Kultureller Kahlschlag

Drastische Kürzungen beim Staatlichen Rundfunk Islands…

Düsternis über Island? © Wolfgang Schiffer

Düsternis über Island? © Wolfgang Schiffer

Gerade noch habe ich einmal mehr einen positiven Beitrag über Island und seine Literatur als Leitmedium der dortigen Kultur veröffentlicht – doch nun habe ich nichts Gutes zu berichten. Im Gegenteil: die Nachrichten, die mich von meinen Kolleginnen und Kollegen auf der Insel, von Freunden und Bekannten, erreichen, machen mich traurig und bestürzt.

Der Grund hierfür ist der nachfolgenden, an uns alle appellierenden Protestnote zu entnehmen, die zahlreiche namhafte Schriftstellerinnen und Schriftsteller Islands unterzeichnet haben, darunter auch hierzulande durchaus bekannte Autoren wie Hallgrímur Helgason, Krístin Steinsdóttir, Auður Jónsdóttir oder Einar Kárason.

Vor Kurzem hat die neue isländische Regierung starke finanzielle Einschnitte im Haushalt des Staatlichen Rundfunks (RÚV) beschlossen. Dies hat zur Entlassung von ca. 60 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen (20 % aller Angestellten) geführt und damit auch zur Einstellung vieler Sendungen, besonders in den Bereichen Kunst und Kultur. Eines der Flaggschiffe der isländischen Kultur überhaupt, der Radiosender Kanal 1 (RÁS 1), mit seinen tief greifenden kulturellen Analysen und Dokumentationen einer blühenden Kunst- und Literaturszene in Island, liegt nahezu in Trümmern. Dies ist ein schwerwiegender Angriff auf die isländische Kultur.

Unsere Meinungsfreiheit ist bedroht, unsere schon jetzt gefährdete Sprache ist bedroht, unsere Kunstszene ist bedroht. Wir appellieren daher an unsere Kollegen und Kolleginnen im Ausland, uns ihre Solidarität auszusprechen, lauthals gegen diesen von innen kommenden Angriff auf die isländische Kultur zu protestieren.

Aus voller Überzeugung (ich verweise hier nur ungern auf die Mediensituation in Ungarn…) bin ich diesem Appell sofort nachgekommen und habe folgendes Schreiben an die Verantwortlichen geschickt:

Ich bin ein deutscher Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer – und viele Ihrer Landsleute nennen mich einen „Freund Islands“.
Mit Stolz trage ich das Kreuz Ihres Falkenordens, der mir für meine Verdienste um die Vermittlung der isländischen Kultur und Literatur verliehen wurde.
Soeben ist meine mit Franz Gíslason und anderen erstellte Übersetzung einer Auswahl von Gedichten Stefán Hördur Grímssons („Geahnter Flügelschlag“) in einer erweiterten bibliophilen Auflage erschienen; im nächsten Jahr erscheint Jón úr Vörs „Das Dorf“, das ich zusammen mit Sigrún Valbergsdóttir übersetzt habe.
In meinem Blog „Wortspiele“ werde ich nicht müde, immer wieder isländische Literatur an unser deutsches Publikum zu vermitteln und so auch die überaus positive Erinnerung an den Auftritt „Sagenhaftes Island“ als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse 2011 wach zu halten.

Mit Bedauern lese ich nun in der isländischen Presse und höre von meinen Kolleginnen und Kollegen in Island, dass der Staatliche Rundfunk von Massenentlassungen und enormen Haushaltskürzungen betroffen ist. In allen Demokratien, in denen der Staat Medienanstalten unterhält, spielen diese eine entscheidende Rolle als Plattform für eine lebendige Kulturdebatte und eine unparteiische, fundierte Berichterstattung. Seit mehr als 80 Jahren setzt sich der Staatliche Rundfunk RÚV für den Erhalt der isländischen Sprache, für die Erinnerung an Geschichte und kulturelles Erbe der Isländer ein. In all diesen Jahren hat man größten Wert darauf gelegt, dass jeder Isländer, wo auch immer er auf der Insel lebt, Zugang zu einer hochwertigen Debatte über Wissenschaft und Kunst, vertrauenswürdigen Nachrichtensendungen und anspruchsvoller Unterhaltung hat. Mit großem Ehrgeiz hat der Staatliche Rundfunk für ein Angebot an vielfältiger Allgemeinbildung mit Fokus auf Themen gesorgt, die für die Menschen im Lande von Bedeutung sind, und dabei das Ziel verfolgt, eine unparteiische Berichterstattung zu gesellschaftlichen Themen im In- und Ausland sicherzustellen. All dies geschah mit großem Engagement für die Grundlagen von Demokratie und Menschenrechten und nicht zuletzt für eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Mit ihren unnachgiebigen Maßnahmen haben die Machthabenden des isländischen Staates und die Leitung des Staatlichen Rundfunks nun die isländische Kulturdebatte, die ein empfindliches Kulturerbe und eine ebenso empfindliche Sprache zu schützen hat, in ihren Grundfesten erschüttert. Die massiven und rücksichtslosen Einschnitte, wie sie dem Staatlichen Rundfunk in diesen Tagen beigebracht wurden, gefährden die Meinungsfreiheit und damit die gesamte demokratische Debatte. Und neben der Meinungsfreiheit ist auch die schon jetzt gefährdete isländische Sprache, ist die isländische Kunst- und Literaturszene bedroht.
Ich schließe mich dem Protest meiner isländischen Kolleginnen und Kollegen sowie weiter Teile der isländischen Öffentlichkeit an und verurteile diesen unzumutbaren Angriff auf die gesamte isländische Kultur. Ich verurteile diese inakzeptable Offensive gegen die bedeutendste Medieninstitution der Isländer, die Staatliche Rundfunk- und Fernsehanstalt, und fordere entschieden die Rücknahme der getroffenen Maßnahmen.


Solltet Ihr, sollten Sie sich einem Protest anschließen wollen, so kontaktieren Sie mich bitte. Ich nenne Ihnen gerne die Koordinaten der in dieses Debakel involvierten Entscheider.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Kultureller Kahlschlag

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