„Todesnacht“ – Ein Island-Thriller von Ragnar Jónasson

…doch so richtig dunkel wird es nicht!

Lauert hier ein Mörder an Islands Küste? © Wolfgang Schiffer

Lauert hier ein Mörder an Islands Küste? © Wolfgang Schiffer

Wie in meinem Beitrag zu „Seelen im Eis“ angekündigt, habe ich nun auch den neuen Kriminalroman von Ragnar Jónasson gelesen – doch, ich sage es gleich zu Beginn, begeistert hat er mich nicht. Mein heutiges „Rauchzeichen“ dazu entspringt also mehr dem Vorsatz, möglichst kontinuierlich die in deutscher Übersetzung erscheinende Literatur aus Island zu betrachten – eigentlich will ich mich in meinem Blog nur zu Büchern, Veranstaltungen etc. äußern, denen ich etwas abgewinnen konnte…

Dabei erinnere ich mich, „Schneebraut“, den ersten Thriller von Ragnar Jónasson der offensichtlich auf mehrere Fortsetzungen angelegten Reihe über die Ermittlungsarbeit des jungen Polizisten Ari Þór Arason, gerne gelesen zu haben. Erschienen ist er 2011, in dem Jahr des Ehrengast-Auftritts Islands auf der Frankfurter Buchmesse.

19332_Jonasson_Schneebraut_1.inddAri hat in Reykjavík sein Theologiestudium abgebrochen, die Polizeischule absolviert und ist nach Siglufjörður, einem kleinen Fischerstädtchen im äußeren Norden Islands versetzt worden. Und hier, in dem ihm völlig unbekannten Ort, in dessen durch einen heftigen Wintereinbruch noch verstärkten Isolation, stößt er auf eine blutend und bewusstlos im Schnee liegende junge Frau. Und bald kommt in dem kleinen Theater des Dorfes auch noch ein Schriftsteller zu Tode – Ereignisse, deren Aufklärung subtile Polizeiarbeit erfordert, in deren Verlauf so manches dunkle Geheimnis aus der Vergangenheit an den Tag kommt.

Ari geht in dieser Arbeit auf, beharrlich und mit einem guten Maß an Intuition – sie lässt ihn partiell sogar seine Krise mit seiner Freundin Kristín vergessen, die ihm nicht in den Norden folgen wollte – eine Krise, die schließlich zur Trennung führt.

TodesnachtAuch der Plot des zweiten, in der Übersetzung von Tina Flecken wiederum im Scherz Verlag erschienenen Romans um Ari Þór Arason ist im Kern in Siglufjörður angesiedelt, doch dehnt der Autor den Schauplatz deutlich aus. Bereits die obligatorische Leiche wird weit außerhalb des Ortes gefunden, im Skagafjörður. Elías Freysson, ein Bauunternehmer aus Siglufjörður mit drei Kumpeln als Angestellte, ist hier auf einer seiner Baustellen, einem Haus für den, wie wir später erfahren werden, ehemals wegen Trunkenheit berüchtigten Arzt Ríkharður Lindgren, erschlagen worden – mit einem Brett, aus dem mit eben jener tödlichen Folge ein Nagel ragte.

Ari, dem sein Chef Tómas – sehr zum Missfallen des älteren Kollegen Hlynur – den Fall übertragen hat, muss mit seinen Ermittlungen der Kriminalpolizei in Akureyri zuzuarbeiten. In vielen Gesprächen und Befragungen recherchiert er das Umfeld des Toten, überprüft Alibis und so weiter, doch konkrete Verdachtsmomente, wer einen Grund gehabt haben könnte, dem Bauunternehmer nach dem Leben zu trachten, ergeben sich lange nicht. Im Gegenteil: die meisten schildern ihn als einen rechtschaffenen Menschen, der sich sogar mit großem Einsatz in der „Familienhilfe“ engagiert habe, einer wohltätigen Organisation zur Unterstützung von Menschen, die durch die Finanzkrise in Not geraten sind.

Doch Ari ist nicht der einzige, der Licht in das Dunkel zu bringen sucht. Aus Reykjavík reist Ísrún, eine Fernsehreporterin an, die mit der Aufklärung des Falles ganz offensichtlich ein persönliches Interesse verfolgt. Doch auch ihre erneute Befragung der polizeilich bereits kontaktierten Personen fördert (leider auch für den Leser) kaum Verwertbares zutage.
Allein eine Tasche mit Geld und ein Flug nach Nepal, den der Ermordete kurz vor seinem Ableben unternommen hat, machen ihn schließlich selbst verdächtig!

Bis hierin jedoch zumindest ein Teil-Motiv für das Verbrechen erkannt werden kann, überlagern zähe Nebengleise den konsequenten Aufbau einer Spannungsgeschichte: Ísrúns Wunsch, mehr über das Leben und den Tod ihrer Großmutter zu erfahren, Tómas Depression, weil seine Frau noch einmal zu einem Studium nach Reykjavík gezogen ist, Hlynurs innerer Kampf mit seiner wenig rühmlichen Vergangenheit als brutaler Mobber – und immer wieder Aris Verlangen nach Kristín, die als Ärztin nun doch im Norden arbeitet, von ihm offensichtlich aber nichts mehr wissen will… Das finale Konglomerat der Thriller-Zutaten – Kindesmisshandlung, Vergewaltigung, Menschenhandel – nimmt sich dagegen geradezu schlank aus.

Zu dieser von mir als dramaturgisches Defizit empfundenen Grundanlage des Romans kommen neben einer wohl kaum der Übersetzung geschuldeten Dialog-Sprödigkeit m. E. auch noch einige handwerkliche Patzer hinzu: In dem Bemühen, den Spannungsbogen trotz allem über die 30 Kapitel des Thrillers hinweg möglichst hoch zu halten, setzt der Autor ihnen zumeist ein „offenes“ Ende. Manche dieser Kapitelenden kommen jedoch recht banal daher, andere entpuppen sich gänzlich als nur „heiße Luft“ – nach der einen oder anderen Auflösung habe ich sogar vergeblich gesucht.

Nun, ich will nicht ausschließen, dass sich diese im nächsten Ari Þór Arason-Roman finden werden! Ich setze darauf! Denn Ragnar Jónasson hat bewiesen, dass er es besser kann…

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Island, Literatur, Thriller abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Todesnacht“ – Ein Island-Thriller von Ragnar Jónasson

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

  2. Pingback: Eiskaltes Gift | Wortspiele: Ein literarischer Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s