Jaroslav Seifert – Ein Dichter einst im Gericht?

Überraschende Textfunde zum bislang einzigen tschechischen Literaturnobelpreis-Träger

Wolken über Prag © Wolfgang Schiffer

Wolken über Prag © Wolfgang Schiffer

Es scheint mir besser, ein schlechter und hungriger Dichter zu sein, als ein berühmter, vollgefressener Journalist!

Diese Aussage stammt, der Überlieferung nach, von Jaroslav Seifert im Alter von 27 Jahren.
Nun, „vollgefressen“ wird er nie gewesen sein, und ein guter Dichter war er schon immer, von seinem Erstlingswerk an, Mĕsto v slzách / Stadt in Tränen, das der 1901 in Prag geborene Schriftsteller bereits mit zwanzig Jahren veröffentlichte, bis hin zu seinen letzten Gedichtbänden, die nur noch im Samisdat erscheinen konnten, weil Jaroslav Seifert als einer der ersten die Charta 77 gegen die Menschenrechtsverletzungen in der Tschechoslowakei unterschrieben hatte. 1984, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde er für sein dichterisches Werk mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Nun will es der Zufall, dass just heute, während meines derzeitigen Prag-Aufenthalts, die Zeitung „Lidové Noviny“ mit einer Überraschung aufwartet, welche das auch als Absage an ein eigenes journalistisch-publizistisches Arbeiten miss zu verstehende Eingangszitat (als Redakteur hat Seifert durchaus für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet) ein wenig zurechtzurücken scheint.

Lidové 1 20131129_191114„Entdeckung von LN: Unbekannte Texte des Dichters Seifert“ heißt es da auf der Titelseite, gefolgt von einem umfangreichen Beitrag auf der Seite 12: „Der Dichter, der keinen Geschmack an Gerichtsreportagen findet“.

Lidové 3 20131129_191207Was verbirgt sich dahinter? Im Nachlass eines ehemaligen Redakteurs der Zeitung „Lidové Noviny“ sind 23 unbekannte kurze Gerichtsreportagen des Autors gefunden worden – ein Novum für die Literaturwissenschaft. Drei davon konnten sogar durch handschriftliche Fassungen belegt werden, ein nicht unwichtiges Indiz für die Autorenschaft, denn gezeichnet hatte der Dichter seine Artikel, die überwiegend Bagatell-Fälle abbilden, mit dem unbekannten Kürzel „jt“.

Erschienen sind die 23 „Soudničky / Gerichtsspalten“ im Oktober und November 1929 und damit zu einem Zeitpunkt, als Jaroslav Seifert bereits redaktioneller Mitarbeiter der sozialdemokratischen Zeitung „Právo lidu“ war. War dies womöglich ein Grund für ein Kürzel, das nicht sofort auf ihn als Autor schließen ließ?

Wie auch immer: unberührt von all solchen Spekulationen sind seine Verdienste um die Dichtung! Wie ärmlich die tschechoslowakische Obrigkeit seinerzeit auf die hierfür gezollte Nobelpreis-Ehrung reagierte und welche Mühen das deutsche Feuilleton nach der Bekanntgabe mit dem ihm mehr oder weniger unbekannten Dichter hatte, beschreibt Ota Filp in einem ZEIT-Artikel vom 19. Oktober 1984. Bedauerlicher Weise scheint man Jaroslav Seifert in Deutschland danach schnell auch wieder vergessen zu haben: Während der Akropolis Verlag in Prag den 100. Geburtstag des Dichters zum Anlass einer wissenschaftlich edierten Gesamtausgabe nahm, sind selbst die ehemaligen Bruchstücke des Werks von Jaroslav Seifert in deutscher Übersetzung allenfalls noch gebraucht zu erwerben. Und die Übersetzungen der zuletzt in Köln lebenden, inzwischen gestorbenen Lyrikerin Olly Kommenda-Soentgerath, die ich (weshalb ich auch hier keines zitieren kann…) in meinem heimischen Bücher-„Giftschrank“ hüte, wohl nicht einmal mehr dies…

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Jaroslav Seifert – Ein Dichter einst im Gericht?

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Die Prager Exkursionen meines Wortspielradio-Mitstreiters Wolfgang Schiffer.

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