Ein Schmetterling im November

Der zweite Roman der Isländerin Auður Ava Ólafsdóttir in deutscher Übersetzung

Island - Zwischen Bergen und Meer © Wolfgang Schiffer

Island – Zwischen Bergen und Meer © Wolfgang Schiffer

Es ist ein rasanter Anfang: die Protagonistin des Romans, eine junge, verheiratete Frau von dreiunddreißig Jahren, aus Überzeugung kinderlos und dank ihrer vielen Fremdsprachenkenntnisse erfolgreich als Lektorin und Übersetzerin tätig, überfährt auf dem Weg zu ihrem Liebhaber eine Gans. Kurzentschlossen packt sie den Vogel in den Kofferraum ihres Wagens. Entschlossen ist sie auch, sich von ihrem Liebhaber zu trennen, doch der kommt ihr zuvor – er hält ihre anhaltende Treue zum Ehemann nicht länger aus. Und dieser beschert ihr, kaum wieder zuhause angekommen, die nächste Überraschung: Er wird sich von ihr scheiden lassen, denn er wird Vater – seine Kollegin Nína erwartet ein Kind von ihm!

Hat man diese Exposition – als Leserin und Leser literarisch bestens amüsiert – zu Recht bewundert, fragt man sich natürlich, auf welch skurrile Fährten einen der Roman denn jetzt noch setzen könnte.

Die Frage drängt sich umso mehr auf, als die junge Frau zwischen Liebhaber und Ehemann (in Vertretung ihrer höchst sensiblen Freundin Auður, Mutter des gehörlosen und stark sehbehinderten vierjährigen Tumi sowie schwanger mit Zwillingsmädchen) auch noch eine Wahrsagerin aufsucht, die ihr einen baldigen Gewinn in der Lotterie vorhersagt. Und nicht nur das: Sie wird, so ihre nächste Prophezeiung, sobald zwei weitere Tiere gestorben sind, den Mann ihres Lebens treffen!

Die erste Prophezeiung ist bald Realität: sie gewinnt eine Sommerhütte, voll ausgestattet und zu erbauen an jedem von ihr gewünschten Ort – und einen Haufen isländischer Kronen obendrein.

SchmetterlingeSie beschließt eine Reise zu machen, sich einen Sommerurlaub zu gönnen im November, und zwar in das Dorf ihrer Kindheit, irgendwo am Meer im Osten Islands – dorthin, wo sie viel Zeit mit ihrer Großmutter verbracht hat und wo sie nun die Hütte errichten lässt.
Aber sie reist nicht allein. Auður muss für längere Zeit ins Krankenhaus, es gibt Probleme mit ihrer Schwangerschaft, und sie bittet sie, sich des kleinen Tumi anzunehmen. Und da sie einander beste Freundinnen sind, nimmt unsere Protagonistin die Verantwortung auf sich. Sie, die sich ein Leben mit Kind niemals vorstellen konnte, stellt sich der Mutterrolle, die ein gehörloses, sehbehindertes Kind jetzt von ihr erfordert.

Was nun folgt, die wachsende Freundschaft zwischen den beiden Reisenden, die vielen alltäglichen, seltsamen Begegnungen und Situationen, denen sie sich zu stellen haben, das geradezu männliche Aufblühen des Jungen und das sich aus den Männerfesseln befreiende Selbstbewusstsein einer Frau, die sich und ihre Umgebung, ja ihr Land, ganz neu erfährt – all dies steht der inhaltlich wie sprachlich fulminanten Exposition in nichts nach.

Äußerlich (wenn man u. a. von einem schlamm-verschütteten Dorf und einem gestrandeten Wal einmal absieht…) passiert nicht viel auf dieser Reise durch ein überschwemmtes, nebeliges, dunkles Island und in die sich allmählich klärenden Innenwelten – doch die Fülle der bildkräftigen Details kommt mit schöner Präzision und derart unerwarteter Leichtigkeit daher, dass man sich jederzeit mitgenommen fühlt auf diesem Parcours der kleinen Abenteuer und feinst ausgeloteten Gefühlswelten.

Was aber ist mit der zweite Prophezeiung?

