Proteste in Island

Sie nehmen den kulturellen Kahlschlag nicht hin…

Hört, hört! - Wandmalerei in Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Hört, hört! – Wandmalerei in Reykjavík © Wolfgang Schiffer

Der Widerstand der etwa 320.000 zählenden Isländer gegen die, wie berichtet, drastischen Personal- und Etatkürzungen bei ihrem Staatlichen Rundfunk (RÚV) von Seiten der relativ neu gewählten konservativen Regierung, in deren Folge viele Isländer um den Fortbestand der für den Erhalt und die Vermittlung ihrer Kultur so wichtigen Sendungen in Fernsehen und Radio fürchten müssen, nimmt zu.

Mehr als 1200 Menschen versammelten sich bereits am 4. Dezember unter dem Motto Okkar Ríkisútvarp / Unser Staatsrundfunk im Kinosaal der Universität Islands zu einer Protestveranstaltung; sie verlangten nach Erklärungen für diesen quasi-Angriff auf die staatlich garantierte Rundfunkfreiheit und forderten die Rücknahme der Beschlüsse. An der Versammlung nahmen getreue Hörerinnen und Hörer der Programme ebenso teil wie zahlreiche darstellende und bildende Künstler, Musiker, Literaten, oppositionelle Politiker sowie Radio- und Fernsehmitarbeiter.

Der Protest formuliert sich ebenfalls in zahlreichen Schreiben aus dem In- und Ausland an den Isländischen Rundfunk und an die Regierung, in Blogs und in sozialen Netzwerken.

Dem Vernehmen nach hat auch die Europäische Rundfunkunion, die Organisation, in der alle europäischen Rundfunkanstalten zusammengeschlossen sind und sich u. a. der Realisation von Gemeinschaftsaufgaben widmen, eine Protestnote nach Island geschickt.

Dem Blog von Ulla Keienburg verdanke ich den Hinweis darauf, dass sich gestern auch mehrere Chöre des Landes zu einer Protestaktion zusammengefunden haben. In der Kringlan, einem belebten Einkaufszentrum Reykjavíks, formulierten sie ihren Widerstand durch das gemeinsame Absingen des Liedes Heyr hímnasmiður / Höre, Schmied des Himmels nach einem Text des mittelalterlichen Dichters Kolbeinn Tumason (1173 – 1208), in dem dieser vom Schöpfer Hilfe für die Dichter und gute Beweggründe für alle Menschen erbittet.

Auch das Sinfonieorchester Islands protestierte mit einem Vortrag von Händels Messias.

Drücken wir den Isländern die Daumen, dass ihr beliebtestes öffentliches Medium, das infolge der Finanzkrise bereits in 2008 und 2010 große Einschnitte hinnehmen musste, jetzt aus eher politischen Gründen nicht zur völligen Bedeutungslosigkeit degradiert wird!

Mehr zu der Versammlung am 4. Dezember und zu den Protestaktionen findet sich für isländische Leser im folgenden Blog: http://okkarruv.blogspot.de/

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Proteste in Island

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Pingback: Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. Pingback: Hoffnung im Kampf um den Isländischen Rundfunk | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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