Im Gedenken an Peter Kurzeck

Ein großer Erzähler, in Schrift und Ton, ist verstummt…

Wie der Stroemfeld Verlag mitteilte, ist der Schriftsteller Peter Kurzeck am Montag, dem 25. November 2013, den Folgen mehrerer Schlaganfälle erlegen.

Peter Kurzeck liest in Staufenberg © Wolfgang Schiffer

Peter Kurzeck liest in Staufenberg © Wolfgang Schiffer

Geboren am 10. Juni 1943 im böhmischen Tachau, verbrachte er seine Kindheit nach der Vertreibung in Staufenberg – noch am 22. Juni dieses Jahres feierte das oberhessische Städtchen, dem der Autor in mehreren Veröffentlichungen ein literarisches Denkmal gesetzt hat, seinen siebzigsten Geburtstag mit einem großen Festakt. Ich hatte damals das Vergnügen und die Ehre, als befreundeter Kollege an den Feierlichkeiten teilnehmen zu können. Über seinen literarischen Spaziergang und seine abendliche Lesung habe ich in meinem Beitrag „Ich bin zuständig für die Welt…“ berichtet.

1977 erfolgte Peter Kurzecks Umzug nach Frankfurt am Main. Hier erschien 1979 im Stroemfeld/Roter Stern-Verlag sein erster Roman: Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst. Es folgten 1982 der Frankfurt-Roman Das schwarze Buch, 1987 die erste Fassung des vielbeachteten Dorfromans Kein Frühling, 1990 der Roman Keiner stirbt.

Seit 1992 arbeitete Peter Kurzeck an seinem großen autobiographischen Romanprojekt Das alte Jahrhundert. Fünf des auf zwölf Bände angelegten Projekts sind bislang erschienen, zuletzt 2011 der Roman Vorabend, der u. a. für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Der Autor hatte das 1000seitige Werk im Frankfurter Literaturhaus öffentlich diktiert.

Ein Sommer, der bleibtBekannt wurde Peter Kurzeck auch durch seine mündliche Form des Erzählens: frei gesprochen, schriftlich nicht fixiert. In dieser Weise beschwor er in der im Supposé Verlag erschienenen Erzähl-CD-Box Ein Sommer, der bleibt komplementär zu seinem Jahrhundert-Projekt einmal mehr das Dorf seiner Kindheit.

Peter Kurzecks literarisches Werk wurde mit vielen Preisen und Auszeichnungen geehrt, u. a. mit dem Alfred-Döblin-Preis (1991), der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, Weimar (1995), dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1999), dem Hans-Erich-Nossack-Preis (2000), dem Preis der Literaturhäuser (2004) und dem Grimmelshausen-Literaturpreis (2011). Auszeichnungen erhielt er ebenfalls für seine Hörwerk: Ein Sommer, der bleibt wurde 2008 von der Jury der hr2 Hörbuchbestenliste zum „Hörbuch des Jahres“ gewählt – und auf seinem Geburtstagsfest in Staufenberg wurde ihm der „Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik“ verliehen.

Die Begründung, die ich damals verlesen durfte, scheint mir auch heute noch geeignet, über sein akustisches Schaffen hinaus ebenfalls sein umfangreiches Schriftwerk ein wenig zu charakterisieren.

Ob er „Vorabend“, den 1000-seitigen fünften Band seines großen, auf zwölf Bände angelegten autobiographisch-poetischen Zyklus „Das alte Jahrhundert“, vor Publikum ins Mikrophon diktiert oder zuvor „Ein Sommer, der bleibt“, die Erinnerung an seine Kindheit in Staufenberg, oder zuletzt „Unerwartet Marseille“, sie alle sind allein aus einem beschwörenden Gedächtnis frei gesprochene Meisterwerke, in denen Peter Kurzeck die stets oszillierenden Grenzen von Autobiographie und literarisierender Fiktion zu einem poetischen Kosmos verdichtet, einem Kosmos von größter Wahrhaftigkeit. „Die Zeit erzählen“ nennt der Autor sein literarisches Ziel und tatsächlich, es gelingt ihm; in der Gleichzeitigkeit unzähliger Alltagsdetails und historischer Ereignisse und mit einer Stimme, die wie im Erstaunen über die eigene Erinnerungsleistung musikalisch schwingt, hält er diese für den Zuhörer bisweilen sogar an. Dabei entsteht die Literatur aus der Stimme selbst, und der Zuhörer wird Zeuge dieses Entstehungsprozesses. In derlei mündlichem Erzählen wird das Genre „Hörbuch“ zum Ereignis.

Im einem der nachfolgenden Gespräche befragt, für was er sich als Schriftsteller zuständig fühle, griff Peter Kurzeck einen bereits häufiger angerissenen Gedanken vom Verlust der Dinge noch einmal auf: er fühle sich zuständig, so ließ er wissen, für das, was es nicht mehr gebe, für das, was verloren gehe, kurzum, für die Welt. Und in Anlehnung an das Zitat von Gustav Mahler, dass Tradition nicht die Anbetung der Asche sei, sondern die Weitergabe des Feuers, konstatierte er, er gebe das Leben weiter, die Schönheit.

Lasst uns ihn so – als einen, der das Leben und die Schönheit weitergab – in Erinnerung halten!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Im Gedenken an Peter Kurzeck

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Ich bin sehr traurig. Auch wenn seine Bücher bleiben und die Erinnerung an Lesungen, bei denen ich ihn erleben durfte.

    • schifferw schreibt:

      Ja – das Werk bleibt, wenn auch unvollendet… Aber ihn werden wir auf seine stille Art nie mehr lachen und singen hören! Das schmerzt!

  2. tobiaslindemann schreibt:

    Eine sehr traurige Nachricht, die ich hier bei Dir lese. Ich habe ihn als mündlichen Erzähler sehr gemocht, seine Hörbücher sind wunderbar!

    • schifferw schreibt:

      Dem kann ich nur zustimmen! Bei ZEIT online gibt es aktuell einen guten Nachruf von Christoph Schröder! Da wird auch manche Erinnerung an ihn als Mensch wieder wach…

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