„Seelen im Eis“ – Ein Island-Thriller

Yrsa Sigurðardóttir seziert die mörderische Kraft der Vergangenheit

Abgeschieden © Wolfgang Schiffer

Abgeschieden © Wolfgang Schiffer

Der deutsche Bücherherbst 2013 gönnt uns, sehr zu meinem Bedauern, nur recht wenige Lesefreuden isländischer Provenienz. Auf eine von ihnen, den zweisprachigen Gedichtband „Geahnter Flügelschlag“, habe ich – partiell pro domo – bereits hingewiesen; „Duell“, ein neuer Krimi des Großmeisters Arnaldur Indriðason (Lübbe Verlag), wird wohl ebenso wie Jón Gnarrs Geschichte, wie er, der Stand-Up-Comedian, zum Bürgermeister von Reykjavík wurde (Tropen Verlag), erst im Januar 2014 erscheinen. Was bleibt? Nach meinem Kenntnisstand bietet uns der Herbst bislang allein zwei weitere Spannungsstoffe von der Insel aus Feuer und Eis: „Seelen im Eis“ von Yrsa Sigurðardóttir und „Todesnacht“ von Ragnar Jónasson, der erste erschienen als Fischer Taschenbuch, der zweite im Scherz Verlag.

„Nicht allein nach Einbruch der Nacht lesen…“, so warnt The Times vor „Seelen im Eis“. Nun, ich habe es dennoch gewagt und habe überlebt – allerdings darauf hoffend, dass mir Spätfolgen erspart bleiben mögen!

Seelen im EisDie Geschichte, die einem also offensichtlich den Schlaf rauben und das Gruseln lehren soll, wird auf zwei zeitlichen Ebenen erzählt. Im Heute recherchiert Óðinn, seit dem tödlichen Fenstersturz seiner Ex-Gattin Lára alleinerziehender Vater der elfjährigen Rún, im staatlichen Auftrag die Vergangenheit des abgeschieden gelegenen Erziehungsheims Krókur in den 70er Jahren. Es gilt, prophylaktisch eventuelle Entschädigungsansprüche ehemaliger, seinerzeit noch nicht strafmündiger Insassen festzustellen, wie sie von Bewohnern anderer, normaler Jugendheime wegen der dortigen Behandlung bereits gestellt wurden. Über Krókur allerdings ist bislang nichts Negatives bekannt, und das, obwohl dort zwei der zwangsverbrachten Jungen den Tod gefunden hatten – dies sei jedoch ein Unfall gewesen, verursacht durch ein vom Schnee verstopftes Auspuffrohr, das die sich im laufenden Auto versteckenden Burschen an den Motorabgasen ersticken ließ. Doch war es wirklich ein Unfall? Immerhin wurde das Heim kurz danach geschlossen!

Aldís, eine als Mädchen für alles ehemalige Mitarbeiterin von Krókur, die auf der zweiten Zeitebene, den ersten Monaten des Jahres 1974, die Geschehnisse aus ihrer Sicht schildert, verstärkt den Zweifel. Überhaupt lässt ihr Bericht viele Fragen danach aufkommen, ob dort alles mit rechten Dingen zugegangen ist: da sollen Briefe und Päckchen an die Insassen unterschlagen worden sein, sich heimlich eine merkwürdige Gestalt auf dem Gelände herumgetrieben haben, auch seien nicht alle der Insassen strafunmündig gewesen, ja, selbst von einem missgebildeten Säugling des Heimleiter-Ehepaars ist die Rede, das bei lebendigem Leib vergraben worden sei.

Während Óðinn sich, gestützt auf die Vorarbeiten seiner am Arbeitsplatz tot aufgefundenen Kollegin Róberta, in die Aktenlage einarbeitet und Zeugen für das damalige Leben in Krókur sucht, überträgt sich das Rumoren der Vergangenheit auf die Gegenwart.
War Láras Fenstersturz tatsächlich ein Unfall? Oder wurde sie etwa gestoßen? War er, trunken noch an jenem frühen Morgen, als es passierte, vielleicht selber in ihrer Wohnung? Und hat Rún, die seither psychisch mehr als auffällige Tochter, vielleicht miterlebt, was dabei geschehen ist? Und was ist eigentlich mit der Schwiegermutter, der von Rún gefürchteten Oma, deren Namen wir Leser aus guten Gründen erst sehr spät im Roman erfahren? Fragen über Fragen, zu denen sich allerlei mysteriöse Vorkommnisse und böse Omen gesellen, welche die Geschichte von einem Cliffhanger über den nächsten zu ihrem überraschenden, grausigen Ende treiben.

seelen-im-eis-yrsa-sigurdardottirFazit: Wer Thriller mit einer gehörigen Portion Gothic-Novel-Atmosphäre liebt, dürfte sich hier höchst unterhalten fühlen. Überhaupt: Yrsa Sigurðardóttir , die als Ingenieurin in Reykjavík arbeitet, versteht auch ihr literarisches Genre-Handwerk, deren Ergebnisse inzwischen in über 30 Sprachen übersetzt sind, wirklich bestens. Auch wenn sich für meinen Geschmack manche Länge einschleicht und der Spannungsbogen bisweilen allzu forciert daher kommt, der von Tina Flecken übersetzte Thriller „Seelen im Eis“, den es im Argon Verlag parallel auch als Hörbuch gibt, liefert glaubwürdige Charaktere, ein überzeugendes Kolorit der jeweiligen Zeit und eine komplexe Story, deren lose Fäden sich zunächst weit verzweigen, am Ende jedoch konsequent zusammengebunden sind. Zum spannungstechnischen Raffinement der Autorin zählt auch, dass der Thriller mit dem Ende beginnt. Aber ist es das wirkliche Ende? Schließlich gibt es auch noch ein Nachwort… Doch lesen oder hören Sie selbst!

Ich beginne jetzt mit der „Todesnacht“ – dem zweiten Polizeiroman von Ragnar Jónasson im etwas abgeschiedenen Siglufjörður im Norden der Insel.

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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13 Antworten zu „Seelen im Eis“ – Ein Island-Thriller

  1. gsohn schreibt:

    Das schreit doch nach einer Verfilmung.

    • schifferw schreibt:

      Lieber Gunnar, womöglich ja! So viel ich weiß, sind einige Romane der Autorin bereits für eine solche optioniert! Gute Morgengrüße, Wolfgang

  2. Tanja schreibt:

    Das klingt sehr spannend! Danke für diese tolle Besprechung.
    Liebe Grüße,
    Tanja

  3. Sabine Leskopf schreibt:

    Letzte Woche erschien Ein Schmetterling im November (Rigning í Nóvember) von Auður Ava Ólafsdóttir in meiner Übersetzung und im Januar kommt Ganze Tage im Café von Sólveig Jónsdóttir, beides im Insel Verlag 🙂 Gruß, Sabine

    • schifferw schreibt:

      Liebe Sabine, herzlichen Dank – ich habe es auch schon bemerkt, doch leider etwas zu spät für den obigen Beitrag… Beide Titel sind inzwischen bestellt! Ob der Insel Verlag „liefert“, bleibt eine andere Frage. Aber zum Glück gibt es ja immer auch noch Buchhandlungen! Gute Grüße,
      Wolfgang

  4. Pingback: „Todesnacht“ – Ein Island-Thriller von Ragnar Jónasson | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  5. nomadenseele schreibt:

    Mir fällt gerade auf, dass bei der Autorin immer die selben Vornamen auftauchen.

  6. Pingback: Eiskaltes Gift | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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  8. Pingback: Ein Isländer mordet mit Haushaltsgerät | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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