Fasst man meine Erlebnisse auf dieser Reise bis jetzt zusammen, habe ich inzwischen den Tod von vier Tieren verursacht, fünf, wenn man die Stadtgans mitzählt, schadlos vierzig einspurige Brücken und acht nicht ungefährliche Erdrutsche passiert und auf einer Strecke von wenig mehr als dreihundert Kilometern, meist nicht asphaltiert, eigentlich eingeschlossen zwischen Bergen und Meer, mit drei Männern nähere Bekanntschaft gemacht. Auch wenn die ersten einhundert Kilometer in dieser Hinsicht eher arm an Ereignissen waren, so ergibt das die gleiche Summe, auf die ich, zusammengerechnet, in den letzten zehn Jahren komme…

Ob einer von den Dreien zum Mann ihres Lebens wird? Lesen Sie selber! Es ist ein ebenso tiefes wie komödiantisch heiteres Buch! Auf den letzten Seiten wartet es sogar noch einmal mehr mit einer Überraschung auf. Dort finden sich Rezepte aller Speisen und Getränke, die im Verlaufe des Romans genossen wurden: vom Selbstgebrannten bis (man erinnere sich) zu der überfahrenen Gans, die dem sich trennenden Paar zum Abschiedsessen wurde.

Erschienen ist „Ein Schmetterling im November“ in der Übersetzung von Sabine Leskopf, bei der man dieselbe Sprachlust und –genauigkeit wie bei der Originalautorin Auður Ava Ólafsdóttir spürt, kürzlich als Hardcover im Insel Verlag. Als Taschenbuch ist dort ebenfalls der zuvor ins Deutsche übersetzte Roman der inzwischen auch im Ausland, insbesondere in Frankreich, äußert erfolgreichen isländischen Schriftstellerin zu erhalten: „Weiß ich, ob es Liebe ist?“

Zum Schluss noch eine Notiz in eigener Blog-Sache.

Ich werde mich bis Ende des Jahres im Ausland aufhalten und kenne dort, offen gesagt, meine Netz-Möglichkeiten noch nicht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich eine blog-freie Zeit werde einlegen müssen! Bitte, bleibt / bleiben Sie den „Wortspielen“ gewogen!

Und: Allen, mit herzlichem Dank für die bisherige „Gefolgschaft“, ein schönes Rest-Jahr und einen guten Rutsch!
Euer / Ihr Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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11 Antworten zu Ein Schmetterling im November

  1. Pagophila schreibt:

    Sehr anheimelnd. Sowohl Rezension als auch Titel des Buches. Die guten Wünsche gebe ich gerne zurück, und reisen Sie wohl! Ich freue mich schon auf ein Wiederlesen.

  2. Regina Wyrwoll schreibt:

    lieber wolfgang, das ist ein tolle kritik, sehr animierend. wo fährst du hin? nach tschechien oder in die südsee? ich war ein paar tage im krankenhaus, um mir meine rechte hand richten zu lassen, ging gott sei dank gut.. alles liebe regina

    Regina Wyrwoll ARCultMedia GmbH Director Arts Projects / International Relations Sürther Hauptstr. 76 D-50999 Köln Tel/Fax: +49-(0)2236-5097972 mobil: +49-(0)177-7411946 http://www.arcultmedia.de http://www.kulturpreise.de

    • schifferw schreibt:

      Liebe Regina, Tschechien ist das Reiseziel! Ich freue mich, dass Du wieder gut zuhause angekommen bist! Gute Grüße, Wolfgang

  3. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Von meinem kongenialen Wortspiel-Radio-Kollegen und Freund Wolfgang Schiffer.

  4. Sigrún Valbergsdóttir schreibt:

    Lieber Wolfgang, gute Reise nach Prag, ich fahre nach Wien und werde Auður Ava als Lektüre mitnehmen – dank an dich – manchmal muss man über den Bach um Wasser zu holen, bless og góða ferð, Sigrún

  5. dasgrauesofa schreibt:

    Das ist ja wieder einmal eine Besprechung, der ich mich überhaupt nicht erwehren kann: Das Buch muss -sofort! – auf mein graues Sofa! Und eine schöne Reise wünsche ich auch! Und natürlich lesen wir uns im kommenden Jahr wieder.
    Viele Grüße, Claudia

  6. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Oh, wir bräuchten in diesem grauen November noch viele bunte Schmetterlinge! Danke für die Vorstellung dieses Buches! Und aus reinem Eigennutz, weil ich den Blog so gerne lese, hoffe ich, dass es auch auf der Reise ab und an Möglichkeiten gibt, etwas zu veröffentlichen! Eine gute Zeit!

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