarde bezogen, ganz in der Nähe des Geburtshauses von Egon Erwin Kisch. Und ihn sollte sie bald ebenso kennenlernen wie viele weitere in Prag lebende Schriftsteller und Journalisten und vor allem deutsche Emigranten, die vor den Nationalsozialisten zunächst nach Prag (ab 1939, nach der Besetzung durch deutsche Truppen, waren sie auch hier der Verfolgung ausgesetzt) geflüchtet waren.

Es begann in der Melantrichgasse, 2006 vom Aufbau Verlag als Taschenbuch noch einmal aufgelegt, erzählt von all diesen Freundschaften und Begegnungen, von den Bedrohungen und Ängsten in dieser Zeit, und damit zugleich ein Stück deutsch-tschechischer Geschichte, ja, Weltgeschichte. Da ich es, nach mehreren Jahren, gerade ein weiteres Mal lese, sage ich erneut beeindruckt: eine wunderbare, erkenntnisstiftende Lektüre!

Der Eingang zum Prager Literaturhaus © Wolfgang Schiffer

Der Eingang zum Prager Literaturhaus © Wolfgang Schiffer

Aber ich stelle fest, dass ich ein wenig von meinem mir vorgenommenen Thema abkomme. Oder vielleicht auch nicht: denn Lenka Reinerová (der ich, da sie eine Freundin meines inzwischen ebenfalls gestorbenen Schwiegervaters war, einige Male auch persönlich begegnen durfte) erinnert uns insbesondere mit diesem Buch ebenfalls daran, dass das kulturelle Leben Prags und der böhmischen Länder über viele Jahrzehnte durch das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen, darunter zahlreichen Angehörigen jüdischen Glaubens, dem Prager Kreis eben, geprägt war. Die hier entstandene deutschsprachige Literatur – und dabei darf man wahrlich nicht nur an Franz Kafka denken – mit Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Werfel und manch anderen ist das Spektrum entschieden größer – ist dafür ein großartiger Beweis. Selbst Rainer Maria Rilke, für den das Prager Literaturhaus eine Gedenktafel initiiert hat, schrieb und veröffentlichte seine ersten Gedichte in seiner noch Prager Zeit.

Ein Beispiel hierfür, aus Wegwarten – Lieder, dem Volke geschenkt, dem 1. Band seines 1896 erscheinenden Periodikums, das er noch unter seinem Geburtsnamen René Maria Rilke im Eigenverlag herausgab, ist das folgende kleine Gedicht:

Mittag

Wie über dem blauenden Waldsee schwer
Hinlastet schwärmendes Schweigen.
Ein Raunen, ein heimliches, zittert noch her
Von blütenbezwungenen Zweigen.

Die schillernde, schnelle Libelle schwirrt
Hin über die Fläche, die blanke,
Da, rauschend im ragenden Röhricht irrt
Ein niegedachter Gedanke…

Dem aus dieser Zeit und den nachfolgenden Jahren mitgegebenem Kulturerbe ein lebendiges Gedächtnis zu verleihen und es zugleich mit der heutigen tschechischen Literatur, der jüngeren deutschsprachigen Literatur tschechischer Provenienz (man denke nur an Libuše Moniková, Jiři Gruša oder Jan Faktor) und den europäischen Kulturen zu vernetzen – das ist das Ziel, das sich das Prager Literaturhaus gesetzt hat.

Im Innern des Prager Literaturhauses © Wolfgang Schiffer

Im Innern des Prager Literaturhauses © Wolfgang Schiffer

Hierzu veranstaltet es in seinen Räumen regelmäßige Diskussionsabende zur Wahrnehmung und Wiederbelebung dieses großen Erbes, es lädt zeitgenössische, auch internationale Autorinnen und Autoren zu Lesungen ein, vergibt Stipendien an einheimische und, ergänzt um einen Residenz-Aufenthalt, an Schriftsteller aus dem Ausland und fördert so den geistigen Austausch zwischen den Literaten verschiedener Sprachen auch über Grenzen hinweg.

Der derzeitige Stipendiat kommt übrigens aus Deutschland. Es ist Christian Schulteisz, angereist unmittelbar nach seiner Teilnahme als Finalist am diesjährigen Open Mike-Wettbewerb in Berlin.

