Übersetz mir den Rosenduft…

Eine Begegnung in Gedichten

Der Jindřišská Turm am Ende der gleichnamigen Straße © Wolfgang Schiffer

Der Jindřišská Turm am Ende der gleichnamigen Straße © Wolfgang Schiffer

Mein gestriger kurzer Rundgang durch Prag, ein wenig auf den Spuren von Franz Kafka, hat mich eine schöne Entdeckung machen lassen. Der Franz Kafka Verlag, der zusammen mit der Franz Kafka Gesellschaft und der nach dem Schriftsteller benannten Buchhandlung in der Široka Straße Nr. 14 das Franz Kafka Zentrum bildet, hat im letzten Jahr den Briefwechsel in Gedichten mit Erika Mitterer neu herausgegeben. Dieses Kleinod der Dichtkunst Rainer Maria Rilkes wie der österreichischen Schriftstellerin gleichermaßen erschien aus dem Nachlass Rilkes 1950 im Insel Verlag. Heute findet man es dort im 2. Band der Sämtlichen Werke, als Einzelausgabe ist es jedoch wohl nur noch antiquarisch zu erhalten.

Přelož prosím vůni růžíDie Ausgabe des Franz Kafka Verlags ist durchgehend zweisprachig, unter dem Titel Übersetz mir den Rosenduft / Přelož prosím vůni růží enthält sie das deutsche Original und Dank des Übersetzers Miloš Kučera auch eine tschechische Version. Auf diese Weise macht sie das tschechische Lesepublikum erstmals in seiner eigenen Sprache mit dem Werk bekannt. Die liebevoll gemachte, mit Photographien und Faksimiles von Handschriften versehene Edition erhält zudem ein sehr informatives Nachwort der Herausgeberin Viera Glosíková, das die Entwicklung der Beziehung zwischen der bei ihrem ersten Briefgedicht 18jährigen angehenden Schriftstellerin Erika Mitterer und dem berühmten Poeten Rainer Maria Rilke nachvollzieht. Zahlreiche Anmerkungen lassen einen auch Zitate aus und Bezüge zu anderen Gedichten im Werk dieses großen Dichters erkennen. So sogleich zu Anfang von Erika Mitterers ersten Zusendung vom Mai 1924, dem u. a. ein Zitat aus dem Buch Sonette an Orpheus voransteht.

Erster Brief

„Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert“

Siehe, das Buch schlägt sich auf! O Du großer Erlöser,
durchs Leben Erlöster, Dir kann nichts geschehn!
Hinter Dir schlossen sich dunkelnde Klöster,
stießen hinaus Dich in blühnde Alleen.

Haben wir Maße für unsere Freude?
– Alles, was froh ist, ist ganz. Doch es wird,
wie ein in sich schon bewegtes Getreide,
weht es im Winde, herrlich beirrt

durch immer wachsender Lüfte Bewegung.
Dankbar gibt es den Winden sich hin.
Dank Dir, danke, für jegliche Regung
meines Gemütes, das ahnet: Ich bin.

Rainer Maria Rilke antwortet hierauf am 3. Juni 1924, vom Château de Muzot in der Schweiz, wo er seit 1921 bis zu seinem Tod am 29. Dezember 1926 die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

Erste Antwort

„Alles, was froh ist, ist ganz“

Daß Du bist, genügt. Ob ich nun wäre,
laß es zwischen uns in Schwebe sein.
Wirklichkeit ist wahr in ihrer Sphäre;
schließlich schließt das ganz Imaginäre
alle Stufen der Verwandlung ein.

Wär ich auch der angetanste Tote,
da Du mich erkanntest, war ich da;
folgend Deinem innern Aufgebote,
nahm ich leise teil an Deinem Brote:
Du ernährtest mich, und ich geschah…

Soll mich nun dafür der Zweifel ätzen,
ob Du wirklich bist, die zu mir spricht?
Ach, wie wir das Unbekannte schätzen:
nur zu rasch, aus Gleich- und Gegensätzen,
bildet sich ein liebes Angesicht!

Gedenktafel für R.M.R. © Wolfgang Schiffer

Gedenktafel für R.M.R. © Wolfgang Schiffer

Natürlich habe ich nach meinem Fund auch nach Rainer Maria Rilkes Geburtshaus in der Jindřišská Straße gesucht: es existiert nicht mehr in der ursprünglichen Form, ein späteres Bauwerk hat es ersetzt. An diesem gibt es auch keine Hinweistafel, dass der große Dichter hier das Licht der Welt erblickte. Allein an der ehemaligen Piaristen Schule in der benachbarten Straße Na Příkopĕ, einer der heutigen Flaniermeilen Prags, ist seit Neuestem eine Wandtafel angebracht, die bekannt macht, dass Rainer Maria Rilke am 4. Dezember 1875 in Prag geboren wurde und diese Schule von 1882 bis 1886 besucht hat. Von einer kürzeren Unterbrechung abgesehen, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Prag bis ins Jahr 1896. Die erwähnte Wandtafel wurde auf Initiative des Prager Literaturhauses, über das ich hoffentlich bald ebenfalls werde berichten können, angebracht.

Rainer Maria Rilkes Geburtshaus-Ersatz © Wolfgang Schiffer

Rainer Maria Rilkes Geburtshaus-Ersatz © Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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6 Antworten zu Übersetz mir den Rosenduft…

  1. Pingback: Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  2. Pingback: Die Franz Kafka Gesellschaft in Prag | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  3. norberto42 schreibt:

    Wenn man sieht, was es um 1900 an deutscher Kultur in Prag (allgemein: in Osteuropa) gab, kann man nur entsetzt bedauern, dass wir dies alles durch unsere beiden unseligen Weltkriege und den grundlegenden Nationalismus zerstört, „verspielt“ haben.

    • schifferw schreibt:

      Dank für den Kommentar, dem ich nur zustimmen kann! Und – mir scheint, zumindest im heutigen Tschechien ist man mehr engagiert, dieses Erbe wieder bewusst zu machen, als hierzulande… Z. B. über die Aktivitäten des Prager Literaturhauses für deutschsprachige Autoren, die Franz Kafka Gesellschaft und, und… Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  4. Pingback: Vom Rand der Welt – Frá hjara veraldar | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  5. Pingback: Siehe, ich lebe. Woraus? | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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