Getragen wird das Stipendienprogramm, das bewusst an die frühere Tradition des künstlerischen Dialogs zwischen den Kulturen anknüpft, dabei neben dem Prager Literaturhaus selbst von verschiedenen Partnern, so von der Robert Bosch Stiftung, dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der Hauptstadt Prag, dem Tschechischen Kulturministerium und den Literaturhäusern Hamburg und Bremen.

Mit etwa 1000 Bänden an Primär- und Sekundärliteratur zum Thema der deutschsprachigen Literatur aus Böhmen und Mähren verfügt das Prager Literaturhaus zudem über die in Tschechien größte öffentlich zugängliche Bibliothek dieser Art.

Eine großartige Institution, deren Besuch jedem Prag-Reisenden zu empfehlen ist!

Die Straßenansicht des Prager Literaturhauses © Wolfgang Schiffer

Die Straßenansicht des Prager Literaturhauses © Wolfgang Schiffer

Einziges Manko: als ich mich vom Karlovo náměsti, dem Karlsplatz, in östlicher Richtung zu ihrem Standort in die Ječna Straße Nr. 11 begab, hätte ich sie beinahe übersehen. Wäre die Hausfront nicht in Augenhöhe mit einem schmalen Schaukasten, der auch ein Porträt Lenka Reinerovás zeigt, bestückt gewesen, ich wäre womöglich vorbeigegangen. So jedoch fand ich sie, durchquerte den hinter dem Eingangsportal gelegenen Innenhof und stand vor einem weiteren Werk, das uns die Porträtierte hinterlassen hat: dem Prager Literaturhaus.

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren

  1. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Danke für diesen informativen, umfangreichen Beitrag – hat mir sehr gut gefallen!

  2. schifferw schreibt:

    Und ich danke für die freundliche Einschätzung des Beitrags! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  3. Regina Wyrwoll schreibt:

    hallo nach prag! eine kleine ergänzung zu christian schulteisz: er ist auch der diesjährige förderpreisträger des kulturpreises des main-kinzig-kreises, ein hochangesehener spartenübergreifender preis, der schon seit 1977 verliehen wird, zu finden – wie 4.500 andere deutsche kulturpreise – auf http://www.kulturpreise.de. das fand ich als beschreibung: Der Nachwuchsförderpreis geht in diesem Jahr an einen jungen Literaten. Der in Gelnhausen geborene und aufgewachsene Christian Schulteisz hat an der Universität Leipzig ein künstlerisches Studium für literarische Talente absolviert und ist heute Autor von Erzählungen und Hörspielen. In seinen Texten setzt er sich direkt wie auch indirekt mit seiner hessischen Heimat auseinander, etwa in der Erzählung „Wense“, für die er 2012 den 2. Nordhessischen Autorenpreis erhielt. Durch den Förderpreis des Main-Kinzig-Kreises soll besonders Schulteisz’ bevorstehendes Roman-Debüt unterstützt werden.“ ob er den roman wohl nun in prag vollendet? viele grüße regina wyrwoll

    Regina Wyrwoll ARCultMedia GmbH Director Arts Projects / International Relations Sürther Hauptstr. 76 D-50999 Köln Tel/Fax: +49-(0)2236-5097972 mobil: +49-(0)177-7411946 http://www.arcultmedia.de http://www.kulturpreise.de

    • schifferw schreibt:

      Liebe Regina, hab herzlichen Dank für diese weitere Information zum derzeitigen Aufenthaltsstipendiaten! Und auch für Deinen Hinweis auf die Internetseite „Kulturpreise“. Das wird viele Leserinnen und Leser sicherlich interessieren! Gute Grüße, Wolfgang

  4. Cindy schreibt:

    Danke! Nun steht steht wieder ein neuer Name auf meiner Leseliste (Libuše Moniková) und – obwohl ich grad erst von Prag zurückgekommen bin – schon wieder Pragsehnsucht im Raum. Toller Artikel.

  5. schifferw schreibt:

    Danke! Ich bin sicher, diese Autorin wird nicht enttäuschen! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  6. Pingback: Jürgen von der Wense – Ein Universalgelehrter als Dauerekstatiker | